
sechs uhr (noch dunkel), der Tee schon kalt. die erste fassung: alles hingeschrieben, schnell, roh, in einem zug, gegen niemanden (die Geister sind immer da). büttner gegenüber, der mir die sätze Sagt, die ich mich nicht traue. schnellschnell, ehe der tag schief hängt (er sagt, es geht so!). eine stunde, vielleicht zwei. dann steht sie da, die lauteste, die Faustfassung, die mit der Faust auf den tisch. zuletzt darüber, mit leichter hand. geglättet, was sich glätten ließ, das schroffe stehen lassen, ein wort getauscht, eine zeile umgestellt, einen bruch geöffnet, einen zugeklebt. und nicht auch noch schnell ein komma, nur rasch mit dem bleistift (ein bleistift-vielleicht?) — solange, bis es klingt, als hätte es nie eine Schere gegeben. die Schere quer durch den morgen getrieben, alles in streifen, in Wortbruchstücke. hundertdreiunddreißig, gezählt, inetwa, über die tischplatte verteilt. oft staunst du über dich selbst: so lebenstüchtig, so praktisch! mit Schere und klebestift. mit geduld, mit zufall und Zuversicht. die zweite hälfte gegen die erste gelegt, gefaltet, quergelesen, und was dabei herausfällt, hätt ich nie geschrieben: „und obwohl sie tot ist, liegt sie da” — Mayröcker auf dem tisch, aufgeschlagen, vollgekritzelt. und: „das feuilleton hat bei BoD hochgeladen.” die Faltschrift schreibt die sätze, die mir nicht einfallen (mir nicht, ihr schon). höchstens hier und da heb ich einen auf. kurz nach sieben. der Tee immer noch kalt. vier morgen aus einem morgen, und keiner fertig. aufstehen (der Rücken!), neuen kochen, der auch wieder kalt wird. ich warte auf büttner. es wird Lahnhell. und ich weiß: das hier ist auch nur die vorletzte, die immer-vorletzte fassung — die letzte schreibt sowieso keiner, am wenigsten ich. mit leichter hand, jeden morgen so.
Dieser Text nimmt teil an Miriam Schaans Schreibaufruf „über mein schreiben”. Vorabveröffentlichung aus dem Buch „Schreiben” von Sascha Büttner.
