Canal Grande
Die Wiederentdeckung des ephemeren Radios
Die Redaktion rief an einem Dienstag an. Ob ich zur Biennale fahren könne. Architektur, Venedig, dreitausend Zeichen. Ich sagte ja, weil die Miete fällig war und weil Venedig ein Ort ist, an dem ich nicht sein wollte. Man fährt immer dorthin, wo man nicht sein will. Das nennt sich Journalismus. Oder Selbstbetrug. Oder Leben, einfach Leben.
PROLOG: IM ZUG
Der Zug rattert durch die Nacht. Irgendwo hinter Innsbruck, vielleicht schon am Brenner, ich habe aufgehört, auf die Schilder zu achten. Das Abteil riecht nach Desinfektionsmittel und nach etwas anderem, das ich nicht benennen will. Gegenüber schläft ein Mann, Mund offen, Kopfhörer noch im Ohr. Er sieht aus wie jemand, der Dinge verkauft. Software vielleicht. Oder Versicherungen. Oder seine Seele, in handlichen Raten.
Ich kann nicht schlafen.
Vor einer Stunde wollte ich beim Zugbegleiter einen Kaffee kaufen. Die Speisekarte im Abteil verspricht Heißgetränke, jederzeit erhältlich. Ich ging den Gang entlang, klopfte an die Tür mit dem Schild Zugteam. Nichts. Ich wartete. Klopfte noch einmal. Hinter mir öffnete sich eine Abteiltür, ein Mann im Unterhemd sah mich an, sagte nichts, schloss die Tür wieder. Ich ging zurück. Auf halbem Weg fiel mir ein, dass ich meine Abteiltür nicht abgeschlossen hatte. Ich ging schneller. Das Abteil war unverändert, der Mann gegenüber schlief, mein Notizbuch lag noch auf der Ablage. Kein Kaffee. Aber auch nichts gestohlen. Ein Nullsummenspiel, mitten in der Nacht.
Die Redaktion hat mir das Ticket gebucht, zweite Klasse, Liegewagen, weil die Biennale wichtig ist und Flüge teuer und mein letzter Text über eine Ausstellung in Frankfurt nicht so schlecht war, dass sie mich hätten feuern müssen. Also Venedig. Also Architekturbiennale. Also ein Text über Intelligens. Natural. Artificial. Collective. – ein Titel, bei dem sich mir die Zehennägel aufrollen, aber das sage ich
nicht, das schreibe ich nicht, das denke ich nur hier, im Dunkeln, während der Zug durch Tunnel fährt und wieder herauskommt und ich das Fenster anstarre und nichts sehe außer meinem eigenen Gesicht, gespiegelt, älter als ich mich fühle.
Marie hätte gesagt: Du siehst müde aus.
Marie hätte das gesagt, vor zwei Jahren, vor drei Jahren, in einem anderen Zug, auf einer anderen Strecke. Sie hatte diese Art, Dinge zu sagen, die stimmten. Auch wenn sie wehtaten. Das Rütteln der Schienen damals, das Rütteln jetzt – derselbe Rhythmus, andere Richtung.
Ich greife nach meinem Notizbuch. Es liegt neben mir auf der schmalen Ablage, eingeklemmt zwischen der Wasserflasche und meinem Telefon. Moleskine, Sonderanfertigung, das Rot dunkler als das übliche Rot, fast braun. Ich hatte es mir anfertigen lassen vor Jahren, ein Geschenk an mich selbst, als ich noch dachte, dass solche Dinge eine Rolle spielen. Der Bleistift steckt in der Schlaufe, Faber-Castell, Härtegrad B, angespitzt vor der Abreise. Ich klappe das Notizbuch auf. Manche Seiten sind schon voll, von anderen Reisen, anderen schlaflosen Nächten. Ich klappe es wieder zu. Der Mann gegenüber schnarcht jetzt. Ein Geräusch wie eine Kreissäge, die auf Widerstand stößt. Ich überlege, ob ich ihn wecken soll, aus reiner Bosheit, aus Schlaflosigkeit, aus dem Gefühl heraus, dass niemand in diesem Zug schlafen sollte, solange ich nicht schlafe. Aber ich lasse es. Er verkauft Software. Er hat es schwer genug. Venedig. Dreimal war ich dort mit ihr. Das erste Mal im November, Nebel über der Lagune, wir hatten uns in den Gassen verlaufen und es war ihr egal gewesen. Das zweite Mal im Sommer, zu heiß, zu voll, wir hatten gestritten, ich weiß nicht mehr worüber. Das dritte Mal —
Das dritte Mal will ich nicht.
Der Zug bremst. Irgendein Bahnhof, mitten in der Nacht, Lichter draußen, niemand steigt ein, niemand steigt aus. Stille, fremd nach Stunden im Takt der Schienen. Dann wieder Dunkelheit. Dann wieder Fahrt.
Ich soll über Kunst schreiben. Über Architektur. Über das, was Carlo Ratti sich dabei gedacht hat, Intelligens mit einem S am Ende zu schreiben, als wäre das irgendeine Aussage, als würde die Schreibweise irgendetwas ändern an der Tatsache, dass hier wieder Menschen durch Hallen laufen werden, in Schuhen, die mehr kosten, als ich in einem Jahr verdiene, um sich Installationen anzusehen über — was? Klimawandel. Migration. Die Zukunft des Wohnens. Die Zukunft von allem.
Und ich werde mittendrin stehen, mit meinem Notizbuch, und so tun, als verstünde ich, was ich sehe.
Der Mann gegenüber dreht sich um. Schnarcht weiter. Sein Telefon leuchtet kurz auf, eine Nachricht, er reagiert nicht.
Marie lebt jetzt in Lyon. Irgendetwas mit Universität, Forschung, ich habe aufgehört, nachzufragen. Sie hat mir eine Mail geschrieben, vor sechs Monaten, ein Geburtstagswunsch, drei Zeilen, höflich wie eine Fremde. Ich habe geantwortet. Vier Zeilen. Genauso höflich. Seitdem nichts.
Aber Venedig war ihre Stadt. Das hat sie einmal gesagt, auf der Accademia-Brücke, das Licht auf dem Canal Grande, diese magische Stunde vor Sonnenuntergang, die hier anders ist als überall sonst. Sie hatte gesagt: Eine Stadt, die sich weigert, Straßen zu haben. Das ist konsequent.
Ich hatte gelacht. Sie nicht.
Der Zug fährt jetzt bergab, ich spüre es in den Ohren, der Druck, der Wechsel. Italien bald. Dann Verona. Dann Padua. Dann Venedig. Dann das Vaporetto. Dann das Hotel. Dann die Biennale. Dann der Text. Dann zurück. Ein Plan. Ich habe einen Plan.
Was ich nicht habe: Schlaf. Was ich nicht habe: eine Ahnung, was ich schreiben soll. Was ich nicht habe: Marie.
Ich klappe das Notizbuch wieder auf. Der Bleistift liegt gut in der Hand. Ich schreibe einen Satz: Der Zug rattert durch die Nacht. Dann streiche ich ihn durch. Zu banal. Alles ist banal, um drei Uhr nachts, irgendwo zwischen dem Brenner und dem Rest meines Lebens.
Der Mann gegenüber hört auf zu schnarchen. Stille, für einen Moment. Das Schwanken des Waggons, das Klagen der Achsen in den Kurven, das dumpfe Pochen der Schwellen unter uns. Ich schließe die Augen. Ich sehe Maries Hände, wie sie ein Buch hält, den Daumen zwischen den Seiten. Ich öffne die Augen wieder. Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Oder in Venedig. Was, wenn man den Statistiken glaubt, auf dasselbe hinausläuft.
Der Zug rattert durch die Nacht.
ANKUNFT: SANTA LUCIA
Sechs Stunden Verspätung. Oberleitung. Verona. Niemand erklärte irgendwas, der Zug hielt einfach, als hätte er es sich anders überlegt. Jetzt bin ich da. Das zählt.
Durch die Halle, Schließfächer alle besetzt, eine Frau weinte in ihr Telefon, ein Mann lag auf einer Bank, schlafend oder tot, die Differenz schien niemandem wichtig, mir auch nicht, und dann war ich draußen und da war das Wasser und da war Venedig und da war dieser Schlag in den Magen, den diese Stadt immer austeilt, egal wie oft man ankommt.
Der Canal Grande.
Das Licht gaukelte Morgenstimmung vor, obwohl es fast Mittag war. Vaporetti. Gondeln. San Simeone Piccolo, grünspangrau, wie ein Helm aus einem Krieg, an den sich keiner erinnert.
Eine Stadt, die sich weigert, Straßen zu haben. Das ist konsequent.
Ihre Stimme. In meinem Kopf. Manchmal kam das vor.
Der Ticketautomat akzeptierte keine Karten. Kein Bargeld. Kontaktlos, stand auf dem Schild. Ich hielt das Telefon dran. Nichts. Nochmal. Nichts. Ein Japaner neben mir, dasselbe Problem, wir sahen uns an, sagten nichts, vollkommenes Einverständnis im Scheitern. Am Schalter eine Frau, die diesen Job seit 1987 machte und jeden einzelnen Touristen hasste, der je vor ihr gestanden hatte. Ich war der neueste Idiot. Vierundzwanzig Euro. Sie sagte etwas. Ich nickte. Keine Ahnung, was.
Linie 1. Die Touristenlinie, die Lahmarschlinie. Ich nahm sie trotzdem, ich wollte die Paläste sehen, Ca’ d’Oro, Ca’ Foscari, den ganzen morbiden Prunk – diese Stadt hat Krebs, und der Krebs sind wir, wir alle, auch ich, auch ich mit meinem Presseausweis und meiner Verachtung, die nichts wert ist, weil ich trotzdem hier bin, trotzdem zahle, trotzdem glotze.
Ein Kind kotzte in eine Plastiktüte. Die Mutter entschuldigte sich ins Leere. Der Geruch wehte an mir vorbei, weg. Vielleicht nach Murano. Vielleicht ins Nichts.
