Das Geflecht

Vom Gehen, Sehen, Auslösen

Die Fotografie in meiner Hand ist, wenngleich nur eine Spur von etwas Vergangenem, in einem ganz realen Sinn ein richtiges Bild mit eigener Substanz, Tonwerten, Form und eigener Atmosphäre. Dennoch gehören diese Eigenschaften nicht ihr, da sie von einer Vielzahl von Faktoren abhängig sind, die der Ganzheit des Sehens angehören, wie etwa vom Auge und Bewusstsein des Betrachters, von der Qualität des Lichts, in dem das Bild gesehen wird, von seiner Position im Verhältnis zu meinem Auge und so weiter. Da jede Veränderung eines oder mehrerer dieser Faktoren zu einer Änderung der Tonwerte und/oder Form führt, ist es klar, dass diese Eigenschaften nicht der Fotografie selbst zu eigen sind.

So weit, so bekannt. Das Bild ist kein Ding. Es entsteht im Sehen. Diese Einsicht liegt seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Man nickt, hakt ab, vergisst. Interessanter ist, was sie verdeckt.

Die Formulierung suggeriert immer noch: Da ist ein Ich, das sieht. Da ist ein Bild, das gesehen wird. Die Beziehung zwischen beiden mag komplex sein, abhängig von Licht und Winkel und Bewusstsein – die Grundstruktur bleibt intakt. Subjekt hier, Objekt dort. Dazwischen: Wahrnehmung.

Schon diese Aufteilung ist das Problem. Und es beginnt lange vor dem Bild.

Die Dérive

Ich verlasse das Haus. Kein Ziel. Die Stadt öffnet sich, Straßen, Gassen, Plätze. Ich gehe.

Die gewohnte Beschreibung: Ich durchquere den Raum. Das Subjekt bewegt sich durch eine Umgebung, die ihm äußerlich bleibt. Hier der Gehende, dort die Stadt.

Dass ich diese Straße einschlage und jene meide, ist Ergebnis von Kräften, die ich nicht überblicke. Die Neigung des Pflasters unter meinen Füßen. Das Licht, das aus einer Seitengasse fällt. Der Geruch von Kaffee, der mich anzieht, der Geruch von Abfall, der mich abstößt. Erinnerungen an frühere Gänge durch diese Gegend, halb vergessen, wirksam. Die Architektur, die bestimmte Bewegungen nahelegt und andere erschwert. Die Menschen, die mir entgegenkommen, deren Blicke mich streifen oder verfehlen.

Ich gehe durch die Stadt. Die Stadt geht durch mich.

Meine Schritte hinterlassen keine Spuren auf dem Asphalt. Trotzdem verändert jeder Gang die Stadt, minimal, unmerklich. Die Aufmerksamkeit, die ich einem Hauseingang schenke, existiert jetzt. Sie ist Teil dessen, was dieser Ort ist – für mich, in diesem Moment, und damit: überhaupt.

Kein Subjekt durchquert ein Objekt. Ein Feld von Beziehungen verdichtet sich im Gehen.

Das Sehen

Ich bleibe stehen. Ein Schatten auf einer Wand. Ich schaue.

Die gewohnte Beschreibung: Mein Blick fällt auf ein Objekt. Das Auge registriert, das Bewusstsein verarbeitet. Hier das sehende Subjekt, dort das gesehene Ding.

Dass dieser Schatten meine Aufmerksamkeit erregen kann, setzt voraus: Ich habe gelernt, Schatten zu sehen. Schatten als eigenständige Formen wahrzunehmen, als Gestalten, die etwas erzählen. Diese Fähigkeit wurde trainiert, über Jahre, durch Tausende von Bildern, durch Gespräche, durch Texte, durch das Gehen in Städten, in denen das Licht auf bestimmte Weise fällt.

Wer hat entschieden, welche Bilder ich sah? Kuratoren, Verleger, Algorithmen. Kritiker, deren Urteile sich eingeschrieben haben. Wettbewerbe, die bestimmte Motive prämieren. Kunstgeschichten, die manche Fotografen erinnern und andere vergessen. Das alles wirkt mit, wenn mein Blick auf diesen Schatten fällt – nicht als Wissen, das ich abrufe, sondern als Formung, die ich bin.

Ich bringe eine Geschichte mit. Die Geschichte bringt mich mit.

