Beschäftigungstherapie, dachte Büttner, und schon das Wort war eine Verschleierung, schon damals in den Werkstätten der Anstalten war es eine Verschleierung gewesen, Therapie, sagte er sich, Therapie für ein Streichholzschachtelkleben, das niemanden heilte und niemanden heilen sollte, das die Insassen beschäftigt hielt und die Volkswirtschaft bediente und sich dabei den weißen Kittel der Heilkunst übergehängt hat, damit draußen niemand fragen musste, was da drinnen wirklich geschah, damit das Wort Therapie die Sache so freundlich klingen ließ, dass man weitergehen konnte. Dieses gepflegte Wort, dieses Sonntagswort, hat man über das stumpfe Sortieren gelegt wie einen sauberen Mantel, und genau dieses Verfahren, dachte Büttner, dieses Übermalen einer Zumutung mit einem fürsorglichen Wort, läuft heute wieder, jetzt heißt es Content-Moderation, ausgerechnet Moderation, sagte sich Büttner, wieder ein Sonntagswort, geholt aus dem Fernsehstudio, wo Moderation der gut sitzende Herr zwischen den Gästen war, die Dame, die das Gespräch mäßigt und Wasser nachschenkt, und dieses Studiowort hat man jemandem in Nairobi umgehängt, jemandem in Manila, jemandem in irgendeinem polnischen Vorort, der nichts moderiert und nichts mäßigt, der sich nur durch das angeordnete Elend klickt, durch die täglichen zehntausend Bilder Elend, damit irgendein Modell seine Trainingsdaten bekommt, damit irgendeine Firma in Kalifornien ihren Quartalsbericht bekommt, damit die Maschine läuft. Erschöpfungstherapie, dachte Büttner, Entmenschlichungstherapie, und über beidem dasselbe beruhigende Suffix wie damals, dasselbe Wort, das die Sache schöner macht, als sie ist. Wegklicken nennen sie es, Wegmarkieren, Wegbewerten, und sie nennen es Geistesarbeit, obwohl der Geist gar nicht klassifizieren will, nicht zwischen erlaubt und unerlaubt unterscheiden will auf einer Plattform, die ihm die Kategorien längst vorgekaut hat bis zur Unkenntlichkeit. Eine Tätigkeit, dachte Büttner, die man weder dem Menschen noch der Maschine ganz zuschlagen kann, die man dem Menschen aufzwingt, solange die Maschine sie noch nicht kann, und die man ihm wieder entreißt, sobald sie es kann, eine Zwischen-Tätigkeit also, eine Halb-Tätigkeit in der Schwebe zwischen Hand und Schaltkreis, zwischen Urteil und Reflex, und genau dort, wo der Mensch der Maschine vorausarbeitet und zugleich schon ihr Ersatzteil ist, genau dort hat man ihm das nächste schöne Wort umgehängt, knowledge worker steht darauf, als wäre das ein Adelstitel. Pseudowissen, sagte sich Büttner, Etikettenwissen, bestenfalls ein Wissen davon, wie groß der Schmerz ist, den eine Spezies sich zumutet, sobald man ihr Mindestlohn zahlt. Und derweil sitzen die Philosophinnen in ihren Talkshows, ordentlich moderiert, und reden von der Verantwortung der Plattformen, von der ethischen Dringlichkeit der Moderation, von Diskursräumen, Diskursräumen!, und merken nicht, dass dasselbe Wort, mit dem man drinnen den freundlichen Abend lenkt, draußen über jemandem hängt, der zum siebenhundertvierundachtzigsten Mal am Tag entscheiden muss, ob ein abgeschnittener Kopf politische Berichterstattung ist oder bloß Grausamkeit, in vier Sekunden, weil das Pensum es so will, das Pensum, das sie Produktivität nennen, Wertschöpfung. Und das ist der ganze Zweck dieser Wörter, dachte Büttner, der einzige, dass sie so harmlos klingen, so studiofein, so heilkundlich, dass die vor ihren Bildschirmen, die Konsument:innen, die Content-Creator und ihr Publikum, ruhig weiterscrollen können, ruhig schlafen können, ohne sich je den Menschen vorstellen zu müssen, der ihnen das Bild weggeklickt hat. Streichholzschachteln kleben für die Volkswirtschaft, dachte Büttner, früher hat man Therapie darübergeschrieben und eine Therapeutin in die Tür gestellt, heute schreibt man Moderation darüber und stellt niemanden in die Tür, niemanden, dasselbe Verfahren, derselbe Mantel, ein neues Wort, alle nennen es Arbeit, alle nennen es Wertschöpfung, alle, alle, alle.
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