Die “unmögliche Idee” wurde erstmals im Rahmen des metalabor Wintercamp am 7.3.2026 vorgetragen. Zum metalabor Wintercamp, dass jährlich auf einem Hof am Rande zum Nirgendwo stattfindet, kommen Menschen zusammen, um gemeinsam zu campen, zu frieren, zu feiern, Feuer zu machen und einen Blick ins Morgen zu werfen.

Die Karte hängt nicht mehr an der Wand. Sie liegt in einer Schublade, gefaltet auf das Format einer Postkarte, die Knicke so tief eingeschliffen, dass der Edding-Strich an drei Stellen gerissen ist. Mercator-Projektion, 1:30.000.000, Klett-Verlag, Schulatlas 1978, entwendet aus dem Erdkunderaum des Oberstufen Gymnasium am Moltkering Wiesbaden zu einem Zeitpunkt, der sich nicht mehr rekonstruieren lässt. Der rote Strich beginnt am linken Rand, dort wo Spanien aufhört, und endet am rechten, dort wo die Karte aufhört. Dazwischen: 13.000 Kilometer, gezogen mit einem Edding 3000, permanent marker, schwarz wäre vernünftiger gewesen, aber wir hatten nur rot, und wenn ich ehrlich bin, war es kein Edding sondern ein Stabilo, und wenn ich noch ehrlicher bin, erinnere ich mich nicht mehr an die Marke, nur an die Farbe und an den Geruch des Lösungsmittels und an die Tatsache, dass jemand dabei lachte und jemand anderes sagte, das sei doch Wahnsinn, und dass beide recht hatten.

1982 oder 1983. Herbst, soviel ist sicher, weil die Heizung nicht funktionierte und wir die Fenster trotzdem offen hatten wegen des Zigarettenqualm, und draußen regnete es auf das Kopfsteinpflaster der Westendstraße, und jemand hatte die zweite Seite von Tago Mago aufgelegt, und die WG-Küche roch nach Haschisch und nassem Hund, obwohl niemand einen Hund hatte.

Die Wohnung lag im dritten Stock eines Gründerzeithauses, Wiesbaden-Westend, fünf Zimmer, Ofenheizung, Badezimmer auf dem Flur, Miete 680 Mark warm, aufgeteilt auf vier bis sieben Personen, je nach Saison. Die Wände: Raufaser, einmal weiß, jetzt gelblich-grau vom Nikotin. An der Küchenwand, zwischen dem Plakat der Initiative gegen die Startbahn West und einer Postkarte von Beuys, hing die Karte.

Bundesrepublik Deutschland, 1982.

Einwohner: 61,6 Millionen. Anträge auf Kriegsdienstverweigerung: über 50.000. Anerkennungsquote: ca. 50 Prozent. Verfahrensdauer bei mündlicher Prüfung: bis zu 18 Monate. Standardfrage der Prüfungsausschüsse: »Sie sind Kindergärtner und haben eine Pistole. Ein Mann mit einem Flammenwerfer kommt herein. Was tun Sie?«
Am 2. November 1981 wurde das Hüttendorf im Mörfelder Wald gegen den Bau der Startbahn West geräumt. 12 Tage später demonstrierten über 120.000 Menschen in Wiesbaden. 220.000 Unterschriften für ein Volksbegehren. Der Hessische Staatsgerichtshof verwarf den Antrag im Januar 1982.

Wir waren alle verweigert. Verweigert, nicht verweigern – das Partizip war wichtig, es markierte einen abgeschlossenen Vorgang, eine Tatsache, die nicht mehr verhandelt werden musste. Manche hatten die Gewissensprüfung hinter sich, diese absurde Inszenierung, bei der ein Ausschuss aus Beamten und Beisitzern versuchte, einen Neunzehnjährigen dazu zu bringen, sich in ein Szenario hineinzudenken, in dem er einen Menschen töten würde, um zu beweisen, dass er keinen Menschen töten wollte. Dieter hatte vor dem Prüfungsausschuss geweint, was ihm peinlich war und was funktioniert hatte. Klaus hatte dem Vorsitzenden gesagt, die Frage sei faschistoid, was nicht funktioniert hatte und weshalb er den Weg über das Verwaltungsgericht ging, anderthalb Jahre lang, und in dieser Zeit durfte er das Land nicht verlassen, weil er theoretisch jederzeit eingezogen werden konnte.

