Alle Fotografien wurden mit der Leica Q2 Mono am 3. April 2026 auf der Wanderroute Limburg Nordroute (LM N) aufgenommen.
Limburg Nord-Route
Eine Wanderung entlang der Route Limburg-Nord.
Limburg, 2026-04-03, 6:55 h, 31,5 km
Fotos: Aufgenommen mit der Leica Q2 Mono
5:59 Uhr, letzter Ausrüstungscheck. Die Garmin auf dem Tisch, die Schuhe an der Tür. Irgendwas fehlt, also schaue ich nochmal nach. 6:08 Uhr: Route einstellen. Verspäteter Start.
Das Vogelstimmenkonzert beginnt beim St. Vincent Krankenhaus, genauer: unterhalb des Schafsberg, gerade dann, wenn man linkerhand die Tilemannschule passiert und sich unverhofft in einem kleinen Wäldchen befindet, um 6:30 Uhr. Ich sage laut: unglaublich. Die Sonne geht erst um 6:59 Uhr auf. Was ich höre, ist also noch Dunkel — Gesang als Ankündigung, nicht als Begleitung.
Die NABU-Vogelstimmenuhr dokumentiert die morgendliche Abfolge nach Minuten vor Sonnenaufgang. Als erstes singen, ab 80 Minuten vor dem Sonnenaufgang, Gartenrotschwanz und Hausrotschwanz. Es folgen, gestaffelt, Singdrossel (55 Min.), Rotkehlchen (50 Min.), Amsel und Mönchsgrasmücke (45 Min.), Zaunkönig (40 Min.), Blaumeise und Zilpzalp (35 Min.), Kohlmeise (30 Min.), Stieglitz (20 Min.), Grünfink (15 Min.), Buchfink und Haussperling (10 Min.). Die Reihenfolge ist konstant. Eine Biologielehrerin in Marburg stellte von 1962 bis zu ihrer Pensionierung 1989 keinen Wecker. Sie kannte die Abfolge und wachte, nach eigener Aussage, stets beim Zaunkönig auf, 40 Minuten vor Sonnenaufgang. Ihr Mann, Verwaltungsangestellter, bezweifelte das. Er notierte drei Wochen lang die Aufwachzeiten. Er hatte Unrecht. Der Mechanismus ist photochemisch, nicht akustisch: Vögel beginnen zu singen, wenn Fotorezeptoren in der Netzhaut einen artspezifischen Helligkeitsschwellenwert überschreiten. Dasselbe gilt für Menschen, die ohne Rolläden schlafen. Die Frau schlief ohne Rolläden. Singvögel singen im Dialekt: der Gesang variiert regional nach Frequenz und Phrasenlänge. Ein Amsel-Männchen, das aus einer anderen Stadt zugezogen ist, singt einen fremden Dialekt. Das macht es für die ortsansässigen Weibchen attraktiv. Warum Fremdheit attraktiv ist, hat die Verhaltensforschung dokumentiert, aber nicht erklärt. In Städten singen Amseln auf höheren Frequenzen als auf dem Land, weil Umgebungslärm die tiefen Frequenzen übertönt. Ob die städtische Amsel darunter leidet, ist nicht bekannt. Ob sie sich angepasst hat oder ob sie etwas verloren hat, lässt sich von außen nicht unterscheiden.
Was ich um 6:30 höre: mindestens zehn Arten gleichzeitig, in einer Reihenfolge, die ich nicht zu bestimmen weiß. Am Bahnübergang Schafberg drei Rehe, zur rechten. Ich gehe weiter, noch auf Lahnhöhe, 114 Meter.
Kurz darauf erste Lahnüberquerung.
6:55 Uhr, Abzweig ins nächste Wäldchen. Staffel bleibt hinter mir. 7:01 Uhr: Grillhütte Staffel, im Klohäuschen brennt Licht. 7:12 Uhr: Sonnenaufgang, die Sonne als feuerroter Ball am Himmel. Die Route steigt leicht an.
7:22 Uhr, das Institut für Geotechnik links, der Elzer Berg links, Gewerbegebiet Staffel rechts unten. Ich bleibe kurz stehen. 7:27 Uhr an der ICE-Trasse, der Lärm in Wellen. Staffeler Bahnhof 7:46 Uhr. Hinter Staffel, 7:54 Uhr, unter der ICE-Strecke durch, unter der A3 durch: wieder 109 Meter, Talsohle. 8:08 Uhr, Mann mit Rauhaardackel. Er war bis Vier Uhr auf der Jagd, jetzt Morgenrunde.
8:10 Uhr Reit- und Fahrverein Elz. Keine Pferde gesehen. 8:16 Uhr Neumühle Elz. Kurz vor Offheim, 8:32 Uhr, überholt mich eine Joggerin, Musik laut aus dem Smartphone, welche Musik unbekannt, der Hund fröhlich zwischen unseren Beinen, dann weg. 8:38 Uhr Offheim. 8:47 Uhr ein Mann mit Dobermann, kurzer Blickwechsel.
8:57 Uhr Offheimer Wäldchen, Rast. Der Anstieg hat begonnen, knapp 180 Meter. 9:13 Uhr weiter. 9:27 Uhr Urselthaler Hof — der Name hat etwas Altfränkisches, Bernhardisches: Urselthal.
9:40 Uhr Rot-Milan, über mir, kreisend. Das Rot der Schwanzfedern, das ich im Gegenlicht nicht sehe, aber weiß. 9:45 Uhr Ortsausgang Ahlbach. 9:55 Uhr Steinbruch, 232 Meter, Pause. Felswände, das Gestein schichtig, das Licht steil.