Der Schatten bringt ebenfalls eine Geschichte mit. Die Sonne steht in einem bestimmten Winkel, die Jahreszeit bestimmt die Länge, die Architektur die Form. Ein Baum, vor Jahrzehnten gepflanzt, wirft ihn. Städtebauliche Entscheidungen, die ich nicht kenne, haben diesen Ort geformt. All das wirkt mit, wenn mein Blick auf den Schatten fällt.

Und mein Körper. Die Müdigkeit in den Beinen vom Gehen. Der Kaffee, den ich vor einer Stunde getrunken habe. Die Nachricht, die ich noch nicht gelesen habe. Die Stimmung, die ich nicht benennen kann.

Das Sehen ist kein Strahl, der von mir ausgeht und auf ein Objekt trifft. Ein Knoten im Geflecht. Ein Moment, in dem sich vieles verdichtet.

Das Fotografieren

Ich hebe die Kamera. Der Sucher rahmt den Schatten. Ich drücke den Auslöser.

Die gewohnte Beschreibung: Ich nehme ein Bild auf. Das Subjekt eignet sich ein Stück Welt an, fixiert es, macht es verfügbar. Hier der Fotograf, dort das Motiv.

Die Kamera in meiner Hand trägt eine Genealogie. Ingenieure haben sie entworfen, Arbeiter sie montiert, Händler sie verkauft. Die Entscheidungen, die zu diesem Objektiv, diesem Sensor, diesem Gehäuse geführt haben, reichen Jahrzehnte zurück. Ich fotografiere mit dem Erbe von Barnack und Berek, mit den Entscheidungen von Konstrukteuren, deren Namen ich nicht kenne.

Der Ausschnitt, den ich wähle, ist geprägt von Bildern, die ich gesehen habe. Kompositionen, die sich eingeschrieben haben, Regeln, die ich befolge oder breche, Vorbilder, denen ich folge oder ausweiche. Jedes Bild, das ich je betrachtet habe, fotografiert mit.

Der Moment des Auslösens. Die Entscheidung fällt, und sie fällt nicht. Sie ereignet sich. Der Finger krümmt sich, der Verschluss öffnet sich, Licht fällt auf den Sensor. Eine Millisekunde. In dieser Millisekunde verdichtet sich alles: die Dérive, die mich hierher geführt hat, das Sehen, das diesen Schatten aus dem Strom des Sichtbaren gehoben hat, die Geschichte der Kamera, die Geschichte meines Blicks, die Geschichte des Ortes.

Ich fotografiere den Schatten. Der Schatten fotografiert mich.

Das Betrachten

Später. Ich sitze vor dem Bildschirm. Die Fotografie erscheint auf der Fläche. Ich betrachte.

Die gewohnte Beschreibung: Ich sehe das Bild, das ich gemacht habe. Das Subjekt begutachtet sein Werk, beurteilt es, ordnet es ein. Hier der Betrachter, dort das Bild.

Das Bild auf dem Bildschirm ist ein anderes als das Bild im Sucher. Der Moment ist vergangen. Ich bin ein anderer als der, der den Auslöser gedrückt hat. Stunden liegen dazwischen, andere Bilder, andere Gedanken, andere Stimmungen. Der Schatten, den ich jetzt sehe, ist ein anderer Schatten.

Das Licht im Raum färbt das Bild. Die Kalibrierung des Monitors formt die Tonwerte. Meine Erwartung, mit der ich das Bild öffne, bestimmt, was ich sehe. Die Erinnerung an den Moment des Fotografierens überlagert sich mit dem, was das Bild zeigt. Manchmal decken sie sich. Oft nicht.

Ich projiziere in das Bild. Das Bild projiziert in mich. Erinnerungen werden geweckt, die nicht mit diesem Bild zu tun haben. Assoziationen entstehen, die ich nicht kontrolliere. Das Bild wird zum Katalysator für etwas, das weit über seinen Inhalt hinausreicht.

Andere werden dieses Bild anders sehen. Ohne die Erinnerung an den Ort, ohne das Wissen um die Dérive, die dorthin führte, ohne die Empfindung des Lichts auf der Haut in jenem Moment. Sie bringen andere Geschichten mit. Andere Geschichten bringen sie mit.

Das Bild ist kein Behälter, der eine Bedeutung enthält. Es ist ein Knoten, an dem sich Fäden kreuzen. Jeder Betrachter knüpft neue Fäden an, löst andere.