Eingezogen werden. Auch so ein Wort. Als würde der Staat einen einsaugen wie ein Staubsauger eine Fliege.

Es war nicht die Verweigerung an sich, die uns verband. Es war das, was dahinter lag: ein Ekel vor dem Apparat, der so tief saß, dass er physisch war, ein Würgen im Hals beim Anblick von Uniformen und Formularen und Dienstwegen und der ganzen Architektur des Gehorsams, die man nur verstehen konnte, wenn man in einem Land aufgewachsen war, das vierzig Jahre zuvor sechs Millionen Menschen ermordet hatte und jetzt so tat, als sei alles in Ordnung, solange die Formalitäten eingehalten wurden.

Die Startbahn. Ich muss über die Startbahn reden, weil ohne die Startbahn die Karte an der Küchenwand keinen Sinn ergibt.

Am Bauzaun standen wir im Schlamm. November 1981, kurz nach der Räumung. Der Beton war frisch, die Mauer um das Baugelände 2,50 Meter hoch, und dahinter fraßen sich die Motorsägen in den Wald und die Bagger in die Erde und der Staat in das Land, buchstäblich, physisch, mit Beton und Stacheldraht und Wasserwerfern und einer Polizei, die aus anderen Bundesländern herangekarrt worden war, weil man den hessischen Beamten nicht zutraute, auf ihre Nachbarn einzuprügeln.

Das Geräusch. Das muss man sich vorstellen. Das Geräusch der Motorsägen hinter der Mauer, den ganzen Tagund das Geräusch der Hände auf dem Beton, die dagegen schlugen, nutzlos, und das Geräusch der Stiefel im Schlamm, und manchmal das Geräusch von splitterndem Glas und manchmal das Geräusch von Schreien und einmal, ein einziges Mal, Stille, mitten am Tag, als hätten beide Seiten gleichzeitig aufgehört, und in dieser Stille hörte man einen Vogel, irgendwo, und jemand neben mir flüsterte: »Die fällen auch seinen Baum.«

Wer das war, weiß ich nicht mehr. Es gibt Momente, die bleiben als Ton, als Geruch, als Temperatur, aber die Gesichter verschwinden. Was bleibt: der Morast, die Kälte, der Zorn, und die Erkenntnis, dass der Staat ein Ding war, das Bäume fällen konnte, um Flugzeugen eine Landebahn zu bauen, und dass gegen dieses Ding kein Argument half und keine Unterschrift und kein Volksbegehren und keine 150.000 Menschen auf der Straße, weil dieses Ding die Gesetze machte und die Gesetze auslegte und die Polizei bezahlte und am Ende immer gewann, immer, außer man hörte auf, nach seinen Regeln zu spielen.

Die Sonntagsspaziergänge danach. Jeden Sonntag, über Jahre, zur Mauer, den Beton anstarren, ein Ritual des Nicht-Vergessens, das irgendwann müde wurde und müder und das am 2. November 1987 in zwei toten Polizisten endete, als einer den Schmerz nicht mehr aushielt und zur Waffe griff. Was niemand von uns wollte. Was niemand von uns verstand. Was alles beendete.

Aber 1982, 1983, an den Sonntagen im Wald, wenn wir danach in die WG, in die Küche zurückkamen, die Stiefel voller Schlamm, die Jacken feucht, und jemand Tee machte und jemand anderes einen Joint drehte und die Karte an der Wand hing wie ein Fenster zu einer anderen Möglichkeit – da war die Idee schon da, noch bevor sie ausgesprochen wurde.

