Paris, März. Ein rostbraunes Notizbuch, drei Euro, Flohmarkt Clignancourt. Erste Seite: Alles über den Künstler S.B., aufgezeichnet von M.B. Was folgt, sind fünf Jahre Suche nach jemandem, auf den man am Ende nur noch warten kann.
Clignancourt
Paris im März. Der Regen war noch nicht weg, nur woanders. Der Flohmarkt an der Porte de Clignancourt roch nach nassem Leder, nach verbranntem Zucker und nach Dingen, die jemand einmal festgehalten hatte und dann losgelassen. Ich trieb durch die Gassen zwischen den Tischen.
Es lag zwischen einem Taschenkalender aus dem Jahr 1987 und einem Buch über Briefmarken des Dritten Reichs. Das Notizbuch. Kein Titel auf dem Einband. Keine Prägung, keine Banderole, kein Hinweis auf den Hersteller.
Nur diese Farbe.
Beuys nannte es Braunkreuz. Oder war es getrocknetes Blut. Matt-rostig. Ein Farbton, der nicht bitte sagt, der einfach ist, wie Erde ist, wie Rost ist, wie Zeit, die an Metalloberflächen arbeitet, ohne Unterbrechung, ohne Absicht. Ich stand da und hielt das Notizbuch in beiden Händen und wusste sofort, dass ich es kaufen würde. Man weiß es, bevor man es denkt.
Drei Euro. Der Mann am Tisch sah mich nicht an. Er trank Kaffee aus einem Plastikbecher und las ein Fußballheft. Ich steckte das Notizbuch in die Innentasche meiner Jacke und ging weiter.
Treiben
Paris. Das genügt als Erklärung. Ich lief. Die Rue des Martyrs, dann irgendwo links, irgendwo rechts. Ein Bistro, dessen Name sich mir nicht einprägte. Ricard. Eine alte Frau mit einem Hund, der aussah wie ein Problem. Die Seine, die ihr altes graugrünes Geschäft betrieb.
Ich verlor mich. Das ist kein Bild. Das ist ein Vorgang, den Paris besser beherrscht als andere Städte: es löst die Fäden, die man an sich selbst befestigt hat, löst sie sachte, bis man plötzlich leichter ist.
Das Notizbuch hatte ich längst vergessen.
Limburg. Brunnen Pusteblume.
Zurück, also. Limburg. Dom. Lahn. Das vertraute Steingefüge der Altstadt, die Fachwerkhäuser, die sich aneinanderlehnen wie Leute in der U-Bahn. Ich saß am Brunnen Pusteblume und das Sonnenlicht fiel schräg zwischen den betrunkenen Häusern auf den Stein.
Ich griff in die Jackentasche nach dem Telefon und meine Finger stießen auf etwas anderes. Etwas Rechteckiges, Festes, leicht Raues.
Ich hielt es eine Weile in der Hand, ohne es aufzuschlagen. Das Wasser spielte seine wiederkehrende Melodie. Ein Kind warf Steinchen ins Wasser. Dann schlug ich das Notizbuch auf.
Die erste Seite
Die Handschrift war klein und sicher. Tinte, keine Kugelschreiberschmiere. Eine Handschrift, die sich Zeit nimmt, ohne langsam zu sein.
Alles über den Künstler S.B., aufgezeichnet von M.B.
Weiter nichts. Kein Datum. Kein Ort.
Ich blätterte die Seiten durch. Die Aufzeichnungen kamen ohne Ankündigung, ohne Gliederung, ohne Rücksicht auf den Leser. Das also war M.B.: jemand, der schrieb um etwas festzuhalten, nicht um verstanden zu werden. Der Unterschied ist beträchtlich.
Die Notate: kurz, manchmal abgebrochen. Beobachtungen. Zustände. Manchmal nur ein Wort, das für eine ganze Szene stand. Dazwischen, selten, längere Passagen, dichter, fast atemlos. Kein Datum. Nirgends ein Datum. Als hätte M.B. entschieden, dass Chronologie eine Zumutung ist.
Lektüre
Ich blieb sitzen, bis die Sonne weg war. Und dann noch eine ganze Weile.
