Burnout als Streik
der liegt da, Mitte fünfzig, Geschäftsführer, mittelständisch, das Wort allein schon eine Zumutung, mittelständisch, als gäbe es einen Stand der Mitte, als wäre das etwas, ein Ort, an dem man stehen könnte, und er liegt da morgens und der Körper sagt NEIN und er erzählt mir das beim Gehen, beiläufig, so beiläufig wie man sagt es regnet, und genau DAS, diese Beiläufigkeit, diese routinierte Selbstverständlichkeit der eigenen Auslöschung, das ist es, das trifft, dreißig Jahre, dreißig Berufsjahre lang aufgestanden und jetzt, dieses eine Mal, der Körper, der sich, weigert.
Ein Bett in Limburg an der Lahn, Mittwochmorgen, 6:14 Uhr. Außentemperatur 4 Grad. Der Mann wiegt 89 Kilogramm. Sein Unternehmen beschäftigt 340 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 48 Millionen Euro. Die Matratze ist von Hästens, Modell Eala, Anschaffungspreis 14.800 Euro. In diesem Bett liegt ein Körper, der sich weigert, seine Funktion aufzunehmen. Die Betriebstemperatur wird nicht erreicht.
Im Jahr 1973 untersuchte die Hawthorne-Forschungsgruppe an der Western Electric Company den Zusammenhang zwischen Beleuchtungsstärke und Arbeitsleistung. Man stellte fest: Die Leistung stieg, gleichgültig ob man die Beleuchtung erhöhte oder senkte. Die Arbeiter reagierten nicht auf das Licht. Sie reagierten darauf, dass jemand hinsah. Nicht kontrollierend. Interessiert. Fünfzig Jahre später kontrolliert sich ein Mann lückenlos selbst, und niemand interessiert sich dafür. Das ist der Unterschied.
und sofort, sofort greift die Apparatur, die Diagnoseapparatur, Burnout, das Wort steht bereit wie ein Krankenwagen der schon um die Ecke wartet bevor der Unfall passiert ist, Burnout, und dann das Arsenal, Achtsamkeit, Coaching, App, eine App die ans Atmen erinnert, denk dir das, eine App die ans Atmen erinnert, als hätte der Körper vergessen was er seit Jahrmillionen tut, als müsste man dem Herzen eine Push-Nachricht schicken: schlag.
Das Hotel, in dem er zuletzt auf einer Führungskräftetagung gewesen war, hieß Lanserhof, oder vielleicht Schloss Elmau, einer dieser Orte mit Fichtenholzvertäfelung und skandinavisch anmutender Reduktion, an denen Männer in Frotteemänteln über ihre Erschöpfung sprachen, als handele es sich um eine besonders distinguierte Krankheit, eine Krankheit die man sich, wenn man so will, leisten können muss, und die Smoothies kosteten neunzehn Euro und die Stille war eine Dienstleistung und alles, wirklich alles, war darauf ausgerichtet, den Zustand der Zerstörung in einen Zustand der Erholung zu ÜBERSETZEN, ohne auch nur eine Sekunde lang die Frage zuzulassen, ob die Übersetzung selbst das Problem ist.
aber, nein, anders, ich will das anders, ich will das AUFSCHNEIDEN, ich will da rein in dieses Ding, was wenn, was wenn dieser Körper der da liegt, was wenn der etwas KLUGES tut, etwas unendlich Kluges, klüger als jeder Berater jeder Coach jeder Seminarleiter der je vor einer Flipchart stand und Purpose an die Wand geschrieben hat, was wenn das kein Versagen ist sondern eine, Intelligenz, eine leibliche Intelligenz, ein STREIK, ja, ein Streik, kein Zusammenbruch der repariert werden muss sondern eine Verweigerung die, gehört werden will, die schreit, die flüstert, die da liegt und sagt: nicht mehr, so nicht, nie wieder so.
