Ein Fotografen-Kollektiv aus Wiesbaden, eine selbst gebaute Camera Obscura, eine Reise durch den amerikanischen Südwesten. Das war 1994.

Niépce, 1826

Das erste erhaltene Lichtbild der Geschichte, aufgenommen von einem Fenster in Burgund, zeigt die Dächer der umliegenden Gebäude. Die Belichtungszeit betrug acht Stunden. Da die Sonne in dieser Zeit von Osten nach Westen gewandert war, sind beide Seiten der Häuser beleuchtet. Dieser Zustand hat nie existiert. Niépce erkannte das Problem. Er versuchte, die Belichtungszeit zu verkürzen. Er scheiterte daran bis zu seinem Tod.

Die Vernissage war eine von denen, bei denen man zu früh eintrifft und dann bleibt. Ich hatte die Einladung aus einem Umschlag gezogen, den ich zwei Wochen lang nicht geöffnet hatte, und war aus einem diffusen Pflichtgefühl hingegangen, das ich mit Neugier verwechselte. Die Galerie lag in einer Nebenstraße hinter dem Bahnhof, wie Galerien immer in Nebenstraßen hinter Bahnhöfen liegen, und die Wände waren weiß und die Menschen tranken Wein und redeten über die Bilder oder auch über etwas anderes, das war nicht zu unterscheiden.
Großformatige Abzüge, Schwarz-Weiß, jedes gut einen Meter breit. Keine Rahmen, Tillmans-Hängung. Was mich sofort gefangen nahm, waren nicht die Motive, sondern dieser merkwürdige Aggregatzustand: scharf und unscharf zugleich, als hätte die Kamera eine Entscheidung getroffen (sie trifft sie natürlich nie) und sich dann nicht durchgesetzt. Als hätte das Licht auf dem Weg zur Emulsion etwas verändert — kein Fehler, eher Haltung.

Wüste. Straßen. Tankstellen.

Eine Brücke, die ich erkannte: die Golden Gate, aufgelöst in Grau, mehr Vermutung als Form. Ein Parkplatz, Joshua Tree National Park, kein Mensch, kein Wagen, Mittag. Eine Kreuzung irgendwo, kein Ortsschild, zwei Straßen, die sich trafen und dann wieder trennten.
Amerikanischer Südwesten, das war klar. Nicht das Amerika der Postkarten und
nicht das der Werbefotografie und nicht das der Reisemagazine, für die ich selbst jahrelang Texte geschrieben hatte.

Ich suchte nach einem Künstlernamen. Fand nur drei Buchstaben auf einem
kleinen Schild neben dem Eingang: FfK.
Die Galeristin, jung, ruhig, sagte: Die sind aus Wiesbaden, glaube ich. Oder
waren. Fishing for Kompliment, so heißen die. Gibt’s seit den Neunzigern.
Kaum Dokumentation.

Dann gab sie mir den Bildband.

Auf dem Tisch, zuhause, später: der Bildband. Ein Glas Wasser. Die Rechnung vom Taxi. Mein Notizbuch, die Seite vom heutigen Tag: leer. Der Bildband sieht nicht aus wie etwas, das Antworten enthält.

Bilder aus Erinnerung, zweite Auflage, 2023. Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt. Die Bilder: dieselben, die ich in der Galerie gesehen hatte, dazu andere, befremdlich, seltsamer, manchmal fast abstrakt. Seite für Seite Südwesten. Seite für Seite dieses Doppelwesen aus Schärfe und Unschärfe.

Im Nachwort, zwei Seiten, stand das Wichtigste über das Werkzeug:
Eine Camera Obscura. Selbst gebaut, 1994. Kein Fabrikat, kein Markenname.
Bodenplatte aus Sperrholz, ein Balgen, ein Loch, durch das das Licht fiel. Filmkassette hinten. Kein Stativ, stattdessen Improvisation, Auflegen, Anlehnen, die Erde als Untergrund. Drei Männer. Eine Reise. Acht Wochen, Sommer 1994.