Wir gehörten niemandem. Das war keine Pose und kein Programm, es war ein Zustand. Wir gehörten nicht der Bundeswehr, nicht dem Staat, nicht der Partei, keiner Partei, auch nicht den Grünen, die damals dabei waren sich zu institutionalisieren, was einige von uns als Verrat empfanden und andere als unvermeidlich und was im Rückblick beides war. Nicht der Friedensbewegung, die uns zu zahm war, zu christlich, zu bereit zum Kompromiss mit einem System, das keine Kompromisse verdiente. Nicht den Anti-Imps, die in ihren besetzten Häusern in Frankfurt hockten und Mao-Plakate an die Wände klebten und den Vietcong feierten und nicht merkten, dass sie einen Imperialismus gegen einen anderen tauschten, den amerikanischen gegen den sowjetischen, als wäre das ein Fortschritt.

Wir waren nicht naiv. Wir wussten, dass die Sowjetunion ein Gefängnis war. Wir wussten, dass die DDR ein Gefängnis war. Wir wussten, dass Menschen an Mauern erschossen wurden. Die Abscheu gegen den Nationalstaat war umfassend, symmetrisch, unterschiedslos. NATO und Warschauer Pakt, Weißes Haus und Kreml, Pentagon und KGB – alles dasselbe Prinzip in verschiedenen Uniformen: Menschen sortieren, Menschen kontrollieren, Menschen in Kästen stecken, aus denen sie nicht herauskonnten.

Einreise in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken für Bürger der Bundesrepublik Deutschland, 1982

Nur über organisierte Reise bei autorisiertem Reisebüro möglich. Alternativ: Privatreise auf vorab genehmigter Route in vorgebuchten Intourist-Hotels. Individualreisen: nicht vorgesehen. Wandern ohne festgelegte Route: undenkbar. Für die Strecke Ural–Baikalsee–Tschukotka war das sowjetische Territorium für Ausländer als Sperrgebiet unzugänglich — kein Visum, kein Intourist-Büro, keine Route.

Wer die Linie zog. Ich glaube, es war Heiner, aber es könnte auch Thomas gewesen sein, und es spielt keine Rolle, weil die Idee niemandem gehörte, sie war in der Luft, sie war im Haschisch, sie war in der Wut über den Zaun und die Mauer und die Startbahn und die Grenzen und die Tatsache, dass wir in einem Land lebten, das sich frei nannte und das seine jungen Männer zwang, entweder eine Waffe zu tragen oder vor einem Ausschuss aus Fremden ihre innersten Überzeugungen zu beweisen, als sei Gewissen etwas, das man vorzeigen konnte wie einen Personalausweis.

Die Linie. Finisterre – Deschnjow. 13.000 Kilometer. Jemand hatte den Namen gelesen, Kap Finisterre, das Ende der Welt, finis terrae, und jemand anderes hatte gesagt, es gebe auch ein Ende auf der anderen Seite, am östlichsten Punkt, in Sibirien, wo die Tschuktschen leben, und jemand drittes hatte gesagt, das sei absurd, man könne nicht zu Fuß von Portugal nach Sibirien gehen, allein die Sowjetunion, allein die Grenzen, allein die Entfernung, und dann hatte Heiner, oder Thomas, jemand den Stift genommen und mit einem Schwung Finisterre mit Deschnjow verbunden und gesagt: »Genau darum.«

Genau darum. Weil es unmöglich war. Weil man durch Länder musste, die einen nicht wollten. Weil man Grenzen überqueren musste, die dazu da waren, überquert zu werden, aber nur mit den richtigen Papieren und den richtigen Gründen und dem richtigen Pass, und was waren das für Gründe, die ein Staat akzeptierte, Tourismus ja, Geschäft ja, Diplomatie ja, aber Gehen? Einfach Gehen? Weil die Erde rund ist und ein einziger Kontinent und die Grenzen darauf nur gezeichnete Linien?