Anmerkung zur Geschichte des Streiks. — Am 12. November 1910 traten 20.000 Textilarbeiterinnen in New York in den Ausstand, bekannt als »Uprising of the 20,000«. Sie hatten keine Gewerkschaft, kein Streikkomitee, keinen Plan. Eine junge Frau namens Clara Lemlich, 23 Jahre alt, stand auf und sagte auf Jiddisch: Ich habe keine Lust mehr auf Reden. Ich will einen Generalstreik. — Das Entscheidende: Der Streik war nicht organisiert. Er brach aus. Wie ein Fieber. Wie ein Rücken, der sich versteift.
der Unternehmer seiner selbst ist der Knecht seiner selbst, diese Formel, diese FORMEL die in ihrer Schlichtheit wehtut wie ein Schnitt mit einem sehr scharfen Messer den man erst Sekunden später spürt, die Disziplinargesellschaft, das Über-Ich von außen, der Aufseher, die Strafe, das alles WEG, verschwunden, überflüssig geworden, weil, weil der Gefangene sich selbst bewacht, und er tut es, gründlicher, so viel gründlicher als jeder Wärter, weil er sich einredet, EINREDET, er tue es freiwillig, diese Freiwilligkeit, diese verfluchte Freiwilligkeit, die keine ist.
Und das ist ja, so muss man das sehen, und man kann es gar nicht oft genug sagen und man kann es gar nicht deutlich genug sagen, das ist ja das eigentlich Niederträchtige an diesem ganzen System, sagte mir einmal ein Organisationspsychologe in Zürich, den ich hier nicht nennen werde und der selbstverständlich, natürlich, selbstverständlich seit Jahren an genau diesem System mitarbeitet und davon lebt und hervorragend davon lebt, das Niederträchtige ist nicht die Unterdrückung, das Niederträchtige ist die VERWANDLUNG der Unterdrückung in Selbstverwirklichung, und er sagte das und bestellte sich ein zweites Glas Primitivo und sah mich an, als hätte er mir gerade das Geheimnis der Welt verraten, und vielleicht, vielleicht hatte er das, auf seine selbstgefällige Zürcher Art hatte er genau das getan.
die Ich-AG, denk an dieses Wort, dieses wunderbare grauenhafte Wort aus dem Arbeitsmarktreform-Deutsch der frühen Zweitausender, Hartz, Peter Hartz, Volkswagen, und jetzt, jetzt ist die Ich-AG kein Konstrukt mehr sondern EXISTENZMODUS, jeder sein eigener Geschäftsführer, Marketingleiter, Personalentwickler, die Bilanz muss stimmen, die Quartalszahlen des persönlichen Wachstums, des PERSÖNLICHEN WACHSTUMS, als wäre man ein Ficus der nach oben muss oder stirbt, und wer die Erwartungen nicht erfüllt hat schlecht gewirtschaftet, mit sich, mit sich selbst, als wäre man eine Ressource die man hätte besser managen müssen, als wäre man, Rohstoff.
Zur Ich-AG. — Das Wort wurde 2002 von der Hartz-Kommission eingeführt und 2003 zum »Unwort des Jahres« gewählt. Peter Hartz, der es erfand, wurde 2007 wegen Untreue und Begünstigung von Betriebsräten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hatte Betriebsräte mit Lustreisen und Boni bestochen, damit sie Entlassungen zustimmten. Der Mann, der die Selbstverantwortung des Individuums zur Staatsphilosophie erhob, konnte sein eigenes System nur durch Bestechung am Laufen halten. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Pointe.
In einem Gespräch mit Oskar Negt, geführt 1998 in Hannover, zwei Jahre bevor das Wort erfunden wurde, sagte Negt: »Die gefährlichste Form der Enteignung ist die Enteignung der eigenen Lebenszeit. Wenn jemand nicht mehr unterscheiden kann zwischen seiner Zeit und der Zeit, die er verkauft, dann ist er enteignet, ohne es zu merken.« Negt trug, wie immer, einen zu weiten Cordjackett. Er rauchte. Er hatte Zeit. Er sprach langsam. — Heute würde man sagen: Er hatte kein gutes Zeitmanagement.
und hier, HIER wird es interessant, hier wird es unheimlich: es gibt keinen Arbeitgeber gegen den man streiken könnte, keinen Tarifvertrag für die Beziehung zu sich selbst, keine Gewerkschaft des Inneren, was für ein Bild, Gewerkschaft des Inneren, die gibt es nicht, keine Schlichtung, keine Schlichtungsstelle zwischen mir und mir, und deshalb, DESHALB, so sehe ich das, so beobachte ich das, fast dreißig Jahre, fast dreißig Jahre Arbeit mit Führungskräften, nimmt der Streik die einzige Form an die ihm bleibt: den Körper, DEN KÖRPER.
der Rücken, der sich versteift, eine Barrikade aus Fleisch, der Schlaf der ausbleibt oder NICHT MEHR ENDEN WILL, endlos, endloser Schlaf, die Konzentration die sich auflöst wie Zucker im Wasser, ja, wie Zucker im Wasser, und ich sage: das sind keine Fehlfunktionen, das sind, Verhandlungsangebote, der Körper verhandelt, der Körper sitzt am Tisch und sagt: reden wir.