Auf den letzten Seiten im Bildband, nach dem Nachwort, ein Verzeichnis der Bilder und Orte, jede Bildnummer mit ihrem Ort. Eine Mall in Santa Barbara. Ein Campground im Angeles National Forest. Roy’s Cafe and Motel in Amboy. Autowracks bei Oatman, Route 66. Der South Rim des Grand Canyon. Eine Toilette auf dem Kaibab Lake Campground. Eine Geisterstadt in Paria, Utah, die zugleich ein Filmset war oder gewesen war. Die Navajo Generating Station bei Page. Der Cottonwood Pass, 3696 Meter. Das Delle Cafe in Grantsville. Der Mono Lake. Ein Tierfriedhof im Presidio von San Francisco. Die Golden Gate Bridge. Und, Bild 55, zwischen alldem: Valley Curtain, Christo und Jeanne-Claude, 1972, Rifle Gap — ein orangefarbener Vorhang, einmal zwischen zwei Hängen gespannt, kaum länger als einen Tag, dann vom Wind zerrissen. Was die Camera dort 1994 aufnahm, war der Ort, an dem der Vorhang gehangen hatte.

In den Anmerkungen zur zweiten Auflage stand, man habe die Negative in höherer Auflösung digitalisiert und zu Bild 82 die Ortsangabe präzisiert: Washington Street, jetzt mit dem Zusatz Ecke Octavia Street. Es war die einzige Korrektur.

Ich saß noch lange am Tisch, blätterte im Bildband, trank Whisky.

Es war nach Mitternacht, als ich anfing zu recherchieren.

Was das Internet über FfK — Fishing for Kompliment — wusste, ließ sich in einem Satz zusammenfassen: Es gab keine Website, keinen Wikipedia-Eintrag, einen Hinweis in einem gescannten Ausstellungskatalog von 1999, dessen Druckqualität so schlecht war, dass die Hälfte des Textes unleserlich blieb; ein Beitrag in einer Mailingliste aus dem Jahr 2003, wo jemand — Initiale B., kein weiterer Name — einen Vortrag über fotografisches Bewusstsein angekündigt hatte, mit dem Titel: Jedes festgehaltene Bild hat eine Aura von Heiligkeit; und schließlich, nach längerem Suchen, eine Erwähnung im Kontext der sogenannten Wiesbadener Schule, einer fotografischen Strömung der späten Neunziger, von der ich nie gehört hatte und über die das Netz ebenfalls fast nichts wusste.

Wiesbadener Schule. Ich schrieb das in mein Notizbuch. Strich es durch. Schrieb
es noch einmal. Strich es wieder durch.

Dann fand ich einen Hinweis auf einen Roman.

büttner. Eine Autobiografie in Bruchstücken. BoD — Books on Demand, 2025.
786 Seiten. Ich bestellte das Buch online.

Bilder aus Erinnerung, Seite 47: Ralph.

Ein Mann, Mitte sechzig, vielleicht älter, stand vor einem Buick — so alt, dass die Karosserie keine Karosserie mehr war, nur noch eine Form. Im Hintergrund, halb angeschnitten: ein Streamliner, silbern. Berge, Colorado. Die Bildunterschrift: Ralph vor seinem Buick, in der Nähe von Gunnison, Colorado.

Kein Nachname, keine Geschichte, kein Kontext. Ralph war die einzige erkennbare fremde Person im gesamten Bildband — außer den drei Fotografen selbst auf Seite 95, auf die ich noch kommen werde. Der einzige Mensch, der einen Namen hatte.