Die Aufzeichnungen drehten sich alle um Performances. Um einen Künstler, den ich nicht kannte: S.B. Und um M.B., der das alles aufschrieb. Er hatte entschieden zu dokumentieren, was sich der Dokumentation entzieht. Er schrieb auf, was er sah, auch wenn das, was er sah, sich dem Aufschreiben widersetzte. Performances, die nicht stattfanden, um dokumentiert zu werden. M.B. war das Archiv von etwas, das kein Archiv wollte.
Stichworte auf den Seiten: Wiesbadener Raum. Avantgarde. Schlachthof. Atelier Bratwurst. Blutiger Mischwald. FfK. — Ich verstand zunächst nichts. Spät verstand ich: das waren keine Metaphern. Das waren Koordinaten.
Ein Archivar, der gefragt wurde, ob er seine Arbeit für sinnvoll hält, antwortete nach langem Nachdenken: Ich bewahre, was jemand für aufbewahrungswürdig hielt. Das ist eine Entscheidung, die vor mir getroffen wurde. — Und wenn jemand die Gegenentscheidung getroffen hat? — Dann gibt es nichts zu bewahren. — Aber die Handlung hat stattgefunden? — Das, sagte er, ist eine andere Zuständigkeit.
Nacht, Terrasse, Whisky, Netz
Irgendwann brach ich auf, liess die Pusteblume Brunnen sein und kehrte in das altehrwürdige Stadthaus zurück, das mir Marie gelassen hatte. Die knarzenden Dielen, Sprossenfenster und unverbaubaren Blick auf den Dom. Ich goss Whisky ein, nicht zu knapp, und trug das Glas auf die Terrasse. Der Garten war still und dunkel. Ich zündete die Fackeln an.
Dann holte ich den Laptop.
Das Netz gab eine Fülle preis. Und doch auch nichts. Vollgestopft mit Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Stumm bei den Fragen, die einen wirklich umtreiben. Ich arbeitete mich durch unzählige Webseiten. FfK. Ich hatte es zuerst für eine Institution gehalten, dann für ein Lokal. Fishing for Kompliment. Ein Künstlerkollektiv aus dem Wiesbadener Raum. Gegründet wann, von wem, aufgelöst wann — alles unklar. Kaum Artefakte. Fast keine Aufzeichnungen.
Ich goss nach.
Der Wiesbadener Raum
Mitten in der Nacht, zwischen zweitem und drittem Whisky, fand ich die Website.
wiesbadener-raum.org.
Karg. Präzise. Ein Werk, das sich selbst beschreibt, katalogisiert, einkreist — und dabei systematisch entzieht. Der Wiesbadener Raum als Testfeld, als Handbuch, als Enzyklopädie, als Manifest. Zuerst als Künstlerbuch, limitiert, zehn Exemplare, eine Galerie in Mainz, Februar 2000. Dann als gebundene Ausgabe, 2019, dreihundert Seiten. Dann als wachsende Website, die zehntausend Dinge, die sich vernetzen und ausdehnen und nie fertig sind.
S.B.
Ich las bis vier Uhr morgens. Die Fackeln hielten das Dunkel knapp auf Abstand.
Das Werk kreiste um Verschwinden. Um Nicht-Ankommen. Um die Kunst, die genau dann entsteht, wenn niemand hinschaut und nichts dokumentiert wird. Um Bitumen, pechschwarz, ohne Glanz, auf Holzträgern, die das Licht absorbieren, restlos. Um Fotografien mit Billigkameras, Sensoren, die kaum erfassten, was vor ihnen lag — 250.000 Aufnahmen zwischen 2001 und 2007, auf Plattformen publiziert, die inzwischen verschwunden sind. Was zeigt ein Bild, das seine eigene Unzulänglichkeit ausstellt?
Die Performances: 1985, bei Köln, Eisenstäbe, ein Urrad, Kordeln. S.B. verbindet die Stäbe mit dem Rad, dreht an diesem, geht wortlos. Zurück bleiben verstörte Zuschauer. 1987 in Spanien: eine Papiertüte über den Kopf, blind durch unbekannte Landschaft, hoppelnd, robbend, krabbelnd, bis der letzte Besucher gegangen ist. 1990 im Taunus: dem Wild auflauern. Vermummte Gestalten, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, Gewehre auf unbestimmte Ziele gerichtet. Kein Schuss wird abgegeben.
