Limburg Diary - the Dérive Project

sieben jahre, sage ich mir, sieben jahre und der Katalog liegt noch immer irgendwo zwischen den Dingen die man aufhebt weil man sie nicht aufgeben kann, zwischen Papieren und Fotografien und dem ganzen zärtlichen Schutt des Lebens, Marcus hatte besseres zu tun (er hatte immer besseres zu tun, das ist sein Recht, das ist vielleicht seine Kunst), und so stand ich dort, stellvertretender Künstler, stellvertretender Anwesender, als wäre Stellvertretung selbst schon eine Form von Liebe:
Klaus. fünfundneunzig Jahre. die Würde die ich meine wenn ich sage: Würde, nicht die steife, nicht die bronzene, sondern jene die sich im Körper abgelagert hat wie Sediment, wie licht in altem Holz, sein lächeln (das verschmitzte, fast lausbübische, dieses schelmische das sich weigert alt zu werden) und ich dachte: so sieht es aus, das grenzenlose Herz, von außen, wenn man Glück hat es zu sehen —
seit Limburg sehe ich ihn selten. Limburg als Entfernung, Limburg als die sanfte Verschiebung der Koordinaten, durch die manche Menschen langsam in die Unschärfe gleiten ohne dass man es bemerkt bis man plötzlich vor ihnen steht und bemerkt wie sehr man sie vermisst hat ohne es gewusst zu haben:
ich mache mir nichts vor. der Tag wird kommen. er kommt immer, dieser Tag, er wartet geduldig hinter allem Lachen und allem Streiten und allem gemeinsamen Schweigen vor Bildern die fragen: was bleibt, was bleibt, was bleibt — und ich werde dann wissen: das. genau das. sein Gesicht. die unermessliche Ruhe. das Lächeln in den Augen das mir sagte: du darfst hier erwachsen werden, du darfst hier noch nicht fertig sein.​​​​​​​​​​​​​​​​

Nachbemerkung

Der vorstehende Text entstand in der Nacht des 11. April 2026, unmittelbar nach der 24. Kurzen Nacht der Museen und Galerien in Wiesbaden. Gezeigt wurde die Ausstellung „Vom Verblühen – Was Bleibt” von Klaus Dettke und Marcus Bohl in den Räumen des Hospizvereins Auxilium e.V., Luisenstraße 26, Wiesbaden, ergänzt durch Blüten-Interventionen von Marianne Jensen. Dass die Ausstellung in einem Hospizverein zu sehen war, ist kein Zufall: Der Ort hält die Frage offen, die der Titel stellt und nicht stellt.

Marcus Bohl zeigte seine Arbeit Was bleibt erstmals 2019 im Esc-Space Wiesbaden, einem Off-Space, der an eben jenem Abend nach über achtzig Ausstellungen für immer seine Tore schloss. Den begleitenden Katalog veröffentlichte ich im selben Jahr bei BoD. Darin schrieb ich über medizinische Artefakte aus Krematorien, über abfotografierte Familienalben und über Engelchen auf Friedhöfen der oberrheinischen Tiefebene und über die Beobachtung, dass der Titel Was bleibt sich unweigerlich als Frage liest, obwohl er keines Fragezeichens bedarf. In der aktuellen Ausstellung sind allein die medizinischen Artefakte zu sehen — reduziert, konzentriert, ohne Umweg.

Klaus Dettke, 95, ist der bedeutende Mentor der Wiesbadener Künstlergruppe FfK — Marcus Bohl, Bernhard Reuss und ich. Wir kennen uns seit über vierzig Jahren, und ohne Klaus hätte es viele unserer Arbeiten nie gegeben. Klaus Dettkes Fotografien sind Aufnahmen blühender und verblühender Blumen im Portraitausschnitt, die er Selbstportraits nennt, kleinformatig auf Leinwand gedruckt und auf Keilrahmen aufgezogen. In den vergangenen zehn Jahren entstanden und unter dem Titel Vom Verblühen versammelt, traten sie nun erstmals in Dialog mit Bohls Was bleibt— eine erste gemeinsame Ausstellung, im Raum eines Vereins, der sich dem Begleiten von Sterbenden widmet. Marcus war nicht anwesend. Ich vertrat ihn — gerne und in tiefer Zuneigung zu beiden.


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)

Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.