Tote Sprache

Über Bildaussage und Bildsprache

Donnerstagabend, Eröffnung in einer Galerie. Fotografien von AB an den Wänden, gerahmt, an ihren Platz gehängt. Man steht davor, in kleinen Gruppen, schlendert von Bild zu Bild. Erst sind es Dinge im Raum, und man ist ein Körper unter ihnen. Dann, meist früher als später, taucht die Frage auf — gestellt von jemandem oder im eigenen Kopf: Was sagt das Bild aus? Sie wird beantwortet, weil sie beantwortbar zu sein scheint. Der Fotograf erklärt: »Mit dieser Arbeit wollte ich zeigen, dass …«. In der Pressemitteilung steht: Die Aufnahmen thematisieren, verhandeln, dekonstruieren.

Grundfalsch ist die Annahme, ein Bild sage etwas aus. Eine Aussage ist eine sprachliche Form. Subjekt, Prädikat, Wahrheitswert. Ein Bild hat das nicht. Es ist kein Satz und auch nicht in Sätze umzuwandeln, ohne dass das, was an ihm Bild ist, dabei verloren ginge. Wer von der Bildaussage spricht, behandelt das Bild, als wäre es Sprache, und wundert sich, dass es schweigt, wenn er ihm zuhört.

Ein Bild ist zuerst etwas Sichtbares. Es hört nicht auf, sichtbar zu sein, ob es jemand liest oder nicht. Zum Zeichen wird ein Zeichen erst im Gebrauch. Das Bild ist schon da, bevor der Gebrauch beginnt.

Roland Barthes nennt das fotografische Bild in Le message photographique eine message sans code, eine Botschaft ohne Code. Das Bild zeigt etwas, deshalb ist es Botschaft. Es hat keinen Code, deshalb ist es nicht Sprache. Wer fragt, was es ausdrücke, fragt nach einem Code, den es nicht gibt, und wird einen erfinden müssen, um sich zu beruhigen. Die Frage führt in eine Sackgasse. Heidegger hat dafür ein Bild. Im Vorwort zu den Holzwegen: »Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege.« Pfade der Holzfäller, die in den Wald führen und dort enden. Wer sie geht, kommt nicht hinaus.

Mit toten Sprachen verhält es sich ähnlich. Sie haben Vokabular, Grammatik, Texte. Sie haben keine Sprecher. Die Frage nach der Bildaussage ist ein Holzweg in einer toten Sprache. Sie führt in einen Satz hinein und endet dort. Hinter der Frage steckt etwas, das selten ausgesprochen wird. Die Sehnsucht nach Bedeutung. Der Wunsch, dass das Bild zähle, dass es mehr sei als Oberfläche, mehr als Material. Wenn das Bild allein das nicht hergibt, kommt die Aussage. Reicht die Aussage nicht, kommt der Begleittext, dann die Erklärung. Irgendwo zwischen Booklet und Podium entsteht das semantische Regime, das die Lücke füllen soll, die das Bild offen ließ. In Tote Bücher war das die Sequenz; bei der Bildaussage ist es der Satz. Was offenbleibt im Text, nennt Wolfgang Iser Leerstelle. Stellen, an denen der Leser einsetzen muss. Aufs fotografische Bild übertragen: Es besteht fast vollständig aus solchen Leerstellen. Die Bildaussage füllt sie. Was offen war, ist nun geschlossen. Die Bedeutung gehört dem, der die Aussage getroffen hat.

Vilém Flusser denkt das Bild vom Apparat her. Das technische Bild bedeutet keine Welt mehr, sondern den Begriff, der es erzeugt hat. Wer nach der Bildaussage fragt, fragt nach diesem Begriff. Eine Schleife: Begriff erzeugt Bild, Bild bestätigt Begriff. Die Aussage erscheint als Bedeutung. Sie ist der Begriff in Worten.

Damit eine Bildaussage Geltung beanspruchen kann, braucht es eine Bildsprache, in der sie sich bewegt. Das Wort ist verräterisch. Bildsprache tut so, als beschriebe es eine Eigenschaft, die dem Bild innewohnt — wie hell es sei, wie scharf, wie komponiert. Es beschreibt eine Befugnis. Bildsprache wird zugesprochen oder abgesprochen, und das Zusprechen ist Sache derer, die das Vokabular dafür haben. Das sind in erster Linie die Kritiker, dann das Publikum, das den Kritikern folgt. Der Kritiker entscheidet, ob ein Bild Bildsprache hat oder bloß Bilderzeugnis ist, ob es zur Fotografie gehört oder zur Knipserei, und er entscheidet damit über Erfolg und Misserfolg dessen, der es gemacht hat. Was er dabei für einen Code zu lesen glaubt, stellt er selbst auf.

Bildaussage und Bildsprache einzufordern, ist eine Geste der Macht. Sie funktioniert, weil sie das Gefälle voraussetzt: hier der Kritiker, dort der Autor; hier der Ratgeber, dort der Ratsuchende.

Der Fotograf durchschaut das Spiel und spielt es mit. Sein Part ist das Werben um Bedeutung und Aufmerksamkeit. Er variiert, was funktioniert, in unendlichen Abwandlungen, jede davon eine Bewerbung um das Gefallen derer, die das Urteil sprechen. Wer dem Erwarteten zu nahe kommt, gilt als manieriert; wer zu weit davon abrückt, als unausgegoren. Die fehlende Handschrift ist genauso ein Vorwurf wie die zu deutliche. Das Heischen hört nie auf, weil das, was zugesprochen wird, jederzeit entzogen werden kann.

In La chambre claire unterscheidet Barthes Studium und Punctum. Studium ist das Lesbare, das, was sich in eine Aussage überführen lässt. Punctum ist der Stich. Das unvorhersehbare Detail, das aus dem Bild herausspringt und den Betrachtenden trifft. Nicht zu planen, nicht weiterzugeben. Mit der Frage nach der Aussage zielt man auf das Studium und behandelt das Punctum als Störung.

Wer mit einer Bildaussage im Kopf fotografiert, legt das Bild vor der Aufnahme fest. Er zielt auf das, was das Bild kommunizieren soll, und sieht nicht das, was da ist. Das Unvorhergesehene fällt aus dem Rahmen. Das Punctum kommt nicht zustande. Was bleibt, ist die Illustration einer Idee, die schon vor dem Auslösen fertig war.

Das ist die diskursive Variante des toten Sehens. Wo dort die Workshop-Liste den fotografischen Reflex auslöst, löst hier die Bildaussage den Begriff aus. Beides läuft auf dasselbe hinaus: Der Fotograf weiß, was er will, bevor er es sieht, und was er sieht, lässt er liegen.

Die Frage ist: Geht es auch ohne? Ohne Bildaussage, ohne Bildsprache. Was vom Bild bleibt, wenn niemand mehr sagt, was es aussagt, was es bedeutet — das wäre die Frage.

Limburg, Mai 2026