Ich las und dachte: M.B. hat das alles gesehen. Oder er hat es gehört, von jemandem, der dabei war. Er hat es aufgeschrieben in dem kleinen Notizbuch, braunkreuz, das drei Meter entfernt in meiner Jackentasche steckte.
Wie kommt ein Notizbuch von Wiesbaden nach Paris?
Letzter Eintrag: Rinckenhof, Wintercamp
Der letzte Eintrag war nicht datiert. Wie alle anderen. Die Handschrift war dichter hier, die Buchstaben leicht drängender.
Rinckenhof. Wintercamp. S.B. steht vor der Glut. Ein langer, fester Ast in seinen Händen, dick wie ein Unterarm. Er rührt in der Glut. Funken stoben auf. Er hört nicht auf. Über Stunden. Derselbe Ablauf, immer wieder: Stehen. Rühren. Funken. Pause. Dann, kaum hörbar: So. Die Umstehenden raunen: Fährmann. Fährmann.
Ich las das mehrmals. Die Fackeln brannten runter. Das Glas war leer.
Fährmann. S.B. als Fährmann, der in der Höllenglut rührt. Oder: der Übergang. Der Ast als Ruder, die Glut als Wasser, als Styx, als das, was auf der anderen Seite wartet und keinen Namen hat. Das ist die Interpretation. Vielleicht war es auch einfach Feuer. Vielleicht rührt man manchmal einfach, weil man rührt.
Die Sonne ging irgendwann auf.
Das Versprechen
(drei Jahre später)
Ich hatte mir versprochen, M.B. zu finden. S.B. war das Mittel. M.B. war das Ziel. Die Logik: wer S.B. vollständig kennt, muss auf M.B. stoßen. Irgendwo. Irgendwann.
Ich begann zu suchen. Systematisch. So wie man es nennt, wenn man merkt, dass man es nicht ist.
Manchmal stellt man sich vor, wie das aussieht, das Ende. Eine Adresse. Eine Tür. Jemand, der einem die Tür öffnet. Stattdessen: Formulare, Wartemarken, Schalter, Beamte, die nicht zuständig sind. Die Suche, die sich selbst zum Gegenstand macht. Man wartet an einer Kreuzung, an der der andere nie auftaucht. Und kommt irgendwann zu dem Schluss: der andere ist längst woanders. Die Kreuzung war die falsche.
Einwohnermeldeamt, Erster Versuch
Das Einwohnermeldeamt der Stadt Wiesbaden liegt in einem Gebäude, das so gebaut wurde, als hätte der Architekt noch nie einen Menschen gesehen, aber sehr genaue Vorstellungen über deren Bewegungsradius. Wartemarke A17. Schalter 3. Ein Beamter, der aussah, als wäre er zu lang in einem Raum ohne Fenster gewesen.
Ich erklärte mein Anliegen. Ich suchte eine Person mit den Initialen M.B. Kein vollständiger Name. Kein Geburtsdatum. Ich wusste, dass diese Person im Wiesbadener Raum aktiv war, vermutlich in den Neunzigern. Ich hatte ein rostbraunes Notizbuch.
Der Beamte sah mich an. Dann sah er an mir vorbei. Für eine Meldeauskunft benötigen Sie den vollständigen Namen der gesuchten Person sowie ein berechtigtes Interesse, das schriftlich nachzuweisen ist.
Ich sagte: Ich habe das Notizbuch dabei.
Das ist kein berechtigtes Interesse im Sinne des Melderechts.
Draußen regnete es. Ich fuhr zurück nach Limburg.
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Über die Frage, welche Interessen als berechtigt gelten, befragte man einen Verwaltungsjuristen. Er sagte: Berechtigt ist ein Interesse, das sich im Rahmen einer anerkannten Rechtsordnung begründen lässt. — Und ein Interesse, das sich nicht begründen lässt, aber trotzdem besteht? — Das, sagte er, ist ein persönliches Anliegen. — Was ist der Unterschied? — Der Unterschied ist erheblich.
FfK
Fishing for Kompliment. Das war kein Randphänomen, kein Untergrund-Happening in einer Kellerbar, das hinterher niemand mehr zugeben wollte. FfK war das Kollektiv der Wiesbadener Neunzigerjahre — das bedeutende, das prägendste, das, auf das sich alle anderen bezogen, ob sie wollten oder nicht. Wer damals in dieser Stadt Kunst machte, oder Musik, oder beides, oder keines von beidem aber irgendetwas dazwischen, kam an FfK nicht vorbei.
