Der Schweiß. Schon im Zug. Der Gameboy in der Hand, silbern, warm, diese seltsame Wärme von Plastik das zu lange angefasst wurde, das Cartridge drin, Nanoloop, vier Spuren, ich halte das Ding und denke vier Spuren reichen vier Spuren reichen immer (dieser Sommer dieser Sommer dieser Frankfurter Sommer 2001 der nach Asphalt riecht nach Körpern nach dem was noch kommt und schon nicht mehr da ist dieser Sommer der einen festhält der nicht loslässt der klebt)

die Franziusstraße, das multi.trudi, zehn Quadratmeter, Stefan Beck der eingeladen hat zum ersten Frankfurter Laptop-Musik-Wettbewerb und draußen vor dem multi.trudi der Abend der nicht kühlt die Straße die Hitze die von den Wänden zurückwirft die Leute die vorbeigehen und nicht wissen was hier passiert und es auch nicht wissen müssen, 2001, Frankfurt, das Rhein-Main-Becken, dieses Terrarium, diese Stadt die einen hält: drinnen: LAPTOPS. Titangehäuse. Kabel. Lüftergeräusche. Der Lärm des Laufens des Kühlens des Berechnens, diese neue Welt die sich gerade einrichtet in diesen Räumen in diesen Körpern in diesen Köpfen, und alle haben die neuesten Modelle die leistungsstärksten die schnellsten und ich stehe da mit meinem Gameboy silbern klein warm und sage zu Peschke —

Peschke.

du wirst darüber schreiben, sage ich, und er lacht, und ich sage du wirst schreiben dass ich letzter werde, die Regeln sage ich die Regeln sind ein Rahmen den man übertritt ignoriert ausdehnt so war das so IST DAS IMMER, es geht nicht ums Gewinnen es geht um die Irren und die Verrückten und die Freunde (die Irren die Verrückten diese herrlichen kaputten schönen Leute die mit vier Gameboys anreisen oder mit einem Laptop und einem Bier oder mit einer blitzenden Kugel weil warum nicht weil Sommer weil zehn Quadratmeter weil 2001 und weil man jung ist oder so tut als ob)

draußen vor dem multi.trudi jemand der lacht. Die Straße. Frankfurt.

Martinovic baut auf: vier Gameboys, vier, zusammengeschaltet, Mischpult dazu, verboten, akzeptiert, NATÜRLICH akzeptiert, so läuft das so läuft das immer, die Regeln sind der Rahmen den man übertritt, (die Kugel blinkt Christiano hat eine blitzende blinkende kleine Kugel die Kugel blinkt immer weiter in der Hitze blinkt sie), Schmidt aus Berlin stellt seinen Laptop auf startet die Komposition holt sich ein Bier wird Betrachter seines eigenen Auftritts, Kraftwerk haben den Individualismus des Musikers auf den Müllhaufen geworfen, Jesus and Mary Chain haben mit dem Rücken zum Publikum gespielt (eine alberne, eine Vogelgeste, so zart, ach), Schmidt braucht nicht mal mehr den Rücken, Schmidt sitzt daneben, Schmidt wartet:

irgendwo stürzt ein Laptop ab.

Das rhythmische Rattern. Weg. Das Jazz-Muster das sich gerade ankündigte, weg, als hätte irgendetwas in diesen zehn Quadratmetern keine Lust mehr als hätte der Abend selbst keine Lust als hätte die GANZE SCHEISSE keine Lust, draußen vor dem multi.trudi die Hitze die bleibt die Leute die vorbeigehen die nichts wissen von Nanoloop von vier Spuren von dem was hier gerade passiert und nicht passiert, und dann ich.

Nanoloop. Vier Spuren. Kein externes Gerät. Die Regeln eingehalten. ICH WOLLTE VERLIEREN ich wollte immer verlieren an diesem Abend in diesem Sommer mit diesen Leuten war Verlieren das Richtige das Einzige das Schöne das was bleibt wenn alles andere weg ist, mein Minimalismus führt nicht zum Erfolg, das schreibt Peschke später, Sein Minimalismus führt nicht zum Erfolg, FAZ, 31. August 2001, Seite 66, zwei Sätze, Punkt, PUNKT —>.

(dieser Sommer dieser klebrige dieser Frankfurter Sommer 2001 in dem die Welt sich gerade neu einrichtete in dem Laptops die Zukunft waren und Gameboys die Vergangenheit und ich mit der Vergangenheit in der Hand in einem Kunstraum stand und die Regeln einhielt und verlor und das war richtig und das war schön und das weiß ich erst jetzt)

Martinovic 8,8 von zehn, Martinovic der vier Gameboys zusammengeschaltet hat und ein verbotenes Mischpult benutzt hat und damit gegen die Regeln verstoßen hat und damit gewonnen hat und damit genau das gemacht hat was man macht wenn man gewinnen will nämlich die Regeln nehmen und sie biegen und dehnen und ignorieren und trotzdem so tun als ob und das Publikum abstimmen lassen und das Publikum hat abgestimmt und Martinovic hat 8,8 von zehn Punkten bekommen und die Siegerurkunde und die erste Stelle und ich habe das gesehen und habe gedacht: ja, natürlich, so ist das, so war das immer, so wird das immer sein, die Regeln sind für die die verlieren wollen.

Ich gehe raus. Das multi.trudi hinter mir. Die Straße. Der Abend der draußen wartet warm. Frankfurt. Der Rhein irgendwo nicht weit. Die Freunde die Irren die Verrückten. Peschke der darüber schreiben wird.

Der Sommer hört nicht auf.

(dieser Sommer hört nicht auf dieser Sommer hört nicht auf)


Marc Peschkes Bericht erschien am 31. August 2001 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, S. 66, Ressort Kultur.


multi.trudi – Laptop Contest

multi.trudi


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)

Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.