Der Steinbruch bei Ahlbach liegt im devonischen Kalkstein des Taunus-Südabhangs, Gesteinsalter ca. 380 Millionen Jahre. In den aktiven Jahrzehnten des Betriebs lieferte er Baumaterial für die Region, darunter Kirchenfundamente und Straßenunterbau. Der Kalk wurde gebrannt. Das Brennen von Kalk erfordert Temperaturen um 900 Grad Celsius und Holz in großen Mengen. Die umliegenden Wälder wurden dafür systematisch gerodet.
9:59 Uhr noch ein paar Fotos, dann weiter. 10:05 Uhr Albacher Grillhütte rechts. 10:06 Uhr Schafe links. Eine Minute Abstand.
10:16 Uhr, Abgang aus Ahlbach. Ein älterer Mann pfeift: Muss ich denn zum Städtle hinaus. Das Lied trifft einen unerwartet. 10:25 Uhr Rehe links, die zweiten des Tages. Der Weg bergab, fünf Stundenkilometer.
10:51 Uhr, die B49 unterquert. Erster Blick auf Sankt Lubentius in Dietkirchen, auf dem Felsen, über der Lahn.
Bischof Lubentius von Trier, gestorben um 370 n. Chr., Schüler des Martin von Tours. Sein Leichnam wurde, dem Brauch entsprechend, auf einen Wagen geladen und von Ochsen gezogen, ohne dass man die Tiere lenkte. Wo die Ochsen stehenblieben, sollte er begraben werden. Die Ochsen blieben auf dem Dolomitfels über der Lahn stehen. Auf dem Fels, 40 Meter über dem Fluss, wurde die Kirche errichtet. Der Fels besteht aus devonischem Dolomit, gleichen Alters wie der Kalkstein bei Ahlbach. Die Kirchengemeinde existiert seit dem 4. Jahrhundert ununterbrochen.
11:03 Uhr, eine Frau am Wegrand mit kleinem Hund, sie übt Stillsitzen mit ihm. Den Hund interessiert das nicht. Er bellt, er versucht mich zu beißen.
11:20 Uhr St. Lubentius, Pause. Der Felsen fällt zur Lahn ab, von 187 Metern fast senkrecht auf Flusspegel. 11:34 Uhr weiter.
11:38 Uhr das Adorno-Haus.
Theodor Ludwig Wiesengrund, geboren 1903 in Frankfurt am Main, nahm später den Mädchennamen seiner Mutter an: Calvelli-Adorno della Piana, eine Linie genuesischen Adels. Die Mutter war Opernsängerin, Mezzosopran. Der Junge wuchs zwischen Weinhandel und Gesang auf und lernte früh, beides als dasselbe zu begreifen: Ware und Klang, Tausch und Wahrheit. Ob die Familie die Lahn kannte, ist nicht belegt. Es gibt Hinweise, dass Maria Calvelli-Adorno in den Sommern der frühen 1910er Jahre Auftritte in Wiesbaden hatte und die Strecke flussaufwärts fuhr. In einem undatierten Brief, der im Frankfurter Adorno-Archiv unter der Signatur Na 1/228 liegt, schreibt Adorno an seinen Verleger Peter Suhrkamp: „Ich erinnere mich an eine Kirche auf einem Fels, die meine Mutter schön fand. Sie sagte, der Fels verweigere die Bewegung. Ich wusste nicht, was sie meinte, und weiß es immer noch nicht.” Ob damit Dietkirchen gemeint ist, wurde nicht geklärt. Die Signatur Na 1/228 existiert im Archiv nicht.
An einem Haus in Dietkirchen steht, von den Bewohnern angebracht: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Der Satz ist aus den Minima Moralia, Aphorismus 18, geschrieben im amerikanischen Exil, 1944. Wegen dieses Satzes heißt das Haus Adorno-Haus. Adorno hatte damit nichts zu tun. 11:39 Uhr Blick auf die Lahn. 11:49 Uhr Lahnüberquerung bei Dietkirchen: 109 Meter. Zuvor: öffentliches WC aufgesucht, Erleichterung.
11:58 Uhr, einen Abzweig zu früh genommen, trotzdem auf die Limburg-Süd-Route gelangt, die ich bis zur Egenolfstraße laufe. 12:18 Uhr unter der ICE-Brücke durch, die Lahn rechts. 12:25 Uhr die A3-Brücke über die Lahn.
12:38 Uhr, Abzweig ins Tal Josaphat.
Im Buch Joel, 3. Kapitel, 2. Vers: „Ich werde alle Völker versammeln und sie ins Tal Josaphat hinabführen und dort mit ihnen ins Gericht gehen.” Das Tal Josaphat gilt in der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition als Ort des Jüngsten Gerichts. Es liegt, nach theologischer Überlieferung, zwischen dem Ölberg und dem Tempelberg in Jerusalem. Warum der Hohlweg zwischen Limburg-Süd und der Egenolfstraße denselben Namen trägt, ist nicht überliefert.
Das Tal Josaphat: ein kleines Tal, ein großer Name. 12:46 Uhr Haus Margarete, die Airbnb-Wohnung belegt. 12:56 Uhr Schützenhaus am Ende des Tals.
13:02 Uhr Egenolfstraße. 13:05 Uhr Ausgangsort. 6 Stunden, 56 Minuten. 32 Kilometer. 635 Höhenmeter. Rehe, Rot-Milan, Schafe, ein Dobermann, ein pfeifender Mann, ein beißender Hund, die ICE-Trasse dreimal, die Lahn einmal von oben, einmal unten, einmal drüber. Das Vogelstimmenkonzert ist lange vorbei.




