Die Diskussionen dauerten Wochen, Monate, den ganzen Winter. Was es bedeuten würde. Dass man durch die Türkei müsste, die gerade einen Militärputsch hinter sich hatte. Dass man durch den Iran müsste, der gerade Krieg mit dem Irak führte. Dass man durch die Sowjetunion müsste, die gerade Afghanistan besetzt hatte. Dass man Pässe bräuchte, jene Pässe, die wir verachteten, und Visa, jene Stempel, die wir für die sichtbare Manifestation einer Machtanmaßung hielten, die älter war als jeder lebende Staat und jünger als jeder wandernde Mensch.

Das Paradox war kristallklar: Um die Sinnlosigkeit von Grenzen zu beweisen, musste man sie überqueren – mit den Dokumenten des Systems, das man ablehnte. Man musste den Pass des Staates benutzen, den man nicht anerkannte. Man musste um Erlaubnis bitten bei denen, deren Autorität man bestritt. Man musste in den Kategorien des Feindes denken, um den Feind zu unterlaufen.

Manche sagten, das sei unauflösbar. Andere sagten, das sei der Punkt.

1986 brach ich das erste Mal auf. Pyrenäen, Winteranfang. Allein. Kein GPS, kein Satellitentelefon, kein Blog, kein Instagram, nichts. Ein Rucksack, Meindl-Stiefel, eine Karte 1:100.000 vom Institut Géographique National, ein Kompass, ein Taschenmesser, ein Notizbuch in einem kreuzbraunen Einband. Das Notizbuch habe ich noch. Die Einträge sind lakonisch bis zur Bedeutungslosigkeit: »Regen. Col du Somport. Blasen an beiden Fersen. Schäfer, sprach kein Französisch, gab mir Brot und Käse. Schlief in einer Scheune.«

Es war nicht die ganze Strecke. Es war nie die ganze Strecke an einem Stück. Es waren Stücke, über Jahre, über Jahrzehnte, zwischen Jobs, zwischen Beziehungen, zwischen den Phasen des Lebens, die man nicht planen kann, weil sie passieren, während man Pläne macht. Die Pyrenäen 1986. Die Karpaten 1992. Der Kaukasus 1998, als Georgien ein halbzerfallener Staat war und man Brot für Dollar kaufte und Polizisten einen durchließen, wenn man ihnen Zigaretten gab. Die kasachische Steppe 2004, wo der Horizont sich nicht bewegte, egal wie lange ich ging, und die Sonne das Einzige war, das die Richtung anzeigte, und die Stille so groß war, dass ich meinen eigenen Herzschlag hörte.

Ich dokumentierte nichts. Keine Fotos, keine Berichte, keine Route auf einer Website, kein Buch, keinen Vortrag. Nicht aus Bescheidenheit. Aus Prinzip. Die Idee war, dass das Gehen selbst der Text war, dass die Füße die Dokumentation schrieben und der Körper die Karte zeichnete, und dass jede Veröffentlichung das Gehen in ein Produkt verwandeln würde, in Content, in eine Ware, und dass genau das der Unterschied war zwischen dem, was wir in der Küche meinten, und dem, was die Welt daraus machen würde.

Heimlich und undokumentiert. Und doch mit Papieren: die Grenzen überquerte ich legal, mit Pässen und Visa, weil ich kein Held bin und kein Märtyrer und weil eine Verhaftung in Russland oder Kasachstan die Idee nicht voranbringt, sondern nur den Staat bestätigt. Aber ich ging. Das ist das Einzige, was zählt. Ich setzte Fuß vor Fuß auf einer Linie, die jemand an einem Novemberabend in Wiesbaden auf eine Schulkarte gezeichnet hatte, und die Linie existierte, weil ich sie ging, und sie existierte nur, solange ich sie ging, und wenn ich aufhörte, hörte sie auf.

Projektion und Wirklichkeit

Mercator-Projektion, Verzerrungsfaktor: Bei 60° nördlicher Breite erscheinen Flächen 4-mal so groß wie am Äquator. Russland wirkt auf einer Mercator-Karte größer als Afrika. In Wirklichkeit ist Afrika 1,7-mal so groß.

Die Karte, auf der wir die Linie zogen, log über die Proportionen der Welt. Aber die Linie darauf war gerade, und das genügte uns.

