Ernst Leitz Museum, Wetzlar. Die Räume sind groß-artig. Die Bilder sind groß-artig.

Ein Schlittenhund, Kap Tobin, Grönland, 1997. Er schaut nach rechts, aus dem Bild hinaus, schaut auf etwas das ich nicht sehe, das außerhalb ist, das der Rahmen nicht mehr fasst, das Eis vielleicht, oder die Richtung aus der der Wind kommt, das Fell bewegt sich, leicht, das Licht kommt von links, wirft Schatten in das Fell, und der Hund schaut, schaut einfach, wartet vielleicht, oder, vielleicht ist Warten das falsche Wort, er ist einfach da, so wie man da ist wenn man weiß wo man ist.

Ein Jäger. Das Gesicht unter der Kapuze. Er friert, und es ist ihm gleichgültig, natürlich ist es ihm gleichgültig, was sonst, Gleichmut, ja, Gleichmut, er trotzt, sind es Unbillen, der Kälte, dem Wind, dem Eis, das nicht mehr so ist wie es war, mit gleichem Mut, mit diesem Mut, den ich mir einbilde von hier aus, von hier aus wo es warm ist, beheizt, wo ich stehe mit meiner Jacke die ich ausgezogen habe weil es warm ist, ich der ich noch nie, nie, dort war, dort oben, am Ende, am Rand, wie sie sagen, der Welt —

Ich gehe weiter. Ich kehre zurück. Wie das so ist, in Ausstellungen. Man geht von Bild zu Bild, berauscht sich an der Schönheit. Oder ist abgestoßen, nein, diesmal nur die Schönheit. Von Bild zu Bild. Und dann schleicht sich was ein. Ein Gedanke. Ein Gefühl. Eine Unsicherheit. Zurück. Man geht zurück. Bis zu dem Bild, bei dem Gedanke, Gefühl und Bild eins werden. Erst dann kann man weiter. Das ist so in Ausstellungen. Wo der Körper noch ganz einbezogen ist. Alles zielt auf den Körper. Die Sinne. Die Augen. Man soll beeindruckt sein. Man soll geblendet sein.

Ragnar Axelsson, geboren 1958 in Reykjavík. Fotojournalist beim isländischen Tagesblatt Morgunblaðið, vierundvierzig Jahre. Er besitzt einen Pilotenschein. Die Luftaufnahmen der Gletscher entstehen auf eigenen Flügen. Seit 1987 kehrt er immer wieder zurück, in die Arktis, nach Grönland, Sibirien, Island. Die Ausstellung im Ernst Leitz Museum zeigt eine Auswahl aus vier Jahrzehnten, kuratiert von Isabel Siben.

Erfrierungen an den Händen, lese ich, der Text ist direkt an der Wand aufgebracht. Es steht da beiläufig, wie eine Auszeichnung. Beiläufig. Er war bei ihnen, den Fischern, den Jägern, den Bauersfrauen, er ist fortgegangen, er ist wiedergekommen, Jahre, Jahrzehnte, immer wieder, und das sieht man, die Nähe stimmt, die Nähe stimmt wirklich, und ich stehe davor und weiß das, spüre das, spüre die Echtheit dieser Nähe, diese besondere Qualität von Vertrauen die man nicht herstellen kann, die entsteht oder nicht entsteht, die Zeit braucht, viel Zeit, die Kälte, die gemeinsamen Nächte, das Eis, das Schweigen, und ich stehe davor und merke gleichzeitig, dass ich nicht weiß, was es heißt, wirklich nicht weiß, was es heißt, dort zu sein, dort oben, in der Kälte, mit Erfrierungen an den Händen, ich der ich hier stehe, warm, Jacke ausgezogen weil es so beheizt ist, klimatisiert, perfekt temperiert, ich stehe hier und schaue und verstehe und verstehe nicht, nicht wirklich, nicht was es heißt wenn das Eis bricht, dieses Geräusch, das Knacken, tief, ein Grollen das aus dem Inneren kommt, aus dem Inneren des Eises, nicht von oben, nicht der Sturm, der Sturm ist anders, der Sturm kommt heran, man hört ihn kommen, man schmeckt ihn, diesen Salzgeschmack, diesen metallischen Unterton, der Himmel zieht sich zusammen, wird kleiner, nicht dunkler, kleiner, und die Weite, diese Weite die einen atemlos macht, weil sie unaufhörlich ist, kein Ende, kein Rand, nur Himmel und Eis und Himmel und Eis, und dann das Schmelzen, das kein Geräusch macht, das lautlos ist, das sich entzieht, Frau Smilla würde sagen: Eis hat Gedächtnis, Eis weiß, was es war, was es wird, Eis lügt nicht, und man schmeckt das, dieses Kalte das kein Kalt ist sondern ein Geschmack, rein, ohne alles, das auf der Zunge liegt und bleibt.