Ich bin 60 Jahre alt, vielleicht älter und habe meinen Lebensunterhalt damit verdient, Orte zu beschreiben, manche behaupten, ich würde Orte erfinden. Den amerikanischen Südwesten kenne ich aus eigener Erfahrung: Gunnison, Colorado, 1987, vier Wochen, meine Cousine studierte dort. Sie bewohnte mit einer Kommilitonin ein Apartment auf dem Campus — Marie. Aspen war eine Stunde entfernt. Wir fuhren einmal hin. Dann einen Sommer in Santa Barbara, 1992, bei meinem Schulfreund A., der dort am Brooks Institute Fotografie studierte und in einem Haus lebte, das er mit Kommilitonen gemietet hatte und das nach Sonnencreme und alten Zeitungen roch. Die Route 50 durch Colorado, 2007, allein im Leihwagen, das Radio eingestellt auf Countrysendern, die immer schwächer wurden und schließlich verschwanden. Gunnison. Den Cottonwood Pass. Eine Nacht in San Francisco, 2012, mit Marie, in einem Hotel, das zu teuer war, zu üppig, zu viel von allem.

Tage später lag der Roman in der Post.

büttner war ein Buch von 786 Seiten, Paperback, Umschlag aus dünnem Karton.
Auf dem Cover nur der Titel, am oberen Rand. Der Autorenname, klein, rechts
unten. Kein Inhaltsverzeichnis.
Ich suchte den Text, von dem das Nachwort des Bildbands sprach. Amerika. Ich blätterte. Fand ihn nach zwanzig Minuten, irgendwo in der Mitte. Las ihn. Als ich fertig war, saß ich eine Weile da und wusste nicht genau, was ich gelesen hatte.

Es war die Geschichte einer Reise durch den amerikanischen Südwesten im Sommer
1994. Drei Männer: Büttner, Reuss, Bohl. Auktorialer Erzähler. Die Camera Obscura tauchte auf wie ein vierter Charakter: das Gerät auf dem Dach des Mietwagens, auf dem Asphalt, auf Fenstersimsen von Motels.

Die Prosa war lang und verästelt, Sätze, die sich durch Relativsätze schoben und Einschübe und Erinnerungen, die Erinnerungen an Erinnerungen waren, und manchmal brachen sie ab, mitten im Gedanken, als hätte jemand das Band gewechselt.

Was ich nicht erwartet hatte: die Orte.

Der Pearblossom Highway. Joshua Tree. Gunnison, Colorado. Die Golden Gate.

Fast dieselben Orte wie im Bildband — bis auf den Pearblossom Highway, der im
Bildband nicht vorkommt. Nur im Text. Das war die Reise, das waren die Bilder. Aber im Roman bekamen die Orte eine Textur, die die Bilder nicht hatten oder anders hatten: Gerüche, Dialoge, Pannen, Langeweile, die Erschöpfung nach zu vielen Nächten in Motels.

Und dann: Ralph.

Ich suchte ihn im Roman. Blätterte. Las. Gunnison, Colorado — die Orte stimmten, der Sommer stimmte. Aber Ralph tauchte nicht auf. Kein Gespräch, keine Geschichte, die mir erklärt hätte, wer der Mann mit dem Buick und dem Streamliner gewesen war.

Seite 47. Das war alles. Was ich nicht wusste, fing ich an, mir vorzustellen.

Büttner saß auf der Rückbank und sah nichts und alles zugleich — so ungefähr steht es in Amerika —, und ich las diesen Satz und erinnerte mich an die Straße nach Twentynine Palms.

1992. A. fuhr, ich saß auf dem Beifahrersitz, und die Straße nach Twentynine Palms war gerade wie ein Gedanke, den man zu Ende denkt, weil man ihn angefangen hat, und nicht weil er irgendwo hinführt. Die Joshua Trees warfen Schatten. Unbrauchbar. Die Hitze war eine eigene Substanz, sie war nicht Temperatur, sie war Materie. Und ich hatte ein Notizbuch auf den Knien. Ich schrieb kein einziges Wort.

Zwei Jahre bevor die drei Männer aus Wiesbaden dieselbe Straße fuhren.