Ein Moment, Zentralkasachstan, irgendwann Mitte der 2000er. Ich lag auf dem Rücken im Gras. Die Steppe reichte bis zum Horizont in alle vier Richtungen. Kein Mensch. Kein Gebäude. Kein Zaun. Kein Weg. Kein Schild mit dem Namen eines Landes. Nur Gras und Wind und Himmel. Ich dachte: Das hier ist es. Das hat die Karte gemeint. Nicht Portugal und nicht Sibirien, nicht Start und nicht Ziel, sondern das hier, dieses Verschwinden aller Grenzen im Körper eines Menschen, der auf dem Boden liegt und atmet.

Die anderen kamen nicht so weit.

Heiner zog seinen Antrag zurück, ging zur Bundeswehr. 1985. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung. Er sagte, er habe keine Kraft mehr für den Kampf gegen einen Gegner, der nicht müde wurde. Letztes Mal, dass ich ihn sah: 1991, Bahnhof Frankfurt, er trug Anzug und Krawatte und arbeitete für eine Versicherung, und ich erkannte ihn erst, als er meinen Namen rief.

Thomas wurde Lehrer. Deutsch und Erdkunde. Er hing die Mercator-Projektion in sein Klassenzimmer, ohne den roten Strich, und brachte Kindern bei, wo die Kontinente liegen. Manchmal, sagte er mir am Telefon, manchmal erzähle er von der Linie, aber dann müsse er erklären, was ein Konjunktiv sei, und dann sei die Stunde vorbei.

Marie ging nach Berlin, Kreuzberg, 1984, und kam nie zurück. Ich habe Postkarten von ihr, drei Stück, über zehn Jahre verteilt, die letzte aus Barcelona, undatiert. Auf der Rückseite steht: »Bin gegangen. Anderswohin. Grüße.«

Dieter starb 1997. Leberkrebs. Er hatte nie aufgehört zu trinken, seit den Tagen im Wald. Am Bauzaun war er der Lauteste gewesen und in der Küche der Stillste.

Klaus wurde Anwalt. Verwaltungsrecht. Er sagte, er kämpfe jetzt von innen, und ich wusste nicht, ob das Strategie war oder Kapitulation, und ich glaube, er wusste es auch nicht.

Keiner von ihnen ging los. Keiner setzte den Fuß auf den ersten Kilometer der Linie, die wir eines Nachts auf eine gestohlene Schulkarte gezeichnet hatten. Die Idee blieb in der Küche hängen wie der Nikotinfilm auf der Raufaser: sichtbar, wenn man genau hinschaute, aber keine Substanz, an der man sich festhalten konnte.

Nur ich. Und ich weiß bis heute nicht, ob das Treue zur Idee war oder Unfähigkeit, sie loszulassen, oder eine spezifische Form des Wahnsinns, die der Psychologe im Kreiswehrersatzamt wahrscheinlich diagnostiziert hätte, wenn ich ihm von der Karte erzählt hätte statt von Gandhis Salzmarsch und dem Sermon, den alle Verweigerer auswendig lernten.

Jetzt sitze ich hier und schreibe das auf, und die Frage ist: warum.

Nicht weil ich alt werde, obwohl das stimmt. Nicht weil die Knie nicht mehr mitspielen, obwohl auch das stimmt. Nicht weil ich eine Geschichte erzählen will, die irgendwer bewundern soll, und schon gar nicht, weil ich Recht behalten will gegenüber denen, die nicht losgingen.

Ich dokumentierte nichts. Dreißig Jahre lang. Dieses Prinzip ist gebrochen. Das ist die ehrlichste Antwort. Ich habe nicht darüber geschrieben, und jetzt schreibe ich, und der Grund, der das rechtfertigen würde, existiert nicht. Nur dieser: Die Idee von 1982 ist in der Zwischenzeit gleichzeitig naiver und notwendiger geworden.