Das machte die Recherche eigentümlich schwer. Das Gewicht ist nicht dokumentiert, nicht archiviert, nicht in Katalogen greifbar. Die Bedeutung eines Kollektivs, das in einer Stadt zur formativen Kraft wird, hinterlässt manchmal gerade deshalb so wenig Papier, weil sie zu selbstverständlich war um aufgeschrieben zu werden. Man schreibt nicht auf, was jeder weiß.
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Eine Kulturwissenschaftlerin, befragt über das Verhältnis zwischen Bedeutung und Überlieferung: Was wirklich prägt, braucht keine Dokumentation. Es pflanzt sich durch Kontakt fort. — Durch welche Art von Kontakt? — Durch Anwesenheit. Durch das unwillkürliche Aufnehmen. Durch die Körper, die im selben Raum waren. — Das klingt nach Infektion. — Ja. Aber einer, die man nicht bemerkt, solange sie wirkt. Erst wenn sie aufgehört hat, merkt man, dass man sie hatte.
Kaum Artefakte. Wenige Aufzeichnungen. Und doch: FfK hatte Wiesbaden in den Neunzigern so durchdrungen, dass das Kollektiv zur Koordinate wurde, an der man alles andere ausrichtete. S.B. war darin. Das war klar aus den Notaten, so klar, dass M.B. es nie explizit erklärte — für M.B. war es, wie für alle Beteiligten, einfach der Rahmen, innerhalb dessen die Dinge stattfanden.
Ich suchte Zeugen. Die meisten waren inzwischen woanders. Einige antworteten nicht. Einer sagte, knapp: Das war die wichtigste Zeit. Fragt mich nicht warum. Dann nichts mehr.
Das Gegengewicht zur offiziellen Überlieferung sind nicht die Gegendokumente. Es sind die Erfahrungen, die sich dem Aufschreiben entzogen haben, weil sie zu dicht waren. M.B. hatte es trotzdem versucht. Mit einem Notizbuch, das jetzt in Limburg lag.
Der Algorithmus und das Phantom
(ein Jahr später)
Die großen Sprachmodelle kamen. Natürlich kamen sie. Ich fragte sie, weil alle anderen Wege versperrt waren — Schalter 3, die Zeugen, die Artefakte. Also die labernde, limitierende, monetarisierte Maschine. Das Ding, das alles kann außer dem einen: schweigen, wenn es nichts weiß.
Wer ist der Künstler S.B. aus Wiesbaden, Performance-Künstler, aktiv seit den Achtzigern, im Kontext der Wiesbadener Avantgardeszene?
Das Modell antwortete. Flüssig und falsch. Es erfand Biographien, Ausstellungen, Zusammenhänge — mit der glatten Sicherheit einer Maschine, die nicht unterscheidet zwischen Wissen und Erfinden. Die Lücke, die S.B. und M.B. hinterlassen hatten, war mit Absicht groß. Das Modell füllte sie. Ruhig und unermüdlich.
Ich fragte stundenlang. Das Modell kannte S.B.s Werk so wenig wie das Werk sich selbst kannte: Tausende Fotografien auf Plattformen, die es nicht mehr gibt. Performances ohne Publikum, ohne Programm, ohne Pressemitteilung. Ein Künstlerbuch in zehn Exemplaren. Das alles — leer, leicht, mühelos verschwunden, aus genau demselben Grund, aus dem die Maschine davon nichts wusste: weil jemand es so gewollt hatte.
Das Modell sagte irgendwann, sinngemäß: Ich kann hier keine verlässlichen Angaben machen.
Das war ehrlicher als alles andere, was mir in den letzten Jahren begegnet war. Das war, dachte ich, das erste Mal, dass die Maschine etwas Wahres sagte — und es war natürlich genau der Satz, mit dem ein Mensch aufgehört hätte zu reden.
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Eine Forscherin, die Wissenslücken in großen Sprachmodellen untersuchte, beschrieb ihren Hauptbefund: Die Systeme sind am verlässlichsten dort, wo viele übereinstimmende Quellen vorliegen. Die Lücken entstehen genau dort, wo jemand bewusst keine Spuren hinterlassen hat. — Was bedeutet das für die Fälle, in denen das Schweigen eine Entscheidung war? — Das Modell, sagte sie, interpretiert Schweigen als Abwesenheit. Es kommt nicht auf die Idee, dass Abwesenheit eine Form von Aussage sein könnte. Stattdessen füllt es die Lücke — mit erfundener Anwesenheit.