Dieselbe Straße. Andere Menschen, anderes Jahr, andere Camera — A. hatte eine Nikon, analog, schwer, er trug sie immer mit sich, aber in der Wüste fotografierte er kaum, er sagte, das Licht ist zu direkt, man braucht das andere Licht, das Licht kurz nach Sonnenaufgang oder kurz vor Sonnenuntergang, aber nicht dieses Licht, das alles ausbrennt.

Was hatten wir hier eigentlich gesehen?

Die Route 50, 2007: Ich fuhr allein durch Colorado, das Radio eingestellt auf einem Sender, der irgendwann in ein Rauschen überging und dann verstummte, und dann war es still im Wagen, nur die Reifen auf dem Asphalt und die Klimaanlage und manchmal ein Truck, der entgegenkam und verschwand.

Büttner, in Amerika, in Colorado: Das Land ist größer als die Gedanken, die man mitbringt. Die Gedanken passen nicht. Man lässt sie irgendwo liegen, wie einen Rucksack, den man abstellt und vergisst.

Die drei Männer zu finden war schwieriger, als ich dachte, und leichter als es sein sollte.

Bohl: Soziologe, Fotograf, Spaziergänger. 1964 in Kassel geboren. Lebt in Wiesbaden. Ein Blog, zuletzt 2018 aktualisiert. 315 Follower auf Instagram, 388 Accounts, denen er folgt. Ich schrieb ihm, zweimal, über das Kontaktformular. Keine Antwort.

Büttner. Der Name des Romans, einer der Namen auf Seite 95 des Bildbands. Ich fand eine Erwähnung in einem alten Programmheft eines kleinen Theaters in Frankfurt,
Dramaturgie, Ende der Neunziger. Danach: nichts. Im Netz keine Spur. Kein Profil, kein Impressum, keine Adresse. Jemand, der nie angefangen hatte, sichtbar zu sein, oder damit aufgehört hatte.

Reuss: das war die Spur, die funktionierte, obwohl ich nicht verstehe warum.

Ein Bekannter kannte einen, der jemanden kannte, der in der Wiesbadener Kunstszene der Neunziger aktiv gewesen war. Solche Ketten gibt es. Der Bekannte des Bekannten hatte eine Telefonnummer.

Das Gespräch mit Reuss dauerte achtundzwanzig Minuten. Ich weiß es, weil ich danach auf mein Telefon schaute.

Er war freundlich und distanziert. Er bestätigte die Reise, 1994, acht Wochen. Am dritten Tag, sagte er, wurden sie ausgeraubt. Alles weg: Fotoausrüstung, Pässe, Bargeld, Kreditkarten, Flugtickets. Sie fuhren zu einem Schulfreund, der noch am Brooks Institute in Santa Barbara studierte. In dessen WG kamen sie unter. Man schenkte ihnen: ein Blechstück, das sie mit einem Nagel durchstanzten — die Blende. Ein Balgen, der irgendwo herumlag. Eine Filmkassette. Das Technische habe er gemacht, sagte Reuss. Das dauerte einen Tag. Dann fuhren sie weiter.

Die Bilder, sagte er, seien entstanden, wie alle ihre Bilder entstanden: Zusammen.
Einer sucht den Ausschnitt, einer legt den Film ein, einer wartet. Manchmal Minuten, manchmal länger. Was in dieser Zeit passierte — das Licht, der Wind, ein vorbeifahrendes Auto —, das war auf dem Bild.

Ich fragte nach Ralph.