Drei Fälle. — (1) Eine Abteilungsleiterin, 46, Automobilzulieferer, Schwäbisch Gmünd. Kann seit acht Monaten den rechten Arm nicht über Schulterhöhe heben. Orthopädisch ohne Befund. Sie sagt: Der Arm gehorcht mir nicht mehr. — Man könnte auch sagen: Der Arm hat gekündigt. Er arbeitet nicht mehr für sie. Er hat sich gewerkschaftlich organisiert. (2) Ein Vorstandsmitglied, 52, Versicherungskonzern, München. Schläft seit einem Jahr nur noch mit Zolpidem. Ohne die Tablette, sagt er, kommen die Gedanken. — Welche Gedanken? — Alle. (3) Ein Gründer, 38, Berlin-Mitte, KI-Startup, Series B, 12 Millionen Funding. Spürt seit drei Monaten seine Hände nicht mehr beim Tippen. Die Neurologie findet nichts. Die Hände haben beschlossen, nicht mehr mitzuteilen, was sie tun. Sie streiken informationell.
die Zermürbungsmaschine, ich nenne das so, die ZERMÜRBUNGSMASCHINE, sie arbeitet, sie arbeitet nach einem eleganten Prinzip, elegant wie ein Uhrwerk das zermalmt, sie erzeugt unmögliche Anforderungen und bietet GLEICHZEITIG die Werkzeuge an um an diesen Anforderungen zu arbeiten, zu ARBEITEN, sei empathisch UND durchsetzungsstark, sei verletzlich UND souverän, sei achtsam UND hochperformant, diese UNDs, diese mörderischen UNDs, wer an diesen Widersprüchen ermüdet bekommt ein weiteres Seminar, einen weiteren Coach, eine weitere Methode, Methode, Methode, zur Selbststeuerung, als könnte man sich steuern wie ein Auto das man lenkt, und die Maschine NÄHRT sich, nährt sich von der Erschöpfung die sie produziert, ein geschlossener Kreislauf, ein perpetuum mobile des Elends.
Und es ist ja, und das muss hier gesagt werden, und das kann gar nicht deutlich genug gesagt werden, und ich werde es sagen obwohl es niemand hören will und obwohl natürlich gerade diejenigen es nicht hören wollen die es am meisten betrifft, es ist ja so, dass die Zermürbungsmaschine, diese von mir so genannte Zermürbungsmaschine, die natürlich niemand so nennt, die natürlich alle möglichen schönen Namen hat, New Work und Agilität und Transformationskultur und psychologische Sicherheit, dass diese Maschine deshalb so perfekt funktioniert, WEIL sie sich als das Gegenteil ihrer selbst ausgibt, weil sie sich als Befreiung ausgibt, als Menschlichkeit, als endlich, ENDLICH dürfen wir ganz sein, und wer das durchschaut, und ich sage Ihnen es gibt Menschen die das durchschaut haben, Führungskräfte die das durchschaut haben, die sitzen dann da in meiner Praxis und sagen: Ich weiß dass das alles Theater ist, ich weiß es, aber ich kann nicht aufhören mitzuspielen, und DAS, genau DAS ist die Perfektion dieser Maschine, dass selbst die Durchschauung nicht befreit, dass das Wissen nicht hilft, dass die Erkenntnis selbst zur Erschöpfung beiträgt, weil sie eine Erkenntnis ist die keine Konsequenz haben darf.
Zur Geschichte der Zermürbung. — Im Ersten Weltkrieg entwickelte die britische Armeeführung das Konzept der »attrition warfare«, des Zermürbungskriegs. Das Prinzip: Man gewinnt nicht durch einen entscheidenden Schlag, sondern durch die kontinuierliche Erschöpfung des Gegners. Der Gegner soll nicht besiegt werden. Er soll aufhören. — General Douglas Haig, verantwortlich für die Schlacht an der Somme (1. Juli bis 18. November 1916, 620.000 alliierte Verluste, Geländegewinn: 10 Kilometer), formulierte das Prinzip in einem Memorandum vom August 1916: »The enemy must be worn down in a process of steady attrition.« — In der modernen Arbeitsorganisation hat man das Prinzip verfeinert. Der Gegner und der Soldat sind dieselbe Person. Die Front verläuft durch den Einzelnen. Der Geländegewinn wird in Persönlichkeitsentwicklung gemessen.