Unter der Rialtobrücke durch. Oben die Selfie-Sticks, die aus der Brücke wuchsen wie Metastasen. Die Fotografierenden oben, die Fotografierten unten. Hierarchie des Tourismus. Ich war unten. San Marco, ich stieg nicht aus. Weiter, Richtung Arsenale, vorbei an den Giardini, morgen würde dort die Kunst beginnen, Installationen über Migration für Menschen, die nie migrieren mussten, Videos über Klima in klimatisierten Räumen, der gesamte ironische selbstreferenzielle Betrieb, ich kannte das, ich hatte darüber geschrieben, ich würde wieder darüber schreiben, aber heute – heute war nur Ankommen. Eine Frau am Fenster eines Palazzo. Zweiter Stock. Rauchte. Sah aufs Wasser. Letzte echte Venezianerin oder Airbnb-Touristin, man weiß es nicht mehr, man weiß in dieser Stadt nichts mehr, alles ist Kulisse, auch die Kulisse ist Kulisse. Sie trug etwas Rotes. Oder ich bildete es mir ein.
Station Arsenale. Ich stieg aus.
Hinter mir das Wasser. Vor mir die Mauern der alten Werft, wuchtig, Ziegel, hier bauten sie einst Schiffe, ein Schiff pro Tag zur Blütezeit, jetzt bauten sie hinter den Mauern Karrieren, Reputationen, die fragile Währung namens Aufmerksamkeit.
Ich ging nicht rein. Noch nicht.
Das Hotel lag hinter einer Kirche hinter einem Campo, dessen Namen sofort wieder verschwand. Schlüsselkarte, dritter Versuch. Das Zimmer roch nach Desinfektionsmittel, alten Vorhängen, und darunter etwas Süßliches, Moder vielleicht, oder nur die Idee von Moder. Ich stellte den Koffer in die Ecke, ging zum Fenster und sah zu, wie das Licht hereinfiel – dieses venezianische Licht, vom Wasser geworfen, weich und verlogen. Jede bröckelnde Fassade wird Gold in diesem Licht. Jeder Dreck wird Gemälde. Jeder Abschied wird Romanze. So funktioniert das hier, so verführt einen diese sterbende Stadt. Draußen schlug eine Glocke, drei Schläge, und dann war es still. Ich holte das Notizbuch raus, schrieb Das Licht, klappte es zu.
Ich legte mich hin, schlief nicht. Lag nur da und hörte die Stadt: Plätschern, Möwen, irgendwo Italienisch, erst wütend, dann lachend. Das Knarzen des Bettes, wenn ich mich bewegte. Die Stille, die keine war – nur Abwesenheit von Motoren, und diese Abwesenheit war lauter als jeder Lärm.
Ihre Stimme wieder, ungefragt: In Venedig kann ich schlafen. Weil es keine Autos gibt.
Sie hatte neben mir geschlafen, anderes Hotel, andere Zeit. Ob es besser war, weiß ich nicht. Der Rückblick lügt. Wie das Licht.
Ich stand auf und ging raus. Gassen, Brücken, das übliche Labyrinth. In Venedig ist das Wasser nie weit.
Die Stadt wartete, wie sie seit fünfhundert Jahren wartet, darauf, dass jemand sie richtig ansieht, und keiner tut es, alle fotografieren, alle laufen mit gesenkten Köpfen durch, Augen aufs Display, und ich war nichtbesser, keinen Deut, ich hatte nur kein Telefon in der Hand, das machte mich nicht besser, nur älter.
Ich setzte mich auf eine Mauer am Wasser. Gondeln, Vaporetti, Licht. Das Wasser schlug gegen den Stein, und die Sonne sank Richtung Mestre, wo die Menschen wohnten, die es sich nicht mehr leisten konnten, in der Kulisse zu leben.
Das Licht wurde goldener. Falscher. Schöner.
Ich blieb sitzen, bis es dunkel wurde.
DIE BIENNALE: ERSTE TAGE
Tag 1: Die Giardini
Das Vaporetto spuckte mich aus wie einen Kirschkern. Neun Uhr morgens, und die Giardini waren bereits voll mit Menschen, die aussahen, als hätten sie die Nacht in einem Katalog verbracht. Schwarze Kleidung, asymmetrische Haarschnitte, Brillen, die mehr kosteten als mein Bahnticket, hin und zurück. Ich hatte meinen Kaffee noch nicht getrunken. Das war ein Fehler.
Der deutsche Pavillon zuerst. Natürlich. Dieses verdammte Gebäude.
1938 hatte Hitler persönlich die Monumentalisierung angeordnet. Die Säulen breiter, die Türen höher, der Eingang wie ein offener Mund, der Größe brüllt. Seitdem arbeiten sich deutsche Künstler daran ab, als wäre das Gebäude eine Wunde, die man immer wieder aufreißen muss, damit sie nicht falsch verheilt. Haacke 1993: Boden zertrümmert, Hitler-Foto an der Wand, Goldener Löwe. Imhof 2017: Performer unter Glas, wie Insekten in einer Vitrine, Goldener Löwe. Das System frisst seine Kritiker und scheißt Preise.
Ich schrieb in mein Notizbuch: Pavillons = Nationalismus in besseren Schuhen.
Die Schuhe. Marie hatte einmal gefragt, wann ich angefangen hätte, auf die Schuhe zu achten. Ich sagte: Seitdem ich weiß, dass sie zeigen, wer dazugehört. Sie lachte.
Jetzt stand ich vor dem französischen Pavillon und zählte. Sieben Paar Loafers ohne Socken, obwohl es April war und der Wind kalt von der Lagune kam. Drei Paar Margiela, erkennbar am Klebeband-Detail, das längst keiner mehr lustig findet. Ein Paar weiße Sneaker, die so weiß waren, dass ihr Besitzer sie entweder heute gekauft oder nie getragen hatte. Die Sneaker gehörten einem Mann, der vor einer Videoinstallation stand und mit dem Kopf nickte, langsam, rhythmisch, als verstünde er etwas. Er verstand nichts. Niemand verstand etwas. Aber alle nickten.
Ich ging weiter.
Der nordische Pavillon: Finnland, Schweden, Norwegen teilten sich den Raum, als wäre Kunst eine WG. Der japanische Pavillon: leer bis auf einen Sandhaufen und zwei Lautsprecher, die ein Geräusch von sich gaben, das entweder Wind oder das Atmen eines sterbenden Tieres war. Der amerikanische Pavillon: geschlossen wegen technischer Probleme. We apologize for the inconvenience dreisprachig.
Ich setzte mich auf eine Bank nahe dem venezianischen Pavillon. Ein Kind rannte vorbei, verfolgt von seiner Mutter, die ihm auf Deutsch zurief,er solle die Kunst nicht anfassen. Das Kind ignorierte sie.
Ich schrieb in mein Notizbuch: Die Kunst will nicht angefasst werden. Die Kunst will betrachtet werden. Die Kunst will gekauft werden. Die Kunst will in einer Sammlung verschwinden und auf ihre Wertsteigerung warten wie ein Patient auf den Tod.
Das war unfair. Vielleicht.
Darunter schrieb ich: Unfair?
Und darunter: Egal.
Tag 2: Das Arsenale
Dreihundertsiebzehn Meter. Die Corderie, einst Seilerei der venezianischen Flotte, jetzt Schlauch für zeitgenössische Kunst. Man betritt sie am einen Ende und kommt am anderen heraus, verändert oder auch nicht, meistens nicht, aber die Länge zwingt dich, weiterzugehen, immer weiter, als wärst du auf einer Pilgerschaft ohne Ziel.
Das Thema 2025: Intelligens. Natural. Artificial. Collective.
Der Titel mit dem absichtlichen Schreibfehler, der zeigen sollte, dass hier jemand nachgedacht hatte. Ich hatte darüber nicht nachgedacht. Ich war müde. Der Schlaf kam nicht, seit ich in Venedig war. Nachts lag ich wach und hörte das Wasser gegen die Hauswände schwappen, und manchmal, wenn ich fast einschlief, hörte ich Marie atmen, obwohl sie zweitausend Kilometer entfernt war und wir seit zwei Jahren nicht mehr gesprochen hatten.
Die erste Installation: eine Wand aus Bildschirmen, die KI-generierte Gesichter zeigten, die sich langsam ineinander verwandelten. Ein Gesicht wurde zum nächsten, das nächste zum übernächsten, endlos. Die Arbeit hieß We Are All Data. Ich stand davor und dachte: Stimmt. Wir sind alle Daten. Und dann dachte ich: Und was hilft mir das jetzt?
Weiter.
Eine Videoarbeit über Migration. Auf der Leinwand: ein überfülltes Boot auf dem Mittelmeer. Um mich herum: Menschen aus München, aus Berlin, alle mit dem Zug gekommen statt zu fliegen, weil der Zug moralisch besser ist, und Moral ist wichtig, wenn man Kunst über Elend betrachtet.
Die Installation sprach von Entwurzelung. Budget: mehrere hunderttausend Euro, mindestens.
Wiesbaden, 2006. Ein Raum, der nach Kaffee und nassen Jacken roch. Quiring hatte Computer reingestellt und Obdachlose eingeladen. Wohnungslose ans Netz. Kein Kurator war gekommen. Kein Katalog wurde produziert. Kein Goldener Löwe. Es war Kunst für Entwurzelte gewesen, nicht über sie. Und hier? Die Venezianer fliehen aus ihrer Stadt, weil die Mieten unbezahlbar sind, weil jede zweite Wohnung ein Airbnb ist, weil der Bäcker jetzt ein Maskengeschäft ist und der Gemüsehändler eine Pizzeria für Touristen. Das stand nicht im Biennale-Katalog.
Fünfzigtausend Einwohner. Fünfzehn Millionen Touristen. Disneyland on the Lagoon, nannten es die Venezianer. Ich schrieb das nicht auf. Ich hatte es schon aufgeschrieben. Gestern. Vorgestern. Es half nicht, es aufzuschreiben.
