Das Nest
das kleine Wunder, dieses, zum Keller hin, in zwei Meter Höhe — ich hätte es beinahe übersehen, beinahe, wäre nicht dieses Ziehen gewesen, dieses Hin-Ziehen, dieses Innehalten das ich mir nicht erklären konnte. ich maß nach. zwei Meter. und Moos, so viel Moos, das Moos und wieder Moos, so sorgfältig gewählt so präzise geschichtet daß ich stillstehen mußte, nur schauen, nur das.
die Stille danach. das Herzpochen, ich weiß nicht wie lange. seitdem warte ich, ohne recht zu wissen, worauf.
wer wäre dieser Baumeister (und ich frage mich noch, jetzt, während ich dies schreibe, und werde es immer fragen), wer, der so etwas zustande brächte, nicht annähernd würde ich es hinbekommen, nicht diese Rundung, diese Geschlossenheit, diese formvollendete Kugel aus dem was der Boden hergibt, kein Lehrmeister, kein Werkzeug, kein zweiter Versuch, nur der Zaunkönig, der Zaunkönig! (mir fiel ein: man lernt zu staunen oder man lernt es nicht, und ich hatte es nie wirklich gelernt, oder: immer erst zu spät.) kaum größer als eine Walnuß, und sein Wissen, das älter wäre als jede Architektur die wir je erdacht hätten, je.
heute dann: Bewegung. ein kleiner Körper der zum Nest hin anflog, ein Würmchen im Schnabel, rosig und zuckend, das erste Zeichen, auf das ich gewartet hatte, ohne es so zu nennen.
wäre es die Zaunkönigın gewesen? oder er? (ich komme nicht dahinter, ich werde nicht dahinterkommen.) wer von beiden trüge jetzt die Verantwortung für das Unsichtbare drinnen, und als er — oder sie — ohne Würmchen wieder herauskam: was wäre dann geschehen, verloren unterwegs, verfüttert, an wen, brütete sie schon, wäre sie eingezogen, still und unbemerkt, während wir schliefen?
später, Moos im Schnabel (oder war es er, sie, wer?), er baue den Rohbau heißt es, sie den Innenausbau, als gäbe es eine Absprache, als hätte das alles eine Ordnung die ohne uns auskommt, diese Ordnung, und vielleicht gerade deshalb, gerade deshalb, so vollkommen wäre.
nun warten wir. die Tage würden vergehen, einer nach dem anderen und doch nicht ewig, und wir würden hinschauen ohne zu stören, würden horchen ohne zu verstehen, würden hoffen: auf die kleinen Zaunkönige und Zaunkönigınnen, die da kämen oder auch nicht, die schreien würden nach Leben oder auch schweigen würden für immer. das Warten hätte seine eigene Schwere, seinen eigenen Gang. man könnte nicht davon lassen, auch wenn man wollte.
ich dachte an jemanden der gewartet hatte, ein Leben lang, auf etwas das nicht kam, und der zuletzt nicht mehr unterschied zwischen dem Warten und sich selbst. ich dachte: das bin ich.
und wenn sie kämen? wenn sie schlüpften, eines nach dem anderen, blind und nackt und schon so laut, so unverhältnismäßig laut für etwas so Kleines — dieses Zwitschern, wäre es zu hören bis in die Küche, wäre es lauter als der Vater (der Vater! mit seinem scharfen drängenden Ruf, kaum zu überhören), und das Nest dann klingend wie ein einziges Verlangen, ungeduldig, ohne Scham. der Kreis auf den ich gewartet hätte, der sich schlösse, und doch: vielleicht bliebe immer ein Spalt, immer.
käme dann der Tag an dem sie flögen. wohin? einfach fort, an kein bestimmtes Ziel, nur weg von hier wie es wohl sein müsste, ob sie wiederkämen wüsste ich nicht. vielleicht wäre das auch nicht die richtige Frage. vielleicht wäre Heimat für sie kein Ort der festgehalten würde, kein Grund auf dem man besteht, kein Name den man verteidigt. Heimat wäre vielleicht nur das: ein Fleck an dem man sich niederlassen kann ohne Angst ohne Aufwand. weiter nichts. dieses Wort das so oft mißbraucht worden wäre, das nach Blut rieche und nach Erde die einem gehöre, sie wüßten davon nichts. gut so.
und dann, kurz: ich gehöre auch nirgends hin. auch das — gut so.
vielleicht begegneten sie unterwegs den Schwalben, von denen Eva erzählt hatte, ob sie sich zusammenfänden, ob sie einander verstünden, diese verschiedenen kleinen Körper in der Luft, ob sie gemeinsam rasteten irgendwo für eine Nacht, ohne zu fragen wem der Baum gehörte?
und ob sie wiederkämen oder blieben oder weiterflögen, ich hoffte, sie blieben frei. daß niemand sie festhalten würde, kein Name, kein Boden, keine Zugehörigkeit die man ihnen auferlegen könnte. nur der Flug. nur das Moos das sie kannten. nur dieser Keller, dieser Garten, dieser Himmel: als Möglichkeit, nicht als Pflicht.
ich weiß nicht, was mich mehr bewegte: das Nest, oder die Tatsache daß ich wartete, und daß das Warten kein Ende kannte, und noch immer: das Moos. und noch immer: das Herzpochen.
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