Ich denke an einen Freund, Frank. Frank, der den Pulitzer gewann, für Stories aus Philadelphia, der aber auch die Krisengebiete kennt, der weiß wie das ist, draußen, in der Kälte, mit der Kamera, der Körper als Werkzeug und als Risiko, Philadelphia, die seit achtzehn Jahren seine Heimatstadt ist, seit er aus Wiesbaden weg ist, zum Studium nach Santa Barbara, der nie zurückkam nach Wiesbaden, und doch gestern erst zu Besuch nach Limburg kam, Frank, und ich stelle mir vor, wir wären jetzt beide da, im Eis, und er zöge die Handschuhe aus, zöge sie einfach aus, um ein Foto von mir zu machen, für das Bild von mir, und ich sagte: Frank, nein, hör auf, sofort, zieh die Handschuhe wieder an, das Bild ist es nicht wert, kein Bild ist es wert, was soll das, Frank, was soll das, und Frank schaute mich an, so wie Frank schaut, und sagte nichts.

Frank würde seine Handschuhe nicht ausziehen. Er würde keine Erfrierungen in Kauf nehmen. Er würde mit mir aufs Eis starren. Die Fotografiegeschichte erzählt anderes.

Capa am Strand der Normandie, Nachtwey in den Kriegsgebieten, McCullin überall wo es brennt, der Körper als Beweis, der leidende Körper, der frierende Körper, der verwundete Körper als Beweis für die Ernsthaftigkeit des Anliegens, als wäre Leiden Legitimation, als wäre Schmerz Qualitätsmerkmal, Hemingway hätte das verstanden, Leica versteht das auch.

Island, 1968. Axelsson ist zehn Jahre alt. Sein Vater leiht ihm eine Leica, so teuer wie ein Auto. Er darf ihn nicht enttäuschen. Der Cousin, Bauer in Kvisker, fährt ihn im russischen Jeep über Flüsse ohne Brücken. Hunde beißen nach den Reifen. Der Cousin greift zur Signalpistole, schießt in die Luft. Die Hunde fliehen. Axelsson sitzt daneben und hält die Leica umklammert.

Inuit-Jäger. Fischerfrauen. Rentierhirten in der sibirischen Tundra. Man spürt die Jahrzehnte, die Geduld, das Vertrauen, dieses langsam gewachsene Vertrauen das sich nicht herbeiführen lässt, das entsteht oder eben nicht, und man spürt es, man sieht es, in den Gesichtern, in der Art wie jemand schaut wenn er weiß dass der der fotografiert wiederkommt, dass er bleibt, dass er nicht wegläuft mit dem Bild.

Und dann kommt die Frage, unhöflich, ungebeten, hier, in diesem Licht, vor diesen Gesichtern: wessen Geschichte ist das eigentlich. Wessen. Diese Jagd, dieses Eis, das Verschwinden, für wen verschwindet es, für uns die wir in klimatisierten Räumen genussvoll Fotografien konsumieren, für Leica, für den Katalog, für mich. Die Bilder packen mich, lassen mich traurig werden, dann wütend, rasend, und diese Wut, diese Wut die keine Adresse hat, die nirgendwo landet, nicht hier jedenfalls, nicht vor diesen Bildern, die so verdammt gut sind, so nah, so respektvoll, diese Wut auf was eigentlich, auf wen, auf Axelsson der vierzig Jahre seines Lebens dort verbracht hat, auf Leica die das alles rahmen und verkaufen, auf mich der ich hier stehe und schaue und nichts tue.

Die Bilder, sie sind ergreifend, berührend. Einjedes mit dem Hemingway-Touch. Das Geheimnis hinter den Bildern, das Eigentliche, verborgen, unaufdringlich, wie ein Eisberg. Und die großen Themen: der Kampf mit der Natur, gegen die Natur, die Jagd, das Leben, das Sterben, der Mensch der sich behauptet gegen Gezeiten und Sturm und Kälte und das Verschwinden, das sind die Themen, die wirklich großen Themen, und das sind die Leica-Themen, seit immer, seit Barnack, seit Capa, der Mann gegen die Welt, der Fotograf als Zeuge des Kampfes, und Axelsson passt da hinein, perfekt, er wurde dafür gemacht, oder er hat sich dafür gemacht, oder beides. Denke ich, was für eine Ironie —

Ein Jäger in Thule. Vor dreißig Jahren. Er sagt: „Irgendetwas stimmt nicht, so sollte es nicht sein, dem großen Eis geht es schlecht.” Sein Name wird nicht überliefert. Jahr für Jahr geht die Zahl der Jäger zurück. Eis, das einen Meter maß, misst heute zehn Zentimeter. Das Meereisfeld ist offene See.

In der Ausstellung sind zwei Fotografien mit Bären zu sehen. Einmal der massive Körper, angeschnitten, er ragt aus dem Bild, als wäre das Bild zu klein für ihn. Und einmal nur die Spuren im Schnee, der Bär selbst abwesend. Die Bären sind unsichtbar. Vielleicht geht es ihnen noch schlechter, als wir alle denken. Für die Inuit ist der Eisbär kein Tier. Er ist Verwandter, Vorfahre, Gegenüber: nanook, der, der immer da ist, auch wenn er nicht zu sehen ist, besonders dann, wenn er nicht zu sehen ist, die Abwesenheit selbst ist Anwesenheit, das wissen die Inuit, das weiß vielleicht auch der Bär.