Ich saß vor dem Bildschirm und verfolgte einen Mann, der einen anderen sucht. Die Suche war zu seinem hauptsächlichen Inhalt geworden, und er bemerkte es jetzt erst, indirekt, über den Umweg einer Maschine, die ihm nichts geben konnte.
wiesbadener-raum.org, zweite Lektüre
Ich kehrte zur Website zurück. Diesmal langsamer. Intensiver, gewiss.
2006: ein Happening im digitalen Raum. S.B. und ein Kollaborateur realisierten ein Netz-Werk, dessen Titel ein Nicht-Ankommen ankündigt und einlöst. Route von Stuttgart über Frankfurt und Hannover nach Bremen, die bei Hop dreizehn abbricht. Drei Sternchen. Das Standardzeichen für gescheiterte Paketzustellung. Parallel dazu: Mitfahrgesuche aus dem Kleinanzeigenmarkt, Leipzig nach Göttingen, Leipzig nach Dresden, Leipzig nach Basel. Das Banale und das Technische nebeneinandergestellt, ohne Kommentar, ohne Hierarchie. Beides sind Bewegungsversprechen, die ihre Einlösung schuldig bleiben.
S.B. hatte das Verschwinden zur Methode gemacht. M.B. hatte das Verschwinden zu seinem Gegenstand gemacht. Ich hatte das Verschwinden zum Problem.
Das metalabor. Seit 2016. Achtundvierzig Stunden, jährlich, irgendwo im Lahntal. Oder im Taunus, das war nicht so klar. Zehn Menschen. Kollektive Hausarbeit als Bestandteil des Denkprozesses. Ephemere Erkenntnisse in jährlichen Readern, die nicht im Handel erhältlich sind.
War M.B. beim metalabor? Zu früh. Das metalabor begann 2016, die Notizbuch-Einträge klangen älter.
War M.B. bei den frühen Performances? Wahrscheinlich. Jemand war dabei, 1985 bei Köln, als S.B. die Eisenstäbe mit Kordeln an ein Rad band und das Rad drehte, nach links, nach rechts, und wortlos verschwand. Jemand war 1987 in Spanien dabei, als S.B. blind durch die Landschaft robbte. Jemand war im Taunus, als die vermummten Figuren ihre Gewehre auf nichts richteten und kein Schuss fiel.
Dieser Jemand schrieb mit kleiner, sicherer Hand in ein Notizbuch mit Einband der Farbe Braunkreuz.
Einwohnermeldeamt, Zweiter Versuch
Diesmal ein Anwalt — seinen Brief, seine Sprache, sein berechtigtes Interesse, kalt und präzise wie ein Instrument. Ich wusste inzwischen mehr. Einen Vornamen, der M hieß. Eine Jahreszahl, ungefähr. Den Wiesbadener Raum.
Schalter 3. Anderer Beamter. Gleicher Ausdruck.
Er tippte. Er wartete. Er tippte weiter.
Unter diesem Namen sind mehrere Personen gemeldet.
Ich nannte den vollständigen Namen. Den ich mir aus Fragmenten zusammengesetzt hatte — Konzertprogrammen, einem Foto von 1994.
Er tippte.
Diese Person ist in Wiesbaden nicht mehr gemeldet.
Pause.
Seit wann?
Das kann ich Ihnen nicht mitteilen.
Das Konzertprogramm
Ein Flohmarkt in Wiesbaden. Herbst. Zwischen Schallplatten und Kinderbüchern und dem traurigen Hausrat eines unbekannten Lebens: ein Konzertprogramm. Handgemacht, gefaltet, zwei Seiten. Datum: November 1997. Ort: Schlachthof Wiesbaden, Räucherkammer. Fishing for Kompliment. Und als Zusatz, mit Stift hineingeschrieben, nachträglich, mit einer Handschrift, die ich kannte:
S.B. — Atelier Bratwurst, 23 Uhr, Blutiger Mischwald.
Die Handschrift. Klein und sicher. Tinte.
