August 2026 – Berlin Dérive!

Alle Fotografien wurden mit der Leica Q2 Mono im August 2026 in Berlin während eines Dérive aufgenommen.


Der Dérive begann gegen 07:00 Uhr, und zwar unweit des Tempelhofer Felds, nicht auf ihm. Der Unterschied ist erheblich. Wer das Feld betritt, hat sich bereits für die Weite entschieden, für den Blick bis zum Horizont, für das ehemalige Flugfeld mit seinen Start- und Landebahnen, auf denen heute niemand mehr startet. Wer sich an seinem Rand aufhält, behält die Möglichkeit, abzubiegen. Der Gehende blieb am Rand. Um diese Uhrzeit sind dort Hundehalter:innen unterwegs, einzelne Läufer:innen, Menschen auf dem Weg zur Frühschicht. Keiner von ihnen hatte ein Interesse daran, wohin der Gehende ging. Das war die Voraussetzung.

Ein Dérive, so haben es die Situationisten um Guy Debord beschrieben, ist ein Umherschweifen ohne Ziel, bei dem man sich den Anziehungen und Abstoßungen des Geländes überlässt. Die Stadt als soziales Gebilde entscheidet mit. Ein Ziel wäre ein Verstoß gegen die Methode. Insofern ist die Angabe, der Dérive habe in einer Galerie in Berlin-Mitte geendet, eine nachträgliche Feststellung und keine Planung. Man weiß erst am Ende, wo das Ende gewesen ist.

Zwischen 07:00 Uhr und 18:00 Uhr liegen elf Stunden. Die Luftlinie zwischen dem Tempelhofer Feld und der Schröderstraße beträgt keine sieben Kilometer. Ein zielstrebiger Mensch bewältigt diese Strecke in anderthalb Stunden zu Fuß. Die übrigen neuneinhalb Stunden gehören dem Umweg. Sie sind der eigentliche Gegenstand des Unternehmens, auch wenn sich über sie am wenigsten sagen lässt. Der Umweg hinterlässt keine Adresse.

Frage: Warum steht in Ihrem Bericht „glücklicherweise”?

Antwort: Weil es auch anders hätte ausgehen können.

Frage: Wie denn?

Antwort: Man kann in einer Seitenstraße enden, in einer Imbissbude, auf einer Bank, auf der man sitzen bleibt, weil die Füße nicht mehr wollen. Man kann in einem Zug enden, der die Stadt verlässt. Ein Dérive garantiert nichts.

Frage: Und die Galerie war ein gutes Ende?

Antwort: Die Galerie war ein Ende, an dem jemand da war. Nach elf Stunden ist das nicht wenig.

Das Wort „glücklicherweise” ist in diesem Zusammenhang ein Eingeständnis. Es besagt, dass der Gehende, der sich der Stadt überlassen wollte, am Abend doch erleichtert war, als die Stadt ihn an einem Ort absetzte, der ihm etwas bedeutete. Die Methode verlangt Gleichgültigkeit gegenüber dem Ausgang. Der Mensch, der die Methode anwendet, bringt diese Gleichgültigkeit nicht vollständig auf. Nach neun oder zehn Stunden Gehen wird der Körper parteiisch. Er bevorzugt Türen, hinter denen es Stühle gibt.

Die Galerie S|C Semjon Contemporary liegt in der Schröderstraße 1, Berlin-Mitte. Der Gehende erreichte sie gegen 18:00 Uhr. Die Uhrzeit ist ebenso ungefähr angegeben wie die des Aufbruchs. Wer elf Stunden unterwegs gewesen ist, rechnet nicht mehr in Minuten.


Der Gehende brachte vier Fieldrecordings mit. Über drei von ihnen liegen keine Angaben vor. Die vierte entstand in der Landesbibliothek.

Dort, so gab der Gehende an, habe er sich eine Weile ausgeruht, auch um seine Batterien aufzuladen. Die Aussage lässt offen, welche Batterien gemeint waren: die des Aufnahmegeräts oder die eines anderen technischen Wundergeräts, das er bei sich trug. Eine dritte Lesart hat er weder bestätigt noch ausgeschlossen. Nach mehreren Stunden Gehen ist auch der Mensch ein Gerät, dessen Ladestand sinkt. Eine Bibliothek eignet sich für beides. Sie hat Steckdosen, und sie hat Stühle. Sie verlangt nichts außer Ruhe, und die Ruhe ist zugleich das, was die Aufnahme festhält. Ein Fieldrecording aus einem Lesesaal besteht zum größten Teil aus dem, was die Anwesenden unterlassen: Sie sprechen nicht, sie telefonieren nicht, sie rücken ihre Stühle vorsichtig. Hörbar bleiben das Umblättern, ein Husten, die Lüftungsanlage, gelegentlich Schritte auf dem Weg zu den Regalen. Das Gerät zeichnet auf, während sein Besitzer sich ausruht. Für die Dauer der Aufnahme arbeitet nur eines von beiden.

Frage: Wie lange blieben Sie in der Bibliothek?

Antwort: Bis der Akku voll war.

Frage: Welcher Akku?

Antwort: Das ist eine Frage der Reihenfolge.

Für den Dérive bedeutet der Aufenthalt eine Unterbrechung, die zur Methode gehört. Das Umherschweifen kennt keine Pflicht zur Bewegung. Wer sich den Anziehungen des Geländes überlässt, darf auch dort sitzen bleiben, wo das Gelände ihn festhält. Die Landesbibliothek hielt ihn eine Weile fest. Dann ließ sie ihn wieder gehen.