Ein Plastikbecher mit Kaffee, der nach gar nichts schmeckte. Eine Bank im Freien, zwischen zwei Skulpturen aus recyceltem Plastik, die wahrscheinlich etwas über den Klimawandel sagten. Ich rauchte. Eine Frau
neben mir fragte, ob sie eine haben könnte. Ich gab ihr eine. Sie sagte, sie sei aus Kopenhagen. Sie arbeitete für ein Museum. Sie sagte, die Ausstellung sei powerful. Ich sagte nichts. Sie ging.
Zurück in die Corderie.
Ein dunkler Raum, Projektionen an allen Wänden. GPS-Tracks, tausende davon, übereinandergelegt, pulsierende Linien auf schwarzem Grund. Die Bewegungsdaten einer ganzen Stadt, ein Jahr lang gesammelt, anonymisiert, visualisiert. Die Installation hieß We Move As One oder Moving Together oder irgendwas mit Move, ich vergaß den Titel, während ich ihn las. Der Wandtext sprach von kollektiver Mobilität und Choreografie des Alltags. Budget: vermutlich sechsstellig. Server, Programmierer, Datenlizenzen.
Irgendlink, eigentlich Jürgen Rinck, war nach Andorra geradelt, 2020, als niemand mehr raus durfte. Vierzig Tage, jeden Tag eine Etappe. Er saß auf dem Rinckenhof bei Zweibrücken, in seiner Künstlerbude, und tippte in seinen Laptop. Die Steigungen, die Serpentinen, das Licht über den Pyrenäen – alles erfunden, alles wahr. Vor dem Lockdown hatte er Bundesländer umrundet, Rheinland-Pfalz, Bayern, die Schweiz. Der Sattel unter ihm, der Asphalt unter den Reifen, die Landschaft, die nur entsteht, weil ein Körper sich durch sie bewegt. Dann stand alles still. Und er fuhr weiter. Ohne Sattel. Ohne Asphalt. Die Vorstellung allein, die sich Kilometer für Kilometer vorwärtsschrieb.
Kein Museum interessierte sich dafür.
Die Installation um mich herum kostete mehr als sein gesamtes Lebenswerk.
Weiter.
Ein Raum voller Pflanzen. Lebende Pflanzen, echte Pflanzen, Pflanzen, die laut Wandtext mit Sensoren versehen waren, die ihre Kommunikation aufzeichneten. Die Pflanzen kommunizierten, stand dort, und wir hörten nicht zu. Jetzt hörten wir zu. Lautsprecher gaben ein Knistern und Rauschen von sich, das vielleicht Pflanzensprache war oder auch nur das Geräusch von Strom.
Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird. Hier: Das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zu Pflanzen wird, die über Lautsprecher rauschen, während Sammler nicken und Museumsleute aus Kopenhagen powerful sagen und ich auf einer Bank sitze und an eine Frau denke, die in Lyon lebt und nicht mehr mit mir spricht.
Abends
Die Bar hieß nicht Harry’s. Harry’s war für Touristen, die Hemingway gelesen hatten. Diese Bar hatte keinen Namen, nur eine Hausnummer, und sie lag in einer Gasse nahe San Marco, die man dreimal verfehlte, bevor man sie fand.
Vierter Spritz. Aperol, nicht Campari. Das Eis schmolz. Ein Gesöff, das ich nur hier, nur in Venedig trank.
Am Nebentisch: zwei Männer, einer mit Bart, einer ohne, beide in dem Alter, in dem man nicht mehr jung aussah, aber auch noch nicht alt, in dem man, wie ich, feststeckte zwischen dem, was man werden wollte, und dem, was man geworden war. Sie sprachen über NFTs. Über digitale Kunst als Investment. Über Wallets und Sekundärmarkt-Provisionen. Über einen Decentral Art Pavilion in irgendeinem Palazzo, der sich an die Biennale hängte wie ein Blutegel.
Sie sprachen über Carbon Offsetting.
Ich bestellte den fünften.
Kampmann kam zu spät. Kampmann kam immer zu spät. Er kam durch die Tür wie jemand, der die Gasse beim ersten Mal gefunden hatte, obwohl das unmöglich war, und setzte sich mir gegenüber, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen und nicht vor acht Monaten in Regensburg.
Die haben hier keinen anständigen Riesling, sagte er zur Begrüßung.
Kampmann ist Kampmann. Immer.
Wir kannten uns seit den Nullerjahren. Er hatte für die Kunstzeitung geschrieben, über Kunst im Internet promoviert, AICA-Mitglied gewesen. Jetzt war er Geschäftsführer eines bayerischen IT-Sicherheitsclusters und trug blaue Hemden, offener Kragen, und Schuhe, die bequem waren statt teuer. Er hatte den Kunstzirkus verlassen wie andere Leute eine Sekte verlassen, gründlich und ohne Bedauern, und genoss es jetzt, als spießbürgerlicher Besserwisser durch Städte zu laufen, die er früher nur für Vernissagen betreten hätte.
Bremen hat nicht geklappt, sagte ich.
Bremen klappt nie.
Das stimmte. Wir hatten dreimal versucht, uns in Bremen zu treffen. Warum Bremen, wusste keiner von uns. Es gab keinen Grund für Bremen. Es gab keinen Grund gegen Bremen. Es gab einfach Bremen, und wir scheiterten daran, verlässlich, als hätte die Stadt etwas gegen uns. Stattdessen sahen wir uns in Venedig. In Regensburg. In Limburg, einmal, obwohl Limburg noch absurder war als Bremen. Städte mit Dom. Das war unser Muster. Wir trafen uns nur in Städten, die älter waren als unsere Probleme. Er bestellte einen Weißwein, den er nicht mochte. Er trank ihn trotzdem.
Wie ist die Biennale?
Wie immer.
Also schlimm.
Also schlimm.
Er nickte. Zufrieden. Er brauchte keine Details. Er hatte genug Details gesehen, damals, als er noch dazugehörte. Jetzt schrieb er überFirewalls und Penetrationstests und Endpoint Security, und wenn er davon erzählte, klang es ehrlicher als alles, was ich je über Kunst geschrieben hatte.
Warst du im deutschen Pavillon?, fragte er.
Natürlich.
Und?
Sie arbeiten sich ab.
Sie arbeiten sich immer ab. Er hob sein Glas, trank, verzog das Gesicht. Der Wein ist schlecht. Die Kunst auch?
Ich zuckte die Schultern.
Du weißt es nicht.
Ich weiß es nicht.
Kampmann lachte. Nicht höhnisch. Ehrlich. Dafür hatte ich ihn immer gemocht. Er hatte aufgehört, so zu tun, als wüsste er etwas über Kunst, das andere nicht wussten. Er hatte aufgehört, so zu tun, als gäbe es etwas zu wissen. Er lebte jetzt in Barbing, Bayern, einem Ort, den niemand kannte, der nicht dort wohnte, und er war zufriedener als alle Kuratoren, die ich in den letzten zwei Tagen getroffen hatte.
Ich schreibe jetzt über Firewalls, sagte er, obwohl ich das wusste. Die sind ehrlicher. Entweder sie halten, oder sie halten nicht. Kein Katalogtext erklärt dir, warum das Versagen eigentlich ein Erfolg war.
Wir schwiegen. Das konnten wir. Schweigen, ohne dass es peinlich wurde.
Jahre der Freundschaft, kondensiert in der Fähigkeit, nichts zu sagen. Das Eis war geschmolzen. Der Spritz war warm.
Marie?, fragte er dann.
Lyon.
Noch immer?
Noch immer.
Er sagte nichts weiter. Das war auch das Gute an ihm.
Marie hatte in dieser Bar einmal gesagt – nein. Marie hatte in einer Bar gesagt. Es war vielleicht diese Bar. Es war vielleicht eine andere. Die Erinnerung lügt. Die Erinnerung erfindet Orte, die es nicht gab, und vergisst Orte, die es gab, und manchmal, wenn ich an sie dachte, wusste ich nicht mehr, ob ich mich an sie erinnerte oder an meine Erinnerung an sie, und wo der Unterschied lag, und ob es einen gab.
Sie hatte gesagt: Die Kunstwelt tut so, als wäre sie nicht von dieser Welt. Aber sie ist der konzentrierteste Ausdruck dieser Welt. Das war präzise gewesen. Marie war oft präzise gewesen. Ich nicht.
Kampmann zahlte. Ich zahlte. Wir stritten kurz darüber, wer bezahlen durfte, ein Ritual, das wir seit zwanzig Jahren pflegten, ohne je zu klären, wer gewann.
Nächstes Mal Bremen, sagte er.
Bremen klappt nie.
Dann Limburg.
Limburg hat einen Dom.
Limburg hat einen Dom.
Er ging. Ich sah ihm nach, wie er durch die Tür verschwand, hinaus in die Gasse, die dreimal verfehlt werden wollte. Der lebende Beweis, dass man aussteigen kann. Und dass die Freundschaft bleibt, auch wenn alles andere geht.
Später, auf dem Rückweg, verirrte ich mich. Venedig tut das mit dir. Es nimmt dir die Orientierung, es schiebt seine Gassen hin und her, als wäre die Stadt selbst betrunken, als hätte sie selbst zu viel Spritz getrunken und wüsste nicht mehr, wo ihre Plätze lagen. Ich stand auf einer Brücke. Unter mir: schwarzes Wasser. Keine Gondeln, keine Vaporetti, nichts. Nur das Wasser, das gegen die Mauern schlug, leise, gleichmäßig, wie ein Herzschlag oder wie das Gegenteil davon. In meinem Notizbuch stand, als ich es später öffnete: Die Stadt sinkt. Ich auch.
Ich erinnerte mich nicht, das geschrieben zu haben.
DIE PLASTIKKUGEL
Tag 3: Der Wendepunkt
Sechs Uhr dreißig. Die Stadt gehört noch sich selbst.
