Wohl zu lange stand ich vor dem Haus. Lange genug, dass das Stehen selbst zur Handlung wurde, zu etwas, das man mir hätte vorwerfen können. Der Putz hatte sich in Schollen gelöst und gab das Mauerwerk frei, fleckig, von Regen und Jahren gegerbt. Das Kurhaus lag etwas oberhalb im Hang, und das Gebäude, das ich fotografierte, war wohl eines der Nebenhäuser gewesen, in denen man die Gäste untergebracht hatte, als hier noch jemand gesund werden wollte.
Ich hob die Kamera und blickte durch den Sucher. Die Welt verkleinerte sich auf ein Rechteck, in dem alles zugleich stillstand und sich, körnig, im Grau verlor. Ich trat einen Schritt zurück, um die ganze Fassade hineinzubekommen, dann noch einen, und mein Absatz fand keinen Boden mehr. Hinter mir, das hatte ich vergessen, fiel das Gelände ab, ein überwachsener Hang, in dem irgendwo unten ein Bach ging, den man eher roch als hörte. Ich stand also an der Kante, das Auge am Sucher, und drückte ab. Im selben Augenblick, vielleicht eine Spur davor, schoss der hund aus der dunklen Türöffnung. Ein großer, magerer hund, der über den Vorplatz kam, ohne zu bellen, was schlimmer war als jedes Bellen, die Schnauze tief, die Läufe streckten und zogen sich, eine Bewegung, die der Sucher mir noch zerlegte, Bild für Bild, bis ich die Kamera sinken ließ und er ganz war und ganz nah und auf mich zu, der ich am abgrund stand.
In der Türöffnung stand marie. Ich kannte sie nicht und wusste doch ihren Namen, so wie man in solchen Häusern Dinge weiß, die einem niemand gesagt hat. Sie stand mit der Ruhe dessen, dem das alles gehört, das Haus, der Hund, der Hang, vielleicht auch ich. Eine Hand am Türrahmen, die andere hing herab.
Ein Pfiff hätte genügt, und ich wartete darauf, wie man auf etwas wartet, das die Ordnung wiederherstellt. Sie sah mir nur zu. In diesem Zusehen lag ihr Längstwissen, wie es ausging, und dass mein Zusehen daran nichts änderte.
zurückweichen ging nicht, hinter mir war nichts. ich wich zur seite. der hund wich mit. wir umkreisten einen punkt, und der punkt war ich oder er, wir waren nur noch ein umeinander, ich konnte es in diesem drehen nicht mehr auseinanderhalten, wer hier stand und wer hervorschoss, wessen atem das war, das kurze stoßen dicht an meinem hals.
was dann geschah, fehlt mir.
es gibt eine stelle, an der das erzählen einen schritt zu weit geht und keinen grund findet, und an dieser stelle stehe ich noch immer, mit dem apparat in der hand, während der hund springt und nicht ankommt und wieder springt.
Die Filme entwickelte ich erst Wochen später. Auf dem Kontaktbogen lief die Reihe sauber durch: das Haus, der gelöste Putz, die leere Tür, ein wenig schief, weil ich beim Zurücktreten die Kamera gekippt hatte. Das letzte Bild, das ich von dort zu haben glaubte, war diese Tür, dunkel und ohne jemanden darin.
Eine Aufnahme weiter aber, von der ich nicht wusste, dass ich sie gemacht hatte, war die Richtung gedreht. Sie zeigte den Hang, und im Bild stand ein Mann am Abgrund, von hinten, die Kamera am Auge, gerichtet auf das Haus und auf marie, von denen nichts im Bild war. Aufgenommen aber war er von dort, wo der Hang schon ins Leere fiel, von einem Punkt, an dem nichts und niemand sein konnte. Zwischen seinem Rücken und diesem Punkt war der hund ein Strich, ein Wischer aus Fell und Bewegung, ein Tier, das gerade die Luft verließ.
Der Mann war ich.
Es gibt keine zweite Auslegung, ich kenne den Mantel, ich kenne meinen eigenen Rücken. Aber niemand stand hinter mir, um das aufzunehmen, und meine Kamera hatte in die andere Richtung gesehen, hatte das Haus gewollt, die Tür, den Putz. Wer auf den Auslöser drückte, als ich am abgrund stand und das Tier mich nahm, weiß ich nicht zu sagen. Manchmal lege ich die beiden Abzüge nebeneinander. In dem einen ist die Tür leer, in dem anderen bin ich es, der hineinschaut, von außen, viel zu lange, und dahinter, dort, wo ich mich vermute, wartet Marie mit der Hand am Rahmen darauf, dass ich endlich abdrücke, damit der hund kommen darf.