Eine Pause. Dann: Ja. Irgendwo in Gunnison, er wusste nicht mehr wo genau. Ein alter Mann mit einem Buick, dahinter ein Streamliner. Sie hatten die Camera aufgebaut und das Bild gemacht, wie alle Bilder: aufstellen, warten, belichten.
Vietnam, sagte Reuss. Ralph sei Vietnam-Veteran gewesen. Sommers zog er mit dem Buick und dem Streamliner durch die Lande — Colorado, Utah, Nevada, zurück. Winters lebte er in einem kleinen Apartment in Denver.
Ralph, sagte Reuss, war der einzige Mensch, mit dem sie wirklich gesprochen
hatten auf dieser Reise. Sie hatten andere getroffen, natürlich. Aber die Gespräche waren Transaktionen gewesen: Tank voll, Zimmer für eine Nacht, Kaffee bitte, danke. Ralph hatte mit ihnen gesessen und geredet, ohne etwas zu wollen. Das sei selten gewesen.

Dann sagte Reuss, er müsse jetzt auflegen.

Ich bedankte mich.

Danach: Schweigen.

Bewegte Objekte

Bei langen Belichtungszeiten verschwinden bewegte Objekte aus dem Bild. Ein
vorbeifahrendes Auto hinterlässt keine Spur. Ein stehendes Auto ist scharf. Ein
Mensch, der durch das Bild läuft, ist nicht vorhanden. Ein Mensch, der stillhält,
ist vorhanden. Was das Bild zeigt, ist nicht das, was da war — sondern das, was
lange genug da war, um abgebildet zu werden.

Was blieb, waren die Bilder.

Nicht die Routen — die waren nicht dokumentiert, außer in Fragmenten, in
Amerika, das Fiktion war und vielleicht Protokoll. Nicht die Gespräche, die mündlich blieben und damit flüchtig. Nicht die Stimmungen, die Pannen, die Nächte in Motels, die Gerüche. All das existierte nur noch als Text in einem Roman.

Die Bilder allein waren Material. Die Bilder allein ließen sich anschauen.

Die Camera Obscura: ein Loch. Kein Linsenapparat, kein Prisma, keine Optik im
modernen Sinne — nur ein Loch, durch das Licht fiel. Auf der anderen Seite: das Bild. Umgekehrt. Invertiert. Und trotzdem erkennbar.

Ich fuhr selbst nochmal in den Südwesten. September desselben Jahres.

Ich weiß, wie das aussieht. Journalist, sechzig Jahre alt, fährt die Routen nach und schreibt eine Reportage darüber, wie die Orte sich verändert haben. Ja, ja.

Ich fuhr trotzdem.

Marie hätte etwas gesagt. Sie sagte immer etwas.

Las Vegas. Mietwagen. Allein. Kein Stativ, keine Camera Obscura, kein Fotoapparat außer dem Telefon in der Hosentasche, das ich kaum benutzte. Ich fuhr die 15 nach San Bernardino, dann die 10 Richtung Osten, dann die 62 hoch nach Twentynine Palms. Dieselbe Straße, die ich mit A. gefahren war, 1992. Dieselbe Straße, die Büttner und Reuss und Bohl 1994 gefahren waren, die Camera Obscura im Gepäck.

Die Joshuapalmen standen noch. Natürlich. Gleissendes Sonnenlicht, September, immer noch Wüstensommer. Ich hielt an einem Parkplatz, der vielleicht derselbe
war wie auf Seite 12 des Bildbands. Ich schaute mich um. Mir fiel nichts ein, das
ich hätte notieren können.

Dann fuhr ich nach Norden, durch Nevada, durch Utah, Richtung Colorado. Ich machte Umwege. Ich schlief in Motels, die so aussahen wie Motels immer aussehen, abends aß ich in Diners und trank Kaffee, der zu lange in der Kanne gestanden hatte, und las in Amerika, dem Text aus büttner, den ich mitgenommen hatte.

Der Roman meint Colorado 1994, der Ort meint Colorado jetzt, und ich saß
dazwischen und meinte irgendetwas, das ich nicht benennen konnte.

Gunnison war im September sehr still.