Ich war aufgewacht, ohne Grund, und anstatt mich umzudrehen und weiterzuschlafen, wie es vernünftig gewesen wäre, hatte ich mich angezogen und war losgegangen. Mein rotes Notizbuch in der Jackentasche. Den Bleistift. Sonst nichts. Die Gassen waren leer. Ein Lieferboot knatterte vorbei, Gemüsekisten gestapelt, ein Mann rauchte am Steuer. Ich ging Richtung Punta della Dogana, ohne Plan, nur weg von der Route, die ich gestern mit dreihundert anderen durch das Arsenale geschoben worden war. Die Füße wussten, wohin. Vielleicht war Marie schuld. Sie hatte diesen Ort gemocht, dieses Dreieck, wo der Canal Grande in den Giudecca-Kanal mündet, San Marco auf der einen Seite, San Giorgio Maggiore auf der anderen, und dazwischen das Wasser, das nicht weiß, wohin es gehört. Ich stand am Ufer. Das Wasser war grau mit Ölflecken, leichter Seegang, Möwen stritten sich um etwas Totes. Romantisch war anders.
Und dann sah ich die Kugel.
Sie trieb etwa zwei Meter vom Ufer entfernt, halb unter Wasser, halb darüber. Durchsichtiges Plastik, verwittert, ein Netz von Rissen auf der Oberfläche. Ich hätte sie ignorieren können. Eine Boje, ein Spielzeug, Abfall – die Lagune ist voll davon, das sagt nur keiner in den Reiseführern. Aber ich ignorierte sie nicht. Etwas im Inneren hatte das Licht gefangen, als die Kugel sich drehte. Drähte. Etwas Elektronisches, oder was davon übrig war. Ich kniete mich hin, streckte den Arm aus, bekam sie zu fassen. Das Plastik war kalt und glitschig. Ich zog sie heraus. Eine Kugel, vielleicht zwanzig Zentimeter Durchmesser, mit einer Naht in der Mitte, wo zwei Hälften zusammengefügt waren. Im Inneren: korrodierte Drähte, etwas, das einmal eine Platine gewesen sein könnte, ein kleiner Zylinder – eine Batterie, längst tot.
Ich saß auf der feuchten Stufe und hielt dieses Ding in den Händen und wusste plötzlich, wo ich es schon einmal gesehen hatte.
Weimar. Irgendwann um 2002, vielleicht 2003, die Jahre verschwimmen. Ralf hatte mich eingeladen. Ralf Homann, der an der Bauhaus-Universität das Experimentelle Radio aufbaute, dieser Wahnsinnige, der glaubte, dass Radio Kunst sein könnte. Ich war kein Student dort, ich war nur ein Freund, der vorbeikam, weil Ralf sagte: Du musst das sehen.
Das Gebäude roch nach altem Holz und Lötkolben. In einem Raum saß ein japanischer Mann mit grauem Haar und wickelte Draht um ein Wasserglas. Tetsuo Kogawa. Der Name sagte mir nichts. Ralf flüsterte: Der Erfinder der Mini-FM-Bewegung. Radio Home Run. Die Ein-Watt-Revolution. Kogawa baute vor unseren Augen einen Sender. Widerstände, Kondensatoren, ein Stück Kupferdraht als Antenne. Zwanzig Minuten, vielleicht dreißig. Dann drehte er an einem Kofferradio, suchte die Frequenz, und plötzlich war da ein Ton. Ein Pfeifen, das er modulierte, indem er die Hand über das Wasserglas bewegte. Rückkopplungen, die zu Melodien wurden. Ich verstand nichts von Elektronik. Ich verstehe bis heute nichts davon. Aber ich verstand, dass dieser Mann gerade aus Schrott etwas erschaffen hatte, das sendete, das in den Äther ging, das jeder mit einem Radio hätte empfangen können, der zufällig vorbeiging. Die Studenten waren elektrisiert. Mareike, die heute beim SWR Hörspiele macht. Oliver, der später Tonmeister wurde. Hans, von dem ich nie wieder etwas gehört habe. Sie hatten ein Projekt geplant, erzählte Ralf. Venedig. Plastikkugeln mit eingebauten Minisendern, die sie im Canal Grande treiben lassen wollten. Radiowellen und Wasserwellen. Bubble Radio – Waves of and in the Canal Grande.
Ich lachte. Das ist doch Irrsinn, sagte ich.
Ralf sah mich an mit diesem Blick, den er hatte, wenn er wusste, dass er recht behalten würde. Ja, sagte er. Genau deshalb.
Sie haben es gemacht. Ein paar Monate später, ich war nicht dabei, aber Ralf schickte Fotos. Die Kugeln im Wasser. Die Studenten am Ufer, jung, lachend, mit Antennen in der Hand. Kogawa war auch dort, irgendwo am Rand des Bildes, grauer als in meiner Erinnerung.
Die Sender hatten eine Reichweite von vielleicht fünfzig Metern. Ein Rauschen, das sich mit der Bewegung des Wassers veränderte. Wer zufällig sein Radio auf die richtige Frequenz drehte, hörte die Wellen des Canal Grande, übersetzt in Klang. Und dann trieben die Kugeln weiter, aus der Reichweite, und das Signal verschwand. Radio als ephemere Skulptur, hatte Ralf gesagt. Etwas, das sendet und dann verstummt.
Ich saß auf der feuchten Uferstufe an der Punta della Dogana und starrte
die Kugel an. Zwanzig Jahre. Konnte Plastik zwanzig Jahre im Wasser überleben? Wahrscheinlich nicht. Die UV-Strahlung, die Strömung, der Salzgehalt. Das hier war vermutlich irgendein anderer Müll, eine Boje, ein Kinderspielzeug, etwas, das ein Tourist ins Wasser geworfen hatte.
Aber die Drähte. Die Platine.
Ich drehte die Kugel in meinen Händen. Versuchte, die Naht zu öffnen. Sie gab nach, mit einem leisen Knacken, und innen war – nichts Erkennbares mehr. Korrosion, grüner Belag, Drähte, die nirgendwo hinführten. Ein kleines Stück Kupfer, das einmal eine Antenne gewesen sein mochte.
Die Möwen schrien. Ein Vaporetto fuhr vorbei, die erste Fahrt des Tages, fast leer. Die Stadt erwachte. Ich steckte die Kugel in meine Tasche. Sie passte gerade so hinein, drückte gegen meine Hüfte. Ich würde sie behalten. Ich wusste nicht warum. Man weiß nie warum.
Den Rest des Morgens lief ich durch Dorsoduro, das Notizbuch in der einen Hand, die Kugel als Gewicht in der Jackentasche. Ich schrieb nichts. Ich dachte an Ralf, den ich seit Jahren nur noch bei besonderen Anlässen sah. An Kogawa in seinem Workshop, die Ruhe, mit der er die Studenten anleitete Sender zu bauen. An diesen Moment, wenn aus totem Material plötzlich ein Signal wird. An Marie, die einmal gesagt hatte: Du interessierst dich immer nur für Dinge, die verschwinden.
Sie hatte recht gehabt. Wie meistens.
In einem Café bestellte ich einen Espresso und breitete das Notizbuch vor mir aus. Ich zeichnete die Kugel. Die Risse, die Naht, die Drähte im Inneren. Keine Kunst, nur eine Skizze, damit ich mich später erinnern würde. Die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas wolle. Ich sagte nein. Sie sah die Zeichnung, sagte nichts, ging weg.
Um elf kamen die ersten Reisegruppen. Ich packte zusammen und ging. Die Kugel trug ich in einer Plastiktüte, die mir die Kellnerin gegeben hatte. Sie schlug gegen mein Bein bei jedem Schritt. Ein Rhythmus, an den ich mich gewöhnte.
Abends, im Hotelzimmer, legte ich sie auf den Nachttisch. Neben das Notizbuch, neben mein Telefon, neben die Eintrittskarte für morgen, Arsenale, zweiter Besuch. Ich schickte Ralf ein Foto. Keine Erklärung, nur das Bild.
Eine Stunde später die Antwort: Das kann nicht eine von unseren sein. Ich schrieb: Ich weiß.
Er schrieb: Aber du behältst sie.
Ich antwortete nicht. Es gab nichts zu antworten.
Draußen fuhr ein Vaporetto vorbei, das Licht glitt über die Decke, verschwand. Die Kugel lag auf dem Nachttisch, tot, stumm, ein Gegenstand, der nichts mehr sendete.
Ich schlief schlecht. Träumte von Drähten, die sich bewegten, von Wasser, das rauschte, von einer Frequenz, die ich nicht finden konnte. Marie war auch im Traum, aber als ich aufwachte, wusste ich nicht mehr, was sie gesagt hatte.
Die Kugel war noch da. Sie war noch da, und ich war noch hier, und draußen lag Venedig, und morgen würde ich wieder durch das Arsenale gehen und Kunst über Migration und Flucht betrachten. Videoinstallationen über Menschen, die übers Mittelmeer treiben. Die nicht wissen, ob sie ankommen. Die senden, solange sie können – ein Signal, ein Schrei, ein Telefonat mit jemandem, der nichts tun kann außer zuhören. Und dann verstummen sie, und das Wasser schließt sich über ihnen, und in Venedig hängt jemand ein Video davon an die Wand und gewinnt den Goldenen Löwen. Die Kugel würde in meiner Tasche sein. Als Beweis – wofür? Dass manche Dinge senden, während sie dahintreiben. Und dann verstummen. Dass man sie trotzdem findet. Dass das vielleicht nichts bedeutet.
Oder alles.
MARIE
die Accademia-Brücke Holz unter den Füßen der Canal Grande darunter und Marie sagte Schönheit die nicht von Dauer ist ist die einzige die zählt ich weiß nicht mehr was ich geantwortet habe ihre Hände ein Buch haltend Borges auf der Terrasse am Zattere welches Buch ich hätte es wissen müssen der letzte Morgen Nebel über der Lagune wir standen am Fenster beide wach seit fünf beide schweigend der Nebel lag auf dem Wasser wie etwas das nicht atmet Marie trug mein Hemd das graue zu groß für sie die Ärmel umgekrempelt sie sagte wir sollten reden ich sagte ja wir redeten nicht sechs Monate vor dem Ende oder acht ich sehe den Nebel noch ich höre den Satz noch ich weiß nicht mehr wie ihr Gesicht aussah Ein Streit in einer Trattoria. Ich weiß nicht mehr, worum es ging. Nur ihre Stimme, wie sie leiser wurde, je wütender sie war. Das Gegenteil von mir. Ich wurde laut. Sie wurde still. Am Ende saßen wir da, das Essen kalt, und draußen regnete es, und sie sagte: Wir sollten gehen. Ich sagte: Ja. Wir blieben sitzen. Ihre Hände wenn sie las den Daumen zwischen den Seiten als Lesezeichen immer den Daumen nie ein Papier nie ein Band der Daumen zwischen den Seiten und ich fragte einmal warum und sie sagte ich will das Buch spüren und ich verstand nicht und jetzt Jahre später in einem Hotelzimmer in Venedig nehme ich ein Buch und lege den Daumen zwischen die Seiten und verstehe immer noch nicht aber ich tue es trotzdem Sie schlief auf der linken Seite. Immer. Auch wenn das Fenster rechts war, auch wenn das Licht von links kam. Die linke Seite war ihre. Ich lernte, rechts zu schlafen. Jetzt schlafe ich wieder links. Es fühlt sich falsch an. Seit zwei Jahren falsch. Lyon sagt sie jetzt wenn jemand fragt und ich sage nichts wenn jemand fragt weil niemand fragt weil ich niemandem erzählt habe dass es sie gab dass es sie gibt irgendwo in Lyon in einem Büro in einer Wohnung in einem Leben das meines nicht mehr streift Sie schrieb Listen. Einkaufslisten, To-do-Listen, Listen von Büchern, die sie lesen wollte, Listen von Orten, die sie sehen wollte. Venedig stand auf einer dieser Listen, ganz oben, unterstrichen. Sie hat es durchgestrichen, als wir das erste Mal hier waren. Ich habe die Liste noch. Ich weiß nicht warum. das Wasser unter der Brücke und das Wasser in der Erinnerung und das Wasser das alles verwischt die Konturen die Gesichter die Stimmen bis nur noch Fragmente bleiben Holz unter den Füßen ein Buch ein Hemd ein Nebel der mich nicht atmen lässt
DAS SPEKTAKEL UND DIE ZÄRTLICHKEIT
Tag 4
Der vierte Tag. Aufgehört zu zählen hatte ich längst, aber das Telefon zählte weiter. Siebzehn Nachrichten der Redaktion. Wann der Text komme. Welcher Umfang. Ob Fotos. Hundertdreiundzwanzig Fotos hatte ich, und auf keinem war etwas zu sehen.
Morgens ein Kollateralevent in einem Palazzo nahe Santa Maria Formosa. Der Palazzo hieß irgendwas mit Grimani oder Gradenigo, einer dieser Namen, die alle gleich klingen, weil sie alle das Gleiche bedeuten: altes Geld, totes Geld, Geld, das jetzt in Kunst investiert wird, damit es lebendig aussieht. Die Installation handelte von Wasser. Natürlich handelte sie von Wasser. Wir waren in Venedig, also handelte alles von Wasser, von steigendem Wasser, von der Apokalypse des Wassers, und ich stand in einem Raum mit zwanzig anderen Menschen und sah zu, wie auf einem Bildschirm Venedig unterging, in Zeitlupe, auf Endlosschleife, während draußen das Wasser über die Stufen schwappte. Eine Frau neben mir trug Céline, aktuelle Kollektion. Sie fotografierte den Bildschirm mit ihrem Telefon. Das Telefon war größer als mein Notizbuch. Ins Notizbuch schrieb ich: Wasser auf Bildschirm. Frau fotografiert Bildschirm. Draußen echtes Wasser. Niemand fotografiert echtes Wasser. Der Bleistift war stumpf geworden. Kein Spitzer.
Mittags Cannaregio. Weg von den Ausstellungen, weg von den Giardini, weg von allem, was im Katalog stand. Die Gassen wurden enger. Wäsche hing zwischen den Häusern. Ein alter Mann saß vor einer Tür und rauchte. Er sah mich an. Ich sah ihn an. Er rauchte weiter.
Der ehrlichste Moment des Tages.
Auf einer Brücke aß ich ein Tramezzino, das ich an einem Kiosk gekauft hatte. Thunfisch, Kapern, zu viel Mayonnaise. Schmeckte nach gar nichts. Aß es trotzdem.
Marie hätte gesagt: Du isst immer die falschen Sachen an den falschen Orten. Und ich hätte nichts erwidert, weil es stimmte.
Ein Vaporetto fuhr vorbei, Richtung Lido vielleicht, voll mit Leuten, die wussten, wohin sie wollten. Ich saß auf der Brücke und wusste es nicht.
Nachmittags
Nicht ins Arsenale. Nicht noch einmal durch die Corderie, nicht noch einmal an den Bildschirmen vorbei, nicht noch einmal nicken. Stattdessen ziellos durch Castello, vorbei an der Kirche San Giovanni in Bragora, wo Vivaldi getauft wurde, was mich nicht interessierte, vorbei an Wäscheleinen und Katzen und einem Laden, der Schiffszubehör verkaufte.
In einem Campo setzte ich mich auf eine Steinbank. Kinder spielten Fußball. Der Ball prallte gegen eine Hauswand, immer dieselbe Stelle, wahrscheinlich seit Jahrzehnten. Die Wand hatte einen hellen Fleck.
Abends der Palazzo am Campo San Polo. Vernissage. Stiftungsgelder aus der Schweiz oder Liechtenstein oder Dubai, einer dieser Orte, wo das Geld herkommt und niemand fragt woher. Prosecco in Plastikbechern. Manche Becher wurden von Leuten gehalten, deren Uhren mehr kosteten als mein Jahresgehalt.
Ich lehnte an der Wand, Plastikbecher in der Hand, und sah zu, hörte zu.
Die Gespräche. Immer die gleichen Gespräche. Hast du den Pavillon gesehen? Welchen? Den und den. Was hältst du davon? Interessant. Ja, interessant. Das Wort interessant ist das Todesurteil der Kunstkritik. Es bedeutet: nichts zu sagen, aber mit Nachdruck. Ein Mann sprach über liminale Räume. Ein anderer über posthumane Ästhetik. Eine Frau erklärte, die Ausstellung sei ein Dialog mit dem Anthropozän. Der dritte Prosecco. Ob Marie jemals das Wort Anthropozän benutzt hatte? Hatte sie nicht. Sie hatte Dinge gesagt wie: Das Bild ist gut oder Das Bild ist schlecht. Manchmal: Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, aber es macht mich traurig. Das war ehrlicher als alles, was ich an diesem Abend hörte.
An der Bar stand einer, der nicht dazugehörte. Die Schuhe verrieten es – zu bequem, falsche Marke. Er fotografierte die Menge mit einer Kamera, die alt aussah, aber wahrscheinlich teuer war. Wir kamen ins Gespräch. Er sagte, er fotografiere für ein Magazin.
Welches?
nudek.
Kannte es nicht.
Es gibt es nicht, sagte er. Ich mache nur die Cover. Und die Editorials. Der Rest ist leer. Ich verstand nicht.
Ein Fake-Magazin, sagte er. Kai Pelka, so stellte er sich vor. Ich Fotografiere für ein Magazin, das nicht existiert. Die Ausgaben erscheinen nie. Nur die Cover. Er zeigte mir sein Telefon. Das Cover: nudek – Venice Issue. Eine Frau in Schwarz vor dem Arsenale. Darunter Headlines, die nichts ankündigten.
Warum?
Er zuckte die Schultern. Warum nicht? Die ganze Kunstwelt tut so, als gäbe es sie. Ich tue so, als gäbe es ein Magazin darüber. Der Unterschied ist geringer, als man denkt.
Der vierte Prosecco.
Kommt die Ausgabe raus?
Nie, sagte er. Das ist der Punkt.
Er ging weiter, fotografierte andere Leute, für ein Magazin, das niemand lesen würde, weil es niemand drucken würde, weil es nicht existierte. Ins Notizbuch: Das Fake-Magazin ist ehrlicher als die echten.
Ich ging, ohne mich zu verabschieden. Die Gassen waren dunkel. Pelkas Satz hing mir nach: Der Unterschied ist geringer, als man denkt.
Tag 5
Der Artikel interessierte mich nicht mehr. Was mich interessierte: warum ich trotzdem hier war.
Am ersten Tag hatte ich es verstanden. Das System, das seine Kritiker frisst. Analyse, fertig, abhaken. Aber jetzt, am fünften Tag, war die Analyse schal geworden. Man kann nicht fünf Tage lang analysieren, ohne sich zu fragen, was man selbst hier macht. Warum ich durch die Corderie lief und nickte wie alle anderen. Warum ich Prosecco aus Plastikbechern trank und Gespräche über liminale Räume führte, obwohl ich das Wort hasste. Warum ich hier saß und Notizen machte für einen Artikel, der nichts ändern würde.
Debord hatte das Wort dafür: Rekuperation. Die Fähigkeit des Spektakels, jeden Angriff zu absorbieren. Pelkas Fake-Magazin war der ehrlichste Kommentar, den ich in fünf Tagen gehört hatte – und selbst der würde irgendwann in einer Galerie hängen, gerahmt, mit Preisschild. Aber Debord hatte nicht beschrieben, wie es sich anfühlt, Teil davon zu sein. Die leichte Übelkeit. Die Müdigkeit, die keine Müdigkeit ist, sondern etwas anderes – die Ahnung, dass man seine Zeit vergeudet, und zwar auf eine Weise, die gut bezahlt wird.
Das Honorar für diesen Artikel würde meine Miete decken. Das war der Deal. Hinfahren, hingehen, hinsehen, hinschreiben. Kritisch, aber nicht zu kritisch. Ironisch, aber nicht so, dass jemand sich angegriffen fühlt. Ein Text, den die Leute lesen, verständnisvoll nicken und dann vergessen, während sie den nächsten Artikel lesen und nicken und vergessen.
Aber.
Draußen lief ein Kind über die Piazza, einer Taube hinterher. Die Taube flog weg. Das Kind lachte.
Und da war es wieder. Das andere. Das, wofür Debord kein Wort hatte.
Marie am Morgen. Nicht analysierbar. Nicht rekuperierbar. Das Licht durch das Fenster, die Art, wie sie das Laken zur Seite schob. Wie sie Kaffee machte, zu stark, immer zu stark, und ich trank ihn trotzdem, weil sie ihn gemacht hatte. Das stand in keinem Katalog. Darüber schrieb niemand einen Artikel. Die Zärtlichkeit. Das, was nicht zur Schau gestellt wird. Das einzige, was das Spektakel nicht absorbieren kann – nicht weil es sich wehrt, sondern weil es nicht weiß, dass es existiert. Weil es niemand sieht. Weil es keinen Marktwert hat. Weil es verschwindet, wenn man es benennt.
Maries Hände, ein Buch haltend. Das Geräusch, wenn sie eine Seite umblätterte. Der Geruch von Kaffee in einem Hotelzimmer, das wir uns nicht leisten konnten.
Debord hatte nicht geliebt. Oder doch, aber davon schrieb er nicht. Seine Gesellschaft des Spektakels kennt Analyse, Wut, Präzision. Aber keinen Moment, in dem einer aufhört zu denken und einfach nur dasitzt. Zusieht, wie ein Kind einer Taube nachläuft. Sich erinnert an jemanden, der nicht mehr da ist.
Ins Notizbuch: Was das Spektakel nicht absorbieren kann: das, was niemand sieht. Der Bleistift war jetzt so stumpf, dass die Buchstaben kaum noch lesbar waren. Im Tabacchi nebenan kaufte ich einen neuen. Falsche Härte, HB statt B, schrieb zu dünn, zu grau. Benutzte ihn trotzdem. Man benutzt, was man hat.
Abends
Allein in einer Trattoria in Dorsoduro. Spaghetti alle vongole. Die Muscheln zu klein, das Salz zu viel, der Wein genau richtig. Zwei Gläser, ein drittes. Am Nebentisch ein Paar. Sie stritten. Leise, sodass die anderen Gäste es nicht verstehen sollten. Ich verstand es trotzdem. Nicht die Worte – den Ton. Den Ton, wenn etwas zu Ende geht und beide es wissen und trotzdem weiterreden.
Marie und ich hatten nicht gestritten. Am Ende nicht mehr. Wir hatten aufgehört zu reden. Das war schlimmer.
Der Rückweg zum Hotel führte durch Gassen, die alle gleich aussahen und alle anders waren. Irgendwo Musik, ein Fenster, eine Party, die mich nichts anging. Schritte auf dem Pflaster. Das Plätschern des Wassers in den kleinen Kanälen. Eine Katze, die mich ansah und verschwand.
Im Zimmer nahm ich die Kugel aus der Jackentasche und legte sie neben das Notizbuch. Jeden Tag hatte ich sie mitgetragen, ohne zu wissen warum. Ralfs Nachricht von gestern noch auf dem Telefon: Das kann nicht eine von unseren sein. Konnte es nicht. Das Plastik wäre längst zersetzt, die Drähte korrodiert, das Kupfer der Antenne zu grünem Staub geworden. Und doch. Die Kugel lag da, real, ein Gegenstand, der einmal gesendet hatte und jetzt schwieg. Wie vieles. Wie das meiste. Vielleicht war das der Punkt. Nicht ob sie echt war. Sondern dass es Dinge gab, die sendeten und irgendwann verstummten, und dass jemand sie trotzdem fand. Dass jemand sie aufhob und behielt und nicht wusste warum. Das Spektakel und die Zärtlichkeit. Debord und Marie. Der Katalog und das, was in keinem Katalog steht. Die Kugel, die nicht sendete, und die Erinnerung, die nicht aufhörte.
Irgendwann schlief ich ein, das Licht noch an, das Notizbuch aufgeschlagen neben mir. Im Traum war Wasser, steigendes Wasser, das niemand filmte. Maries Hände, die nichts hielten. Und eine Frequenz, die ich fast gefunden hätte, bevor ich aufwachte.
ACQUA ALTA
Die Sirenen weckten mich um fünf. Ich lag da und hörte sie, diesen ansteigenden Ton, der über die Stadt hing wie eine Warnung aus einem anderen Jahrhundert, und ich wusste sofort, was es bedeutete, noch bevor ich wusste, wo ich war.
Hundertzehn Zentimeter. Hundertzehn Zentimeter, das klingt nach nichts, das klingt nach einem Kind, das gerade laufen gelernt hat, aber hundertzehn Zentimeter bedeuten hier, dass der Markusplatz absäuft. Der tiefste Punkt der Stadt. Der schönste Salon Europas, hatte Napoleon gesagt, und jetzt stand der Salon unter Wasser, und ich zog mich an und ging hinaus.
Die Gassen waren leer. Fünf Uhr morgens, das Wasser stieg noch, und ich lief durch Dorsoduro in Richtung San Marco, und bei jeder Brücke sah ich es: das Wasser, das die Stufen hochkroch. Langsam. Unaufhaltsam. Ohne Eile.
Ein Mann kam mir entgegen, Gummistiefel bis zum Knie, er trug zwei Brote unter dem Arm und nickte mir zu. Guten Morgen. Alltag. Das Wasser steigt, und der Mann holt Brot.
Ich erreichte den Markusplatz gegen sechs. Das Licht war grau, die Sonne noch nicht da, und der Platz war ein See. Ein flacher, stiller See, in dem sich die Arkaden spiegelten, die Fassade von San Marco, der Campanile. Alles doppelt. Die Stadt und ihr Spiegelbild. Als hätte jemand Venedig kopiert und die Kopie unter das Original gelegt. Die Passerelle waren schon aufgebaut. Diese Metallstege, die sie bei Acqua alta aus den Lagern holen, ein Netz aus Brücken über dem Wasser, vielleicht dreißig Zentimeter hoch. Menschen balancierten darauf. Touristen mit hochgekrempelten Hosen, die ihre Telefone in die Luft hielten. Ein japanisches Paar machte Selfies. Er hielt sie, sie hielt das Telefon, im Hintergrund die überschwemmte Piazza. Alles war Bild.
Ich stand am Rand und sah zu. Mein Notizbuch in der Jackentasche, aber ich schrieb nichts. Es gab nichts zu schreiben. Das Wasser war da. Es würde wieder gehen. Es würde wiederkommen.
Sechs Milliarden Euro für Fluttore, die das Meer aussperren sollen. Seit 2020 funktionieren sie. Die Kritiker sagen, sie waren schon bei der Inbetriebnahme zu niedrig – konzipiert für ein Klima, das es nicht mehr gibt. Wenn die Tore oben sind, steht die Lagune still. Das Wasser fault. Aber die Tore sind oben, und der Markusplatz ist trocken, und alle machen Fotos. Die Kreuzfahrtschiffe haben sie verbannt, 2021, nach Jahrzehnten. Diese schwimmenden Hochhäuser, die durch den Giudecca-Kanal fuhren, dreihundert Meter lang, sechzigtausend Tonnen, ihre Bugwellen fraßen an den Fundamenten, ihre Abgase legten sich über die Stadt, und die Touristen standen oben an der Reling und fotografierten den Untergang, den sie beschleunigten. Jetzt legen sie in Marghera an, auf dem Festland, aber sie kommen trotzdem, die Passagiere, in Bussen, zehntausend pro Schiff, sie fluten die Gassen für sechs Stunden und verschwinden wieder. Das Verbot war keins. Es war eine Umleitung.
Die Stadt sinkt. Jedes Jahr ein bisschen. Subsidenz, nennen sie das. Und das Meer steigt. Jedes Jahr ein bisschen. Und irgendwann, in fünfzig Jahren, in hundert, werden sich die beiden Kurven kreuzen, und dann werden die sechs Milliarden Euro nicht mehr helfen, dann wird der schönste Salon Europas ein Aquarium sein, und die Touristen werden mit Glasbodenbooten über den Markusplatz fahren und nach unten schauen, wo einmal die Tauben waren.
Aber das sagte ich mir nur. Ich sagte es mir, während ich auf dem Steg stand und die Japaner fotografierten und das Wasser still und grau unter mir lag. Ich sagte es mir, und es änderte nichts.
Marie hatte einmal gesagt, sie wolle hier sterben. In Venedig. Sie hatte es gesagt, abends, auf der Accademia-Brücke, Wein auf den Lippen, und ich hatte gelacht, weil man über so etwas lacht, wenn man jung ist und verliebt und nicht glaubt, dass irgendetwas jemals enden wird.
Sie war nicht gestorben. Sie war nach Lyon gegangen. Das ist auch eine Art zu verschwinden.
Ich stand auf dem Steg über dem Markusplatz und dachte an diesen Satz, und ich fragte mich, ob sie sich erinnerte. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich war es einer dieser Sätze, die man sagt und vergisst, die nur im Kopf desjenigen weiterleben, der sie gehört hat.
Das Wasser bewegte sich nicht. Es lag da wie Glas.
Gegen Mittag begann es zurückzugehen. Die Gezeiten, das System, das Venedig seit tausend Jahren beherrscht. Das Wasser kommt, das Wasser geht. Die Menschen warten. Die Menschen haben Gummistiefel. Die Menschen haben Passerelle. Die Menschen haben gelernt, mit dem Wasser zu leben. Tausend Jahre. Und jetzt gehen sie weg, nicht wegen des Wassers, sondern wegen der Mieten, wegen der Touristen, wegen der Stadt, die keine Stadt mehr ist, sondern eine Kulisse.
Ich kaufte einen Kaffee in einer Bar nahe San Zaccaria. Der Besitzer wischte den Boden. Das Wasser war noch da, vielleicht fünf Zentimeter, es schwappte unter der Tür durch, und er wischte, und ich trank meinen Kaffee, und wir sprachen nicht.
Als ich bezahlte, sagte er: Ogni anno. Jedes Jahr.
Ich nickte.
Ogni anno, sagte er noch einmal, und dann wischte er weiter.