Naiver, weil die Grenzen nicht weniger geworden sind, sondern mehr. Weil Frontex jetzt Drohnen einsetzt über dem Mittelmeer. Weil an der Grenze zwischen Belarus und Polen Menschen im Wald erfroren. Weil die Türkei einen Deal mit der EU hat, sechs Milliarden Euro dafür, dass die Flüchtlinge drüben bleiben. Weil das Wort »Festung« nicht mehr Metapher ist, sondern Bauprogramm.

Und notwendiger, weil genau deshalb. Weil die Idee, dass ein Mensch von einem Ende des Kontinents zum anderen gehen könnte, einfach so, zu Fuß, ohne Rechtfertigung und ohne Erlaubnis, heute gefährlicher klingt als 1982. Weil sie damals als Spinnerei galt und heute als Bedrohung gelten würde. Weil das System inzwischen gelernt hat, dass Gehen subversiv ist, und dass man es verhindern muss, nicht weil es gefährlich wäre für den Gehenden, sondern weil es gefährlich wäre für die, die am Stillstand verdienen.

Manchmal denke ich an die WG, an die Küche und an den Rauch und an die rote Linie auf der Karte, und dann denke ich an die Menschen, die gerade jetzt über dieselben Pyrenäen gehen, über die ich 1986 ging, nicht freiwillig und nicht mit Meindl-Stiefeln und nicht mit einem Notizbuch, sondern mit Plastiktüten über den Schuhen und mit der Angst im Nacken und mit dem Wissen, dass auf der anderen Seite vielleicht ein neues Leben wartet oder ein Zaun oder ein Uniformierter oder das Meer.

Dieselben Berge. Andere Füße.

Der Unterschied zwischen mir und ihnen ist ein Pass. Sonst nichts. Ein Dokument, das bestimmt, wer gehen darf und wer sterben muss.

Die Karte liegt in der Schublade. Der rote Strich ist an drei Stellen gerissen. 13.000 Kilometer, die ich über dreißig Jahre gegangen bin, in Stücken, heimlich, undokumentiert, und die nichts bewiesen haben außer der Tatsache, dass ein Mensch gehen kann, wenn er will, und dass die Erde zusammenhängt, und dass Grenzen nur dort existieren, wo jemand deinen Pass mustert und sagt: Hier darfst du nicht weiter.

Die Idee ist größer als ich. Sie war immer größer als wir alle. Sie brauchte die Küche und die langen Abende und das Beisammensein und den Qualm und den Zaun und die Wut, um zu entstehen. Aber sie braucht das alles nicht, um zu bleiben.

Es gibt jetzt ein Projekt, eine Foundation, Phasen, Budget, 200 Millionen, Machbarkeitsstudien. Ich habe davon gehört. Es klingt wie eine andere Sprache. Die Sprache von Leuten, die nie im Schlamm standen.

Vielleicht ist das der Weg, wie solche Ideen wirklich werden. Erst die Wut, dann der Traum, dann der Antrag. Erst der Stift auf der Karte, dann die Füße auf der Erde, dann die PowerPoint-Präsentation in Genf. Das muss so sein. Das ist nicht schlimm.

Oder vielleicht muss die Idee unmöglich bleiben, um zu funktionieren. Ihre Kraft liegt darin, dass sie in keinem Organigramm steht. Dass sie in keinem Phase-1-bis-4-Plan aufgeht. Dass sie dort existiert, wo Menschen morgens die Tür öffnen und einen Fuß vor den anderen setzen und dabei merken, dass die Welt unter ihren Füßen zusammenhängt.

Ich weiß es nicht. Ich bin nur gegangen.


Alle Bilder mit einem LLM generiert, in Erinnerung an Kurd Alsleben (Computerzeichnung)


Service

Sascha Büttner, Der eurasische Bogen in: metalabor neun, BoD 2025


IOM Missing Migrants Project, Stand März 2025: Seit 2014 mindestens 74.000 dokumentierte Todesfälle auf Migrationsrouten weltweit. 2024 war mit 8.938 Toten das tödlichste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die tatsächliche Zahl ist höher. Sie wächst, während dieser Satz gelesen wird.

Eurasis-1 Foundation, Genf. Geplanter transkