Die Heldengeschichte und ihr Ende

Was, wenn der entscheidende Moment eine Erfindung ist? Die Heldenreise hat die Fotografie geprägt – von Capa bis zum LOBA. Das Dérive verweigert sie. Ein Essay über das Ende einer Erzählung.

I.

Der Held bricht auf. Er überquert eine Schwelle, besteht Prüfungen, wird transformiert. Am Ende kehrt er zurück, verändert, mit einem Geschenk für die Gemeinschaft. Joseph Campbell nannte das den Monomythos. Eine Struktur so alt wie das Erzählen selbst.

Die Fotografie hat diese Struktur übernommen. Irgendwann, niemand weiß genau wann, begann sie, ihre eigenen Geschichten nach diesem Muster zu formen. Der Fotograf als Odysseus. Die Fremde als Prüfungsgelände. Das Bild als Beute.

Robert Capa am Strand der Normandie, 6. Juni 1944. Die Wellen schlagen gegen den Bug des Landungsboots. Capa springt ins Wasser, die Contax in der Hand, rennt durch das Feuer der deutschen Maschinengewehre. Von 106 Aufnahmen überleben elf. Ein Laborassistent in London hat die Negative zu heiß getrocknet. Die Emulsion schmilzt. Was bleibt, sind verschwommene Bilder voller Korn und Bewegungsunschärfe. Heute hängen sie in Museen.

Das ist eine Heldengeschichte.

II.

James Nachtwey in Ruanda, 1994. In Somalia. Im Sudan. In Bosnien. Er geht dorthin, wo andere fliehen. Seine Bilder zeigen Leichen, Verstümmelte, Verhungernde. Nachtwey trägt kugelsichere Weste und Helm. Er wird angeschossen, mehr als einmal. Er macht weiter. Sebastião Salgado bei den Goldgräbern der Serra Pelada. 50.000 Männer graben mit bloßen Händen nach Gold, klettern Leitern hinauf, die in den Himmel zu führen scheinen. Salgado fotografiert sie von oben, von unten, aus der Mitte des Geschehens. Später wird er Genesis fotografieren, die letzten unberührten Orte der Erde. Acht Jahre Reisen. 32 Länder. Ein Opus.

Aufbruch, Prüfung, Transformation, Rückkehr, Belohnung. Die Struktur wiederholt sich. Der Fotograf verlässt das Vertraute. Er begibt sich in Gefahr. Er wird verändert durch das, was er sieht. Er kehrt zurück mit Bildern. Die Welt belohnt ihn mit Anerkennung, mit Preisen, mit einem Platz in der Geschichte.

Der LOBA – Leica Oskar Barnack Award – ist die institutionalisierte Form dieser Erzählung. Seit 1979 prämiert Leica jährlich eine fotografische Arbeit, die sich durch humanistisches Engagement auszeichnet. Die Gewinner: Kriegsfotografen, Dokumentaristen des Elends, Chronisten der Katastrophen. Die Jurys suchen nach dem Helden, der auszog, das Leid der Welt zu zeigen.

III.

Die Heldenreise hat eine Mechanik. Sie braucht einen Protagonisten, der aufbricht. Sie braucht eine Fremde, die bereist wird. Sie braucht eine Transformation, die stattfindet. Sie braucht eine Rückkehr, die Sinn stiftet. Der LOBA ist eine Maschine, die diese Mechanik reproduziert. Jahr für Jahr. Die eingereichten Arbeiten folgen dem Muster, weil das Muster belohnt wird. Der Fotograf wird zum Helden, weil die Heldengeschichte der einzige Plot ist, der zählt. Das Elend liefert die Kulisse. Die Kriegsgebiete, die Slums, die Flüchtlingslager – sie werden zu Stationen der Heldenreise. Der Fotograf durchquert sie wie Odysseus die Unterwelt. Er sieht das Grauen und kehrt zurück, um davon zu berichten. Die Bilder sind seine Trophäen.

Alejandro Cegarra, LOBA 2025. Der venezolanische Fotograf begleitet Migranten an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze. Er klettert mit ihnen auf La Bestia, den Güterzug, der Hunderte verstümmelt und getötet hat. Er wartet mit ihnen in provisorischen Lagern. Die Jury lobt seine “berührenden Schwarzweißbilder” voller “Würde und Schönheit”. Rosa und Ruben, Eddie und Carolina, Ever mit seiner Tochter auf den Schultern – sie bekommen Namen in den Bildlegenden. Ihre Geschichte erzählt Cegarra. Sein Preisgeld: 40.000 Euro.

Die Heldengeschichte hat eine Schattenseite. Der Held braucht Material für seine Verwandlung. Irgendjemand muss die Statisterie liefern.

IV.

1957 veröffentlicht Guy Debord den Guide psychogéographique de Paris. Eine Karte, die keine Karte ist. Die Stadt zerfällt in Fragmente, die durch Pfeile verbunden sind. Die Pfeile zeigen keine Wege. Sie zeigen Strömungen, Anziehungskräfte, psychische Neigungen des Terrains.

Das Dérive. Das Umherschweifen. Eine Praxis ohne Anfang und ohne Ende. Man lässt sich treiben durch die Straßen, folgt den Impulsen der Umgebung. Es gibt kein Ziel. Es gibt keine Ankunft. Es gibt keine Geschichte, die erzählt werden will.
Das Dérive verweigert die Narration. Es gibt keinen Aufbruch, der einen Ausgang verspricht. Keine Mitte, die Spannung aufbaut. Kein Ende, das Sinn stiftet. Start und Ziel fallen in eins. Die Zeit verläuft nicht linear. Sie kreist.
Der Situationist ist kein Held. Er kehrt nicht zurück, weil er nie aufgebrochen ist. Er bringt keine Beute mit, weil er nicht auf der Jagd war. Er wird nicht transformiert, weil er keiner Prüfung bedarf.

V.

Die Leica in der Hand. Der Gang durch die Stadt. Dieselben Straßen, die man gestern gegangen ist. Dieselben Häuser, dieselben Laternen, dieselben Risse im Asphalt. Nichts Fremdes. Nichts Gefährliches. Keine Schwelle, die überschritten werden müsste.
Das Micro-Dérive. Tägliche Praxis des Umherschweifens im Vertrauten. Das Intervall. Das Beiläufige. Die Stadt durchsucht den Fotografen, während er die Stadt durchsucht. Die Kamera registriert Atmosphären. Keine Ereignisse. Ein seismographisches Instrument, das feine Erschütterungen aufzeichnet, die niemand bemerkt.
Limburg an der Lahn. Die morgendliche Runde, der Umweg auf dem Heimweg, der Bummel ohne Ziel. Die kleinen Dérives des Alltags. Und dann, zyklisch wiederkehrend, die Nordroute, die Südroute. Einmal im Jahr die komplette Umrundung, 45 Kilometer, Nord und Süd zusammen. Spiralförmige Annäherung. Man umkreist, was man nicht fassen kann. Dieselbe Strecke, andere Bilder. Die Wiederholung ist Vertiefung.

VI.

Der Monomythos braucht den entscheidenden Moment. Henri Cartier-Bresson hat ihn erfunden, oder zumindest benannt. Der Augenblick, in dem alles zusammenkommt. Form und Inhalt. Geometrie und Emotion. Der Fotograf erkennt ihn und drückt ab. Das Bild ist gemacht.
Das Dérive kennt keinen entscheidenden Moment. Es kennt nur Momente. Einer folgt dem anderen. Keiner ist wichtiger als der nächste. Die Bilder entstehen nebenbei, fast zufällig. Sie dokumentieren nichts. Sie beweisen nichts. Sie erzählen keine Geschichte.

Das nomadische Punctum. Es wandert, entzieht sich der Fixierung, lebt zwischen den Bildern. Roland Barthes hat das Punctum beschrieben als das, was einen sticht, verletzt, aus dem Bild heraus anspringt. Das nomadische Punctum schleicht sich ein. Es ist überall und nirgends. Man sucht es in einem Bild und findet es im nächsten.

VII.

Die Heldengeschichte verspricht Erlösung. Der Held kehrt zurück, verändert, geläutert. Er hat etwas gelernt. Er hat etwas mitgebracht. Die Welt ist anders als zuvor. Das Dérive verspricht nichts. Es gibt keine Erlösung, weil es keine Schuld gibt. Keine Läuterung, weil keine Prüfung stattfand. Keine Veränderung, weil keine Geschichte ablief. Was bleibt, sind Bilder. Lose Blätter, die in keine Reihenfolge zu bringen sind. Man kann sie mischen wie Karten. Vorne wird hinten. Die Chronologie löst sich auf. Die Geschichte, der Sinn, entsteht im Auge dessen, der schaut.

VIII.

Der Fotograf als Eroberer, der seine eigene Eroberungslogik durchschaut. Er legt die Kamera nicht nieder. Er richtet sie anders aus. Er zielt auf nichts mehr. Er empfängt, was sich zeigt.
Die Sprache der fotografischen Orthodoxie: shoot, capture, take a picture. Schießen, fangen, nehmen. Die Sprache der Jagd, des Krieges, der Aneignung.
Eine andere Sprache wäre möglich. Empfangen. Warten. Geschehenlassen. Der Fotograf als Medium. Die Bilder existieren bereits. Er fängt sie nur auf.

Keine Rückkehr, kein Held. Das klingt nach Verlust. Es ist keiner. Es ist Befreiung von einer Erzählung, die längst zu eng geworden ist. Die Heldengeschichte hat ausgedient. Sie hat zu viel Elend verwertet, zu viele Opfer zu Kulissen gemacht, zu viele Trophäen produziert.

IX.

Die Dinge geschehen. Der Autor beobachtet.
Das ist eine Haltung. Wu-Wei, das Nicht-Handeln, das wirksamer ist als jedes Eingreifen. Der Atem geht von selbst. Das Herz schlägt ohne Befehl. Die Bilder kommen zu dem, der wartet.

Limburg, Januar. Der Nebel hängt über der Lahn. Die Domtürme verschwinden im Grau. Man geht die morgendliche Runde, wie immer. Die Kamera hängt an der Schulter. Irgendwann hebt sich die Hand. Ein Bild entsteht. Man weiß nicht, warum gerade jetzt, warum gerade hier. Die Frage stellt sich nicht.

Der Held ist tot. Sein Ende war überfällig. Was bleibt, ist das Gehen. Das Schauen. Das stille Registrieren dessen, was ist.