und die Coaching-Industrie, ich sage das, ich sage das als jemand der IN IHR ARBEITET, der sie kennt, der von ihr lebt, ich sage das trotzdem, ich sage das WEIL ich in ihr arbeite: sie wird in beträchtlichen Teilen zum Reparaturbetrieb dieser Maschine, sie individualisiert was strukturell ist, STRUKTURELL, sie verwandelt Arbeitsbedingungen in Persönlichkeitsfragen, wer ausbrennt hat sein Selbstmanagement vernachlässigt, wer erschöpft ist braucht bessere Routinen, bessere ROUTINEN, als wäre Routine die Antwort auf eine Welt die routiniert zerstört, und die Frage, die eigentliche Frage, ob die Bedingungen SELBST das Problem sind, wird nicht gestellt, selten gestellt, nie gestellt, weil sie das Geschäftsmodell, gefährden, würde.
Marktvolumen der globalen Coaching-Industrie 2023: 4,564 Milliarden US-Dollar. Prognostiziertes Wachstum bis 2030: 7,8 % jährlich. Zahl der zertifizierten Coaches weltweit laut ICF Global Coaching Study: 109.200 (Stand 2023). Zahl der Coaches ohne Zertifizierung: unbekannt, Schätzungen gehen von der dreifachen Menge aus. — Die Industrie, die Erschöpfung behandelt, wächst proportional zur Erschöpfung, die sie behandelt. Das ist kein Zufall. Das ist ein Geschäftsmodell. Man könnte auch sagen: Es ist eine Symbiose. Der Parasit und der Wirt brauchen einander.
Und die ganzen Coaches, und es gibt sie natürlich zu Hunderten und zu Tausenden und in jeder mittleren und größeren Stadt kann man sie finden, mit ihren Praxen und ihren Webseiten auf denen immer ein Leuchtturm abgebildet ist oder ein Kompass oder ein Baum oder ein Weg der sich in einen Sonnenuntergang schlängelt, natürlich, selbstverständlich, und ihre sogenannten Methoden, die sie sich in Weiterbildungen angeeignet haben die selbst wiederum von Coaches geleitet wurden, die ihre Methoden in Weiterbildungen erlernt haben, ein unendlicher Regress der Methodik, und alle, ALLE versprechen sie Orientierung, und niemand, wirklich niemand sagt: Vielleicht ist die Desorientierung die angemessene Antwort auf eine desorientierte Welt, vielleicht ist das Nicht-Wissen-Wohin die einzige ehrliche Position, aber das kann man natürlich nicht sagen, natürlich nicht, weil dann kommt ja niemand mehr und bezahlt 250 Euro die Stunde dafür, dass man ihm sagt er wisse nicht wohin.
ich schlage vor, Anatomiekurs, den Körper des Erschöpften auf den Tisch, im übertragenen Sinne, oder auch nicht, auch NICHT im übertragenen Sinne, und schauen, SCHAUEN, wo verlaufen die Kräfte, diese Kräfte, welche Strukturen, welche Erwartungen, welche unsichtbaren Verträge, die niemand unterschrieben hat und an die sich alle halten, diese VERTRÄGE.
Anatomie des Burnout. — Ein Versuch der Rekonstruktion in der Manier eines Unfallberichts.
Der Sachverständige stellt fest: Die Tragstruktur war von Beginn an unterdimensioniert. Der Betroffene übernahm mit 28 Jahren die Geschäftsführung des väterlichen Betriebs. Die implizite Erwartung: alles besser machen als der Vater, aber nichts verändern. — Der erste Riss im Tragwerk entstand vermutlich um 2008, nach der Finanzkrise, als er 40 Mitarbeiter entlassen musste und am selben Abend auf dem Neujahrsempfang der IHK stand und lächelte. Der Riss wurde nicht saniert. Er wurde übertüncht.