Am Nachmittag ging ich zurück zur Pension. Das Wasser war fast weg. Nur noch Pfützen, hier und da, und der Geruch nach Tang und Schlick, der aus den Gassen stieg. Ich legte mich aufs Bett und schlief zwei Stunden, und als ich aufwachte, war es dunkel.
Ich nahm die Kugel vom Nachttisch. Sie lag in meiner Hand, leicht, hohl.
Alles verstummt irgendwann.
Ich stand auf und ging hinaus.
Die Stadt war still. Abends, nach dem Acqua alta, wenn die Touristen in den Hotels sind und die Restaurants noch nicht voll, gibt es Momente, in denen Venedig so ist, wie es vielleicht einmal war. Leer. Dunkel. Die Schritte hallen. Das Wasser plätschert gegen die Mauern.
Ich fand eine Brücke, irgendwo in Castello, eine kleine Brücke über einem schmalen Kanal, und ich setzte mich auf die Stufen und sah auf das Wasser. Es war schwarz jetzt. Es reflektierte die Lichter der Fenster, gelb und warm, und es bewegte sich langsam, träge, als wäre es müde vom Tag.
Die Kugel lag in meiner Hand.
Ich hätte sie hineinwerfen können. In den Kanal. Sie treiben lassen. Ein Abschied. Ein Ritual. Etwas, das Bedeutung gehabt hätte. Ein alter Mann ging vorbei. Langsam, mit Stock, den Blick geradeaus. Er sah mich, sah die Kugel in meiner Hand, sagte nichts. Ging weiter. Seine Schritte verhallten in der Gasse.
Ich saß da.
Das Wasser war schwarz und das Licht war gelb und Marie war in Lyon und die Stadt sank und das Meer stieg und morgen würde ich den Artikel schreiben, den ich schreiben sollte.
Endlich stand ich auf, ging zurück zur Pension.
DAS METALABOR
Die Pension war still. Ich saß auf dem Bett, die nassen Schuhe ausgezogen, die Socken klamm. Die Kugel lag auf dem Nachttisch. Ich hatte sie nicht ins Wasser geworfen. Ich wusste nicht, warum.
Das Telefon leuchtete auf. Ralf.
Wir sprachen seit Jahren nur noch bei besonderen Anlässen. September immer. Und manchmal, ohne Grund, mitten in der Nacht oder am frühen Morgen, wenn einer von uns nicht schlafen konnte.
September, sagte er. Keine Begrüßung. Villmar. Kommst du?
Ja.
Stille. Draußen fuhr ein Vaporetto vorbei, das dumpfe Tuckern durch die Mauern. Ralf wartete. Er wartete immer.
Die Stadt ist überschwemmt, sagte ich. Acqua alta.
Ich weiß.
Wieder Stille. Das Licht der Straßenlaterne fiel durch das Fenster, ein gelber Streifen auf dem Boden. Ich sah die Kugel an.
Bring sie mit, sagte Ralf.
Ja.
Gut. September.
Er legte auf.
Ich saß auf dem Bett, das Telefon noch in der Hand. Dreißig Sekunden, vielleicht vierzig. So telefoniert Ralf. Er sagt, was er sagen will. Der Rest ist Schweigen.
Das Freudenberger Schloss. Das fiel mir jetzt ein, keine Ahnung warum. Jahre her. Ich war aus Weimar zurückgekommen, voller Ideen, Kogawas Schaltpläne im Kopf, und hatte einen Antrag geschrieben. Folklore im Garten, das Festival in Wiesbaden, damals noch im Schlosspark. Meine Idee: Jeder Besucher baut seinen eigenen Sender. Drei Tage lang, hundert Frequenzen, ein Rauschen aus Stimmen und Musik und was auch immer die Leute senden wollten. Demokratie auf UKW.
Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: technische Bedenken, rechtliche Bedenken, grundsätzliche Bedenken. Ralf hatte gelacht, als ich es ihm erzählte. Radio in Deutschland, sagte er, das ist Staatssender und Volksempfänger. Das ist eine große Sache, Gremien, Lizenzen, Sendemasten. Nichts, was auf einer Platine Platz findet. Nichts, was jeder haben darf.
Ich fuhr trotzdem zum Festival. Ohne Zuschuss, ohne Genehmigung. Ein Sender im Rucksack, zusammengelötet nach Kogawas Bauplan. Drei Tage lang sendete ich vom Schlosspark aus, irgendwo zwischen 87 und 88 Megahertz, Reichweite vielleicht zweihundert Meter. Niemand beschwerte sich. Niemand hörte zu. Aber ich sendete.
Die Kugel lag auf dem Nachttisch. Im September würde ich sie nach Villmar bringen. Ich würde sie auf den Tisch legen, zwischen die Weingläser, und Ralf würde nichts sagen, und niemand würde fragen.
Sie würden es wissen.
Ich zog die nassen Socken aus und legte mich hin. Draußen das Wasser. Drinnen die Stille. Irgendwo in München hatte Ralf aufgelegt und machte jetzt etwas anderes, Kaffee vielleicht, oder er stand am Fenster und sah hinaus, und wir beide dachten an dieselbe Sache, ohne darüber zu reden.
So funktioniert das. Seit zwanzig Jahren.
DER ARTIKEL
Der Morgen kam grau. Durch das Fenster der Pension das Licht, das nicht Licht war, nur ein Aufhellen. Die Sirenen blieben still. Der Pegel musste gesunken sein.
Die Kugel lag noch auf dem Nachttisch. Ich sah sie an, wie man einen Satz ansieht, den man geschrieben hat und nicht mehr versteht. Dann stand ich auf.
Das Café fand ich in einer Seitengasse hinter Santa Maria Formosa. Klein, kein Name an der Tür, drei Tische drinnen, zwei draußen. Ein Mann hinter der Theke, der nicht aufblickte, als ich eintrat. Ich bestellte einen Caffè und setzte mich an den Tisch am Fenster.
Das Notizbuch lag vor mir. Hundertneunzig Seiten, vielleicht neunzig beschrieben. Der Bleistift war stumpf. Ich schrieb trotzdem. Die Redaktion wollte dreitausend Zeichen. Architektur, Trends, die üblichen Verdächtigen. Ein Überblick, stand in der Mail. Einordnung für unsere Leser.
Einordnung.
Ich schrieb den ersten Satz und strich ihn durch. Schrieb den zweiten und strich ihn durch. Der dritte blieb stehen.
Das Spektakel hat gesiegt.
Das war kein Satz für die Zeitung. Das war kein Satz für die Redaktion, für die Leser, für die dreitausend Zeichen mit Einordnung und Überblick. Aber es war der einzige Satz, der stimmte.
Der Mann brachte den Caffè. Ich trank ihn schwarz, obwohl ich sonst Zucker nahm. Wann hatte ich aufgehört, Zucker zu nehmen? Marie hatte ihren Kaffee schwarz getrunken. Das fiel mir ein. Ohne Grund.
Ich schrieb weiter.
Achtundachtzig Länder präsentieren Kunst über Flucht, Migration, Entwurzelung. Vor dem Arsenale stehen Menschen, die aus dem gleichen ICE stiegen wie ich. Stranieri Ovunque hatte die Kunstbiennale 2024 getitelt, Fremde überall. Ein Jahr später sind wir immer noch alle Fremde hier. Und die echten Fremden, die Venezianer, die zu Fremden in ihrer eigenen Stadt wurden – fünfzigtausend noch, wo einmal hunderachtzigtausend lebten – die kommen in keinem Katalog vor. Das war zu lang für die Zeitung. Zu polemisch. Zu viel Ich.
Ich schrieb trotzdem weiter.
Die Millionäre stehen Schulter an Schulter mit Künstlern, deren Werke sie selbst anklagen. Sie kaufen die Anklage. Hängen sie in ihre Wohnzimmer. Das Kunstwerk über Ungerechtigkeit wird Investition. Der Caffè war leer. Ich bestellte noch einen. Der Mann nickte, brachte ihn, sagte nichts. Das war gut so. Draußen ging eine Frau vorbei. Sie trug Einkaufstaschen, keine Designertaschen, echte Einkaufstaschen, gefüllt. Eine Venezianerin vielleicht. Eine von den fünfzigtausend. Sie sah nicht herein. Ich schrieb über das Licht. Über die Stille in den Seitengassen, morgens um sechs, wenn die Stadt noch schläft oder so tut als ob. Über einen alten Mann, der auf einer Brücke rauchte und mich ansah und nichts sagte.
Ich schrieb über die Kugel.
Vor zwanzig Jahren bauten Freunde Plastikkugeln in Weimar. Minisender darin. Sie warfen sie in den Canal Grande. Ich war woanders. Aber ich wusste davon. Ralf schickte Fotos. Die Kugeln sendeten. Irgendwann verstummten sie. Ich strich den Absatz durch.
Schrieb ihn neu.
Irgendwann verstummt alles.
Das war besser. Oder schlechter. Ich wusste es nicht mehr.
Marie.
Ihr Name stand nicht in meinem Notizbuch. Ich hatte ihn nicht geschrieben, auf keiner der neunzig beschriebenen Seiten. Aber er war überall. Zwischen den Zeilen. In den Lücken. In dem, was ich nicht schrieb.
Das Spektakel kann alles absorbieren, schrieb ich. Außer dem, was nicht zur Schau gestellt wird. Das war ein Satz für niemanden. Für mich vielleicht. Für Ralf, wenn er ihn je lesen würde. Für die Kugel auf dem Nachttisch, die nichts mehr sendete.
Der Mann hinter der Theke polierte Gläser. Ein Radio lief, leise, italienische Stimmen, die ich nicht verstand. Draußen wurde es heller. Die Stadt wachte auf.
Den Artikel schrieb ich nicht.
Ich schrieb etwas anderes. Etwas, das die Redaktion nicht drucken würde. Etwas, das zu lang war, zu persönlich, zu voller Dinge, die in keiner Einordnung vorkamen. Ich schrieb über Venedig, wie es war, wenn niemand hinsah. Über Debord, der recht gehabt hatte und doch etwas übersehen hatte. Über Schuhe, die zeigten, wer dazugehörte und wer nicht. Über das Acqua Alta, das kommt und geht und kommt, bis es eines Tages bleibt.
