Tote Bücher

Über das semantische Regime

Die These ist bekannt: Die Bildfolge ist der innere Puls des Fotobuchs. Der Gestalter ordnet Bilder, verbindet sie zu Bedeutungsketten, das Vorherige färbt das Nachfolgende ein. Ein Bild ist, was es zeigt — und was das vorige hinterließ, und was das nächste ahnen lässt.

Grundfalsch ist die Unterstellung von Syntax und Semantik. Beides haben Fotografien nicht. Ein Satz hat Syntax — Regeln, nach denen Zeichen Sinn erzeugen. Eine Fotografie hat keine. Sie ist kein Abbild, sie ist ein Konstrukt des Apparats. Und was dieses Konstrukt bedeutet, entzieht sich jeder Festlegung. Wer glaubt, Bilder sequenziell anordnen zu können wie Wörter in einem Satz, hat vergessen, was Bilder sind. Dahinter liegt etwas, das selten ausgesprochen wird. Die Sehnsucht nach Bedeutung. Der Wunsch, bedeutend zu sein: als Fotograf, als Künstler, als jemand, dem die Welt etwas schuldet. Das Fotobuch ist das Vehikel. Die Sequenz das Instrument. Wenn die Bilder nicht ausreichen, hilft die Anordnung. Reicht die nicht, kommt der Text, dann die Erklärung. Irgendwo zwischen Booklet und Podiumsgespräch entsteht das semantische Regime, das die Lücke schließen soll, die das Bild offen ließ.

Bedeutung entsteht so nicht. Sie entsteht in situ, aus erlebten Handlungen, aus dem Körper im Raum, aus dem Moment, der sich nicht wiederholt. Ein Fotobuch kann davon zeugen. Herstellen kann es nichts.

Der Fotobuchnerd weiß, wie Sequenz funktioniert. Er hat Parr und Badger gelesen, alle drei Bände, und er zitiert daraus wie aus der heiligen Schrift. Seine Sprache ist die Sprache der Bedeutungsproduktion: Das Buch verhandelt, thematisiert, dekonstruiert. Wer die Anordnung kontrolliert, kontrolliert den Sinn. So denkt der Fotografen-Fotobuchkünstler und er verteidigt seine Deutungshoheit wie ein Monopol. Auf der Vernissage erklärt er sein Werk. Die Bilder verschwinden hinter ihm. Der Sinn, den er meint, sitzt nicht in ihnen — er sitzt in ihm, und der verlässt den Raum mit ihm, wenn die Veranstaltung vorbei ist.

Der Nerd

Lemma. Nerd. Englisch. Aussprache: /nɜːd/. Die erste gedruckte Quelle ist Dr. Seuss, If I Ran the Zoo, 1950. Der Nerd taucht dort als imaginäre Kreatur ohne Charakterisierung auf, aufgelistet neben einem Nerkle und einem Seersucker. Was der Nerd damals war, weiß niemand. Er war noch nicht gemeint.

Zur Herkunft des Wortes existieren drei Thesen, keine gilt als gesichert.

These eins: Das Wort leitet sich von nert ab, einem Slang-Ausdruck der 1940er Jahre für eine dumme oder verrückte Person, der seinerseits eine Abwandlung von nut ist. Die Abstammungslinie lautet: Nuss → Spinner → Nerd. Sie ist plausibel und unromantisch.

These zwei: Drunk wird rückwärts gelesen. Drunk → knurd → nerd. Die These bezieht sich auf Studenten, die Partys meiden, während ihre Kommilitonen sich betrinken. Ein Artikel der IEEE Spectrum von 1995 brachte sie in Umlauf. Sie hat den Charme einer Geheimbotschaft und die Glaubwürdigkeit eines Ingenieurwitzes.

These drei: Das Wort ist ein Akronym für Northern Electric Research and Development. Die These erklärt die Nähe zu Wissenschaft und Technik. Sonst nichts.

Im amerikanischen Slang ist der Begriff seit 1951 dokumentiert. Populär wurde er in den 1960er Jahren — als Antonym zum Jock, dem athletisch und erotisch erfolgreichen Highschulschüler. Der Nerd ist das, was der Jock nicht ist. Das ist weniger eine Definition als eine Differenz.

Im deutschen Duden erschien das Wort 2004. Der Eintrag lautet: sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan. Die Markierung: abwertend. Der Duden hielt die Abwertung für wesentlich.

Der Fotobuchnerd ist eine Teilmenge. Seine Spielwiese ist kleiner. Seine Währung sind nicht Likes, sondern Sequenzen.

Fotografien haben keinen Code. Barthes nannte das die „Botschaft ohne Code”. Die Signifikate fluktuieren, entziehen sich der Festlegung. Was fehlt, ist nicht die Kontrolle über das Fundament — das Fundament fehlt. Weil es fehlt, sind es die Betrachtenden, die Bedeutung produzieren. Sie empfangen nicht. Sie machen das Bild zum Bild.​​​​​​​​​​​​​​​​

Der Zufall ist die einzig ehrliche Antwort, eine Geste.

Wer die Reihenfolge seiner Bilder randomisiert statt komponiert, ohne Dramaturgie, ohne semantisches Regime, wählt die einzige Strategie, die sich jeder Kontrollphantasie entzieht. Moriyama hat das gewusst. Farewell Photography, 1972: die Reihenfolge dem Zufall überlassen, ein Strom von Bildern aus eigenem Archiv, aus Büchern, aus Zeitschriften, bis an die Grenze der Lesbarkeit. Jahrzehnte später veröffentlichte Moriyama Random Walk: hundert lose Polaroids, denen eine vorgeschriebene Reihenfolge fehlt. Der Gestalter kann Material bereitstellen. Die Musik entsteht beim Spielen.