Die Espen an den Berghängen waren gelb, das ist so im Herbst, und der Herbst in Colorado vergeht schnell, er ist nicht ausgedehnt wie in Deutschland, er dauert eine Woche, manchmal zwei, und dann ist er vorbei und dann kommt der Winter.
Ich kam an einem Dienstag an, mittags. Ich kannte die Stadt.

Das Diner, in dem Ralph gesessen haben soll — irgendwo in Gunnison, Sommer 1994, sieben Jahre nach mir — existierte vielleicht noch, vielleicht nicht. Ich suchte nicht gezielt. Es gab Diners, mehr als einen, wie in jeder Stadt dieser Größe in Colorado. Ich ging in das nächste. Ein Fenster, durch das die Berge zu sehen waren. Wenige andere Gäste, alle schweigend oder in Gespräche vertieft, die ich nicht hören konnte.

Ich saß da. Ich dachte an nichts. Nicht an FfK, nicht an Büttner oder Reuss oder Bohl, nicht an Ralph, nicht an A. oder die Straße nach Twentynine Palms, nicht an meine eigene Reportage oder daran, was ich schreiben würde oder eben nicht.

Draußen die Espen, gelb. Drinnen der Kaffee, zu lang in der Kanne.

Dann dachte ich: Vielleicht ist es das.

Die Camera Obscura braucht Belichtungszeit. Das Bild entsteht nicht sofort, es entsteht in der Dauer.

Ich trank den Kaffee aus. Bezahlte. Fuhr weiter nach Westen.

Der Bildband lag auf dem Beifahrersitz, als ich von San Francisco zurückfuhr. Ich hatte die Stadt zwei Tage lang besucht, ohne Programm, ohne Ziele. Die Golden Gate hatte ich von weitem gesehen, aus der Distanz, wie man eine Brücke sieht, wenn man nicht dorthin fährt, um sie zu sehen, sondern weil sie da ist.

Im Nachwort stand ein Satz, der mich nicht losließ:

Bis auf ein einziges Mal haben die drei die Camera nie auf sich selbst gerichtet.

Seite 95.

Das Bild auf Seite 95 ist das letzte Bild des Bands, vor dem Impressum.

Bildunterschrift: Selbstportrait der Fotogruppe Fishing for Kompliment vor der Golden Gate Bridge, San Francisco, Kalifornien, 1994.

Ich habe es viele Male angeschaut, in den Wochen, in denen diese Reportage entstand. Im Zug, am Schreibtisch, einmal in einem Motel in der Nähe von Barstow, California, wo ich das Buch unter der Nachttischlampe aufschlug, weil ich nicht schlafen konnte.

Drei Männer. Ich nenne ihre Namen, weil Seite 95 sie nennt: Reuss, Bohl, Büttner.

Sie stehen vor der Camera — der Camera Obscura, ihrem eigenen Gerät, das sonst immer auf die Welt gerichtet war und nun auf sie. Hinter ihnen: die Golden Gate Bridge, aufgelöst im Grau, mehr Andeutung als Form, dieselbe Brücke, die ich an der Galerie-Wand gesehen und kaum erkannt hatte. Sie stehen, wie Menschen stehen, wenn sie das Fotografiert-werden für einen Moment vergessen haben: leicht versetzt, einer näher an der Camera als die anderen, einer mit einem Ausdruck, den ich nicht lesen kann.

Es ist das Licht des späten Nachmittags in San Francisco, das weichste Licht dieser Stadt, von der Bucht her, seitlich auf die Gesichter.

Die Gesichter sind erkennbar — das heißt, wenn man weiß, wen man sucht, findet man sie. Wenn man nicht weiß, wen man sucht, sieht man drei Männer an einem Sommertag, der dreißig Jahre vergangen ist.

Was ich nicht sehe: die Reise, die hinter ihnen liegt. Die acht Wochen, die Routen,
die Pannen, die Motive, die sie suchten. Ralph. Die Nächte in Motels. Die Camera Obscura auf dem Asphalt, die Minuten des Wartens, in denen das Licht durch das Loch fiel und das Bild entstand.