Und ich schrieb über Zärtlichkeit.
Nicht über Marie. Über das, was übrig bleibt, wenn die Körper verschwunden sind, wenn die Namen verschwunden sind. Das Licht durch ein Fenster. Eine Hand, die ein Buch hielt. Ein Satz, der gestimmt hatte, damals, und vielleicht immer noch stimmt.
Das Spektakel ist die Sonne, die nie untergeht, hatte Debord geschrieben.
Aber über Venedig ging sie unter, schrieb ich. Gestern Abend. Ich habe zugesehen. Der Bleistift war jetzt so stumpf, dass die Buchstaben kaum noch lesbar waren. Ich klappte das Notizbuch zu. Es hatte keinen Goldschnitt, keine Prägung, nur das dunkle Rot des Einbands. Braunkreuz, hätte Beuys gesagt.
Der Mann hinter der Theke sah auf. Zum ersten Mal. Er fragte etwas auf Italienisch. Ich schüttelte den Kopf. Er nickte. Ich zahlte. Ging hinaus. Die Gasse war schmal und feucht vom Regen, der irgendwann in der Nacht gefallen sein musste. Ich ging zurück zur Pension, um die Kugel zu holen.
Die Redaktion bekam ihren Text. Dreitausend Zeichen, Architektur, Trends, die üblichen Verdächtigen. Ich schrieb ihn in zwanzig Minuten, auf dem Telefon, im Vaporetto zurück nach Santa Lucia.
Alles andere behielt ich für mich.
ABSCHIED
Santa Lucia. Endstation.
Der Koffer lag noch in der Pension. Eine Stunde blieb, vielleicht mehr. Vor dem Bahnhof führten Stufen zum Wasser, und dort setzte ich mich hin. Dasselbe Licht wie bei der Ankunft. Dieselben Vaporetti. Dieselbe Kuppel gegenüber, die ich damals für einen vergessenen Helm gehalten hatte. Die Wellen schlugen gegen den Stein, zogen sich zurück, schlugen wieder an. So ging das seit Jahrhunderten. Ein Maisverkäufer sprach mich an. Kopfschütteln. Er ging weiter. Eine Möwe landete, sah mich an, flog davon.
Marie und ich hatten hier gesessen, beim letzten Mal. Abends war es gewesen, das Licht schon golden und falsch, und sie hatte gesagt, in Venedig reise man immer zu früh ab. Egal wann. Damals hatte ich genickt, ohne zu verstehen.
Das Wasser wechselte seine Farbe, grau, dann grün, je nachdem wie die Sonne darauf fiel. Ein Lieferboot fuhr vorbei, der Mann am Steuer rauchte, sah nicht herüber. Für ihn war ich ein Tourist auf den Stufen, einer von Millionen. Der Weg zurück zur Pension führte durch Gassen, die vertraut geworden waren in diesen Tagen, ohne dass ich ihre Namen kannte. Die Brücke mit den abgetretenen Stufen. Die Hauswand, unter deren Putz rote Ziegel hervorkamen. Der Campo mit dem Brunnen, der kein Wasser gab. Im Zimmer der offene Koffer. Das blaue Hemd mit dem Spritz-Fleck, darin die Kugel. Ich fasste sie nicht an. Schloss den Koffer.
Am Bahnhof stand der Zug schon am Gleis. München über Verona, Innsbruck, Rosenheim. Ein Mann schlief im Abteil, Kopfhörer auf, das Gesicht zur Wand. Der Platz am Fenster war frei.
Das Gepäckfach nahm den Koffer auf – eine Formulierung, die mir selbst albern vorkam, als hätte das Fach einen Willen, als leistete es einen Dienst. Früher taten das Menschen. Träger in Uniformen, die am Bahnsteig warteten und einem das Gepäck aus der Hand nahmen. Jetzt tat es das Fach, und ich bedankte mich fast dafür. Vorsichtig stellte ich den Koffer hinein, wegen der Kugel.
Dann fuhr der Zug an, und die Stadt begann zu verschwinden. Erst die Häuser, die sich im Wasser spiegelten. Dann die Brücke, der Ponte della Libertà, dreieinhalb Kilometer über die Lagune, das Wasser rechts und links silbrig im späten Licht. Dann Mestre, Industrieanlagen, Autobahnen. Die Welt, die keine Postkarte war. Rehe gehen nicht, hatte ich einmal geschrieben. Sie verschwinden. So ging es mir jetzt. Die Welt verschwand, für die Dauer einer Zugfahrt. Oder ich war es, der verschwand, und die Welt blieb.
Venedig wurde Silhouette. Wurde Erinnerung.
Das Glas am Fenster war kalt, als ich den Kopf dagegen lehnte. Draußen wurde es langsam dunkler, diese Stunde zwischen Tag und Abend, in der das Licht nicht mehr weiß, wohin es gehört.
Der Zug fuhr durch die Ebene, Richtung Berge, Richtung Norden.
Im Gepäckfach über mir lag die Kugel, eingewickelt in ein Hemd, und vielleicht sendete sie noch, auf einer Frequenz, die niemand empfing. Oder sie war längst stumm. Nur noch Plastik und korrodierte Drähte und das, was ich hineinlegte.
Hinter Verona schlief ich ein.
Als ich aufwachte, war es dunkel. Wir waren in den Bergen, irgendwo zwischen zwei Tunneln. Das Fenster zeigte mein Gesicht, gespiegelt, unscharf. Wie auf der Hinfahrt. Derselbe Blick in die schwarze Nacht, dasselbe Glas, dieselbe Kälte. Und doch ein anderes Gesicht. Welches, wusste ich nicht.
Das Licht im Abteil flackerte kurz. Der Mann mit den Kopfhörern schlief noch, zur Wand gedreht.
Der Zug fuhr weiter.
EPILOG: SEPTEMBER, TAUNUS
Das Grand Hotel Europa war kein Grand Hotel. Es war ein Haus an der Lahn, in Villmar, und es hieß nicht einmal Europa. Ich hatte den Namen erfunden, irgendwann, als das Metalabor zum ersten Mal stattfand. Seitdem blieb er hängen.
Ich fuhr von Limburg aus, zwanzig Minuten, die Kugel auf dem Beifahrersitz, eingewickelt in dasselbe Hemd wie vor vier Monaten. Das blaue. Ich hatte es noch immer nicht gewaschen.
Ralf kam als Erster. Er sah aus wie immer. Untersetzt, Brille, kurze Haare, ein Gesicht, das sich nicht veränderte. Er sagte nichts. Umarmte mich. Kurz, fest.
Ich legte die Kugel auf den Tisch.
Du hast sie mitgebracht, sagte er.
Ja.
Warum?
Ich wusste es nicht. Ich sagte es.
Er nahm sie in die Hand. Drehte sie, betrachtete die Korrosion, die Drähte, die kaum noch erkennbar waren.
Sie hat nie gesendet, sagte er. Nicht diese hier.
Ich weiß.
Aber du hast sie trotzdem behalten.
Ja.
Er legte sie zurück. Das Geräusch, als das Plastik auf das Holz traf, war leise.
Gut, sagte er.
Draußen rauschte die Lahn. Das Haus knarrte. Bald würden die anderen kommen.
Die Kugel lag auf dem Tisch. Sie sendete nicht. Sie hatte wahrscheinlich nie gesendet. Aber sie war da. Und ich war da.
Das war genug.
Einige Personen und Orte in diesem Text sind real, andere erfunden. Ähnlichkeiten mit Lebenden und Toten, Orten und Nicht-Orten, dem Gewesenen und dem Nie-Geschehenen sind weder Zufall noch Absicht. Sie sind unvermeidlich.
Nachlesestoff
BUBBLE RADIO / EXPERIMENTELLES RADIO
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Ralf Homann Wiki: https://wiki.ralfhomann.info/teaching
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Bauhaus-Universität Weimar, Experimentelles Radio: https://www.uni-weimar.de/de/kunst-und-gestaltung/professuren/experimentelles-radio/
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bauhaus.fm (aktuelles Radioprogramm): https://www.uni-weimar.de/projekte/bauhaus-fm/
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Interview mit Ralf Homann (Network Cultures): https://networkcultures.org/geert/die-zweite-bauhaus-zerstorung-interview-mit-ralf-homann/
TETSUO KOGAWA / MINI-FM
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Monoskop-Eintrag: https://monoskop.org/Tetsuo_Kogawa
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Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Tetsuo_Kogawa
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Polymorphous Space (eigene Seite): https://anarchy.translocal.jp/radio/micro/
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Transmitter-Workshops: https://anarchy.translocal.jp/radio/micro/howtotx.html
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Radioart-Performances: https://anarchy.translocal.jp/radioart/tetsuo_radioartperformance.html
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Museo Reina Sofía: https://radio.museoreinasofia.es/en/tetsuo-kogawa
GUY DEBORD / GESELLSCHAFT DES SPEKTAKELS
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Wikipedia (deutsch): https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels
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Wikipedia (englisch): https://en.wikipedia.org/wiki/The_Society_of_the_Spectacle
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Volltext (Marxists.org): https://www.marxists.org/reference/archive/debord/society.htm
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PDF (FU Berlin): https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/interart/media/dokumente/oberseminar/debord_guy_die_gesellschaft_des_spektakels.pdf
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Hyperallergic Illustrated Guide: https://hyperallergic.com/an-illustrated-guide-to-guy-debords-the-society-of-the-spectacle/
METALABOR
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Offizielle Seite: http://metalabor.org/
IRGENDLINK (Jürgen Rinck)
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Hauptseite: https://irgendlink.de/
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UmsLand-Projekte: https://irgendlink.de/tag/umsland/
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Kultursommer RLP Profil: https://kultursommer.de/kunstschaffende/juergen-rinck/
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Autorenwelt: https://www.autorenwelt.de/person/juergen-rinck
METALABOR
Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)
Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.