Manchmal begegnen sich Bär und Mensch. Manchmal betrachten sie sich, respektvoll, auf Abstand. Manchmal geht es nicht gut aus.

Man denkt, man kennt die Grenze. Man denkt, man weiß, wo die Wildnis aufhört und man selbst anfängt. Nastassja Martin dachte das auch, Anthropologin, Kamtschatka, die Ewenen, bis ein Bär ihr ins Gesicht biss, und sie überlebt, Narben im Gesicht, und die Ewenen geben ihr danach einen neuen Namen: miedka, die Gezeichnete, halb Mensch, halb Bär, und Martin nimmt diesen Namen an, ohne Widerstand, gibt sich hin an das was danach kommt, das Träumen, das Fieber, das langsame Verschwimmen der Grenze zwischen ihr und den Ewenen, zwischen ihr und dem Bären, und diese Grenze wird dünner, immer dünner, die Haut durchlässiger —

Irgendwo zwischen den Bildern und dem Ausgang, im Shop, in den letzten Räumen, ich weiß es nicht mehr genau, denke ich: ich brauche eine Leica. Eine Monochrom. Natürlich. Das macht diese Ausstellung, was sie mit mir macht, was sie mit jedem macht der hier steht und schaut, der Apparat produziert seinen eigenen Hunger, das weiß ich, ich weiß es, aber Wissen hilft nicht.

Die Pressemitteilung nennt ihn, in der ersten Zeile, den „isländischen Leica-Fotografen”. Nicht: Fotografen. In der Dauerausstellung lehrt ein Wandtext Kompositionsregeln. Friedrich Dürrenmatt wird zitiert: „Jeder kann ein Foto machen. Sogar eine Maschine. Aber nicht jeder kann beobachten.” Axelsson fotografierte zuletzt mit der Leica M Monochrom (Typ 246).

Während diese Bilder in Wetzlar hängen, haben Mächte über das Territorium verhandelt, das sie zeigen. Rohstoffe. Seewege. Die Inuit wurden gefragt, oder auch nicht, natürlich nicht, sie werden nicht gefragt, das postkoloniale Regime fragt nicht, es behauptet, zum Besten aller zu handeln, für die Inuit, für die Region, für das Land, für die Wirtschaft, für das Klima, für die Zukunft, immer für die Zukunft, und die Inuit werden eingereiht in die Verwertungsströme, eingepreist, die Kultur wird folklorisiert oder beweint, sie dient als Kulisse, als Anreiz, als Beweis, dass hier etwas war, dass hier etwas verlorengeht, das man unbedingt schützen muss, durch Fotografieren, durch Dokumentieren, durch Ausstellen, in Wetzlar, in München, durch Leica, durch den Kehrer Verlag.

Es geht nicht um die Inuit. Es ging nie um sie.

Was wächst in den Trümmern des Kapitalismus, des neoliberalen Wirtschaftssystems, das die Arktis verwüstet während Axelsson sie fotografiert. Anna Tsing stellt diese Frage nicht in der Arktis, sondern anderswo, anhand des Matsutake-Pilzes, der sich nicht kultivieren lässt, der vor allem dort gedeiht wo der Boden gestört ist, in abgeholzten Wäldern, auf kontaminiertem Boden, genau dort wo die Verwertungslogik alles ausgeweidet hat und weitergezogen ist, wo nichts mehr sein sollte, kein Leben, keine Zukunft, und trotzdem: der Pilz, hartnäckig, ungebeten, eigensinnig, in den Ritzen, im Verworfenen, im Vergessenen.

Axelsson dokumentiert, was noch existiert.

Die Gletscher Islands ziehen sich zurück. Eis aus dem Schnee des 13. Jahrhunderts, gefallen während der blutigen Schlachten des Sturlungaold, bricht ins Meer ab.

Ich stehe vor dem letzten Bild. Ein Gletscher, von oben, aus dem Flugzeug. Island, vielleicht. Die Struktur des Eises. Schön.

Ich möchte eine Leica Monochrom. Jetzt ist es raus.

Eine M11. Das Beste. Axelssons Schwarz-Weiß, seine Tonwerte, sein Korn, das braucht eine Monochrom, eine echte M, Messsucher, Wechselobjektive, das Gewicht in der Hand, und ein 50mm, das beste 50mm, das Summicron vielleicht, oder das Noctilux, nein, das Summicron, klassisch, das 50mm Summicron, das ist das Objektiv, ich habe die Q2 Mono, ja, aber eine M, eine M —

Die Ausstellung „Where the World Is Melting” von Ragnar Axelsson ist bis zum 29. Mai 2026 im Ernst Leitz Museum in Wetzlar zu sehen. Der gleichnamige Bildband erscheint im Kehrer Verlag.

Weiter, weiter


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.

Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)

Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.