Das sieht man nicht.

Was ich sehe: das Einzige. Das einzige Mal, dass die Camera auf sie gerichtet war. Das Ende der Reise, oder kurz vor dem Ende. San Francisco, 1994. Drei Männer, dreißig Jahre jünger als heute, vor einer Brücke, die aufgelöst ist im Grau.

Das ist das Bild.

Ich habe das Buch auf den Tisch gelegt.

Dann habe ich es wieder aufgeschlagen.

Seite 95 schließt das Buch nicht ab. Nicht für mich.

Ich bin sechzig Jahre alt und habe Reisen beschrieben und Orte beschrieben und
Menschen beschrieben und gedacht, ich wüsste, was ich tue.

Drei Männer aus Wiesbaden fuhren im Sommer 1994 durch den amerikanischen Südwesten mit einer Camera, einer Blende aus einem Blechstück und einem Balgen, den sie geschenkt bekommen hatten. Einer von ihnen schrieb dreißig Jahre später einen Roman darüber, der Fiktion ist und vielleicht Protokoll. Sie sprachen mit einem Mann namens Ralph in Gunnison, Colorado, und fuhren weiter. Am Ende der Reise, in San Francisco, vor der Golden Gate Bridge, die im Grau aufgelöst war, richteten sie die Camera einmal auf sich selbst.

Das ist das einzige Mal.

Ich weiß nicht, was sie gesehen haben, als das Bild entstand. Ich weiß nicht, was Ralph ihnen gesagt hat. Kein Nachname. Keine Fortsetzung. Ich weiß nicht, was Reuss meinte, in den achtundzwanzig Minuten unseres Gesprächs, als er sagte, Ralph sei der einzige Mensch gewesen, mit dem sie wirklich gesprochen hätten. Ich weiß nicht, was Büttner gedacht hat auf der Rückbank, als die Straße nach Twentynine Palms gerade war wie ein Gedanke, den man zu Ende denkt, weil man ihn angefangen hat.

Ich saß 1992 auf dem Beifahrersitz, A. fuhr, und ich weiß auch nicht, was ich gedacht habe.

Das ist die Bedingung. Das Loch, die Kassette, der Balgen. Das Licht fällt hinein und erscheint auf der anderen Seite. Was dazwischenliegt — das ist die Camera, das Gerät, der Moment, die Zeit — verschwindet aus dem Bild. Man sieht das Bild. Man sieht nicht, wie es entstanden ist.

Seite 95. Drei Männer. Hinter ihnen die Brücke, kaum erkennbar. Das einzige Mal.

Ich habe das Buch wieder zugeklappt.

Auf dem Tisch: der Bildband. Ein Glas Wasser. Mein Notizbuch, vollgeschrieben
auf den Seiten vom heutigen Tag und von gestern und von vielen Tagen davor. Das Buch sieht immer noch nicht aus wie etwas, das Antworten enthält.

Aber vielleicht ist das nicht das Kriterium.

— Ende —

Alle Bilder aus dem Bildband “Bilder aus Erinnerung”, verfremdet mit einem LLM-Werkzeug.

Service

Zeitachse

1826 — Niépce, erstes erhaltenes Lichtbild, Burgund

1987 — Erzähler in Gunnison, Colorado

1992 — Erzähler in Santa Barbara, Fahrt nach Twentynine Palms

1994 — Fishingfor Kompliment, Reise durch den amerikanischen Südwesten

1999 — Ausstellungskatalog, gescannt, kaum lesbar

2003 — Mailingliste, Vortrag angekündigt, Initiale B.

2007 — Erzähler allein auf Route 50, Colorado

2012 — Erzähler in San Francisco mit Marie

2023Bilder aus Erinnerung, zweite Auflage

2025Roman büttner; Vernissage; Recherche; Nachreise, September


Wiesbadener Schule


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)

Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.


Rückwärtiges