Der Sachverständige stellt weiter fest: Die letzten fünf Jahre vor dem Ereignis (»Ich kann nicht aufstehen«) wiesen eine kontinuierliche Belastungssteigerung auf, die in keinem Verhältnis zur Verstärkung der Tragstruktur stand. Es wurden stattdessen Maßnahmen der kosmetischen Instandhaltung ergriffen (ein Coaching 2019, ein Achtsamkeitsretreat 2021, eine Paartherapie 2022, die nach vier Sitzungen abgebrochen wurde). — Der Sachverständige kommt zu dem Ergebnis: Das Versagen der Tragstruktur am fraglichen Morgen war nicht überraschend. Überraschend war, dass es nicht früher eintrat.
denn Burnout hat eine Anatomie, hör zu, es hat eine Anatomie und sie ist aufschlussreicher als jede Diagnose, die Sehnen der Pflichterfüllung, die Muskeln der Selbstoptimierung, die KNOCHEN, die Knochen eines Leistungsverständnisses das keine Ruhe kennt, das Ruhe nicht KENNT, nicht kennen kann, nicht kennen darf, und mittendrin, als leise pochender Kern, so leise, so unendlich leise, der Mensch, der Mensch der irgendwann vergessen hat dass er, kein Unternehmen ist, dass er ein Mensch ist, MENSCH, ein Wort das man kaum noch schreiben kann ohne sich zu schämen.
Zum Wasser. — Im Daodejing, Kapitel 78, heißt es: Nichts in der Welt ist weicher und schwächer als Wasser. Und doch gibt es nichts, das Hartes und Starkes besser bezwingt. — Im Herbst 2024 verbrauchte ein einzelnes Rechenzentrum von Google in The Dalles, Oregon, 1,7 Milliarden Liter Wasser zur Kühlung seiner Server. Das Wasser, das dem Weisen gleicht, kühlt jetzt die Maschinen, die uns beibringen, wie wir produktiver werden. Laozi hätte das vermutlich lustig gefunden.
der Streik des Körpers hat etwas von Wasser, keine Entscheidung des Willens, kein bewusstes Aufbegehren, kein Manifest, kein Blogpost, kein LinkedIn-Post über Vulnerability, er GESCHIEHT, wie Wasser das sich seinen Weg sucht wenn der vorgesehene Kanal zu eng wird, weicht aus, fließt um Hindernisse, sammelt sich in den tiefsten Stellen, kämpft nicht gegen den Stein, der Körper fließt dorthin wo der Druck nachlässt, ins Bett, in die Stille, in die VERWEIGERUNG, diese schöne, diese rettende Verweigerung.
Exkurs: Bartleby. — Herman Melville, 1853. Ein Schreiber in einer New Yorker Kanzlei, der eines Tages beginnt, Aufträge mit dem Satz zu verweigern: »I would prefer not to.« Keine Begründung. Kein Gegenvorschlag. Keine Alternative. Nur: Ich möchte lieber nicht. — Der Körper des Geschäftsführers aus Limburg formulierte es am fraglichen Morgen noch knapper. Er sagte nicht einmal »I would prefer not to.« Er lag einfach da. Das ist die radikalere Version. Bartleby ohne Text. Streik ohne Sprache. Reiner Körper.
In der Sprache der Systemtheorie würde man sagen: Der Körper hat die Kommunikation verweigert, indem er die Anschlussfähigkeit unterbrach. Er hat, technisch gesprochen, eine Autopoiesis des Nicht-Funktionierens eingeleitet. — Aber die Systemtheorie ist hier, wie so oft, eine Sprache die alles beschreiben und nichts fühlen kann.
mein Bekannter ist aufgestanden an jenem Morgen, natürlich ist er aufgestanden, natürlich, selbstverständlich ist er aufgestanden, wie hätte er auch nicht aufstehen sollen, ein Mann wie er, ein Geschäftsführer, mittelständisch, 340 Mitarbeiter, die zählen auf ihn, natürlich zählen sie auf ihn, und die Kunden und die Bank und die Familie und das ganze fürchterliche Netz aus Verpflichtungen das sich um einen Menschen legt wie eine zweite Haut die man nicht abstreifen kann, er hat seinen Tag absolviert, Meetings Mails Entscheidungen, er erzählte es mir lächelnd, fast stolz, als hätte er etwas überwunden, als hätte er GEWONNEN, und ich dachte, ich dachte nur, ich dachte:
schade.
der klügere Moment war der davor.
Nachtrag. — Sechs Wochen nach unserem Gespräch erhielt ich eine Nachricht. Er sei jetzt im Lanserhof. Zwei Wochen Programm. Mayr-Kur, Kryotherapie, Mental Coaching. Er fühle sich, schrieb er, »wieder ganz bei sich«. Das Programm kostete 12.400 Euro. — Der Körper hatte gesprochen. Die Antwort war eine Rechnung.