M.B. war hier gewesen. Er hatte dieses Programm besessen. Jemand hatte es verkauft. Oder verloren. Oder es war von alleine gegangen, wie Dinge gehen, wenn man sie zu lang festhält.
Ich kaufte es. Zwei Euro. Der Mann am Tisch sah mich nicht an.
Ich stand auf dem Flohmarkt und hielt das Konzertprogramm in beiden Händen und erkannte den Vorgang: er war derselbe wie in Paris. Immer dieselbe Bewegung. Etwas, das jemand losgelassen hat. Ich, der es aufnimmt. Der Detektiv, der die Spur aufnimmt und in das Leben des Verschwundenen hineingleitet, Schritt für Schritt, bis der fremde Mantel sitzt. Bis man merkt, dass man ihn schon eine Weile trägt.
Vielleicht bin ich M.B.
Fünf Jahre
Ein rostbraunes Notizbuch, Paris, Clignancourt, drei Euro. Ein Konzertprogramm, Wiesbaden, Herbst 1997, zwei Euro. Eine Handschrift, identisch auf beiden. Einen Namen, der im Melderegister nicht mehr existiert. Eine Website, die existiert und wächst und sich selbst einschreibt. Einen Künstler, dessen Werk das Unsichtbare zum Material hat.
Und die Ahnung, die sich über die Jahre nicht verloren hat, sondern verdichtet: M.B. hatte aufgehört zu suchen, bevor ich angefangen hatte. Er hatte S.B.s eigene Logik so vollständig verinnerlicht, dass er selbst zum Werk geworden war — unsichtbar, undokumentiert, hartnäckig vorhanden. Die Absenzpoetik als Lebensprogramm. Das Verschwinden als einzige konsequente Haltung gegenüber einem Künstler, der das Verschwinden zum Prinzip erhoben hat.
Man wartet. Der andere kommt nicht. Irgendwann hört man auf zu warten. So ist das.
Der Newsletter
Jemand schickte mir einen Link. Substack. Dérive & Photography. Ein Newsletter aus Limburg an der Lahn.
Ich las ihn. Zweimal. Der Autor schrieb über das Umherschweifen durch die Stadt als Erkenntnismethode. Über Fotografie und ihre konstitutiven Lücken. Über Leerstellen als eigentlichen Ort der Erzählung. Über einen Baum, der nach starken Regenfällen den Wanderweg versperrte und den Weg damit neu schrieb. Über das Photographieren als Scheitern, das sich wiederholt.
Der Ton: klar, ohne Ornament. Ruhig, aber nicht still. Eine Handschrift, übertragen in Pixel.
Ich öffnete den Impressums-Link.
S.B.
Ich saß still. Ganz still.
Der Garten draußen war dunkel. Ich hatte keine Fackeln angezündet. S.B. lebt in Limburg. Der Künstler, der seine Spuren systematisch verwischt, der das Ephemere zur Methode erhoben hat — er lebt in derselben Stadt wie ich. Hat er immer hier gelebt? Ist er hergezogen? Wann?
Und M.B. Wo ist M.B.?
Das Notizbuch, Braunkreuz
Ich habe S.B. nicht kontaktiert. Noch nicht.
Wen ich suche, ist M.B. Und M.B. ist nicht S.B. M.B. ist die Person, die S.B. für wichtig genug hielt, um sein Tun über Jahre in einem rostbraunen Notizbuch festzuhalten. Die beschlossen hatte, dass das Ephemere eine Aufzeichnung verdient, auch wenn die Aufzeichnung selbst auf einem Pariser Flohmarkt landet.
Was ich gefunden habe, ist die Kontur von M.B.s Abwesenheit.
Wer lange genug sucht, macht irgendwann, was der Gesuchte gemacht hat. Vielleicht ist das die Kreuzung, an der ich jetzt stehe. Ich suche weiter, weil ich warte. Ich warte, weil ich suche. Ich habe ein neues Moleskin gekauft. Braunkreuz. Das vom Flohmarkt liegt auf dem Schreibtisch.
Dies sind meine Aufzeichnungen. Es ist lediglich ein Anfang.
Alle Bilder wurden mit LLM-Werkzeugen bearbeitet. Sie stammen aus der Abteilung “WBR” des Wiki Institut. Selbiges wurde 2003 gegründet und ging irgendwann in den 2010er Jahren vom Netz.
Service
METALABOR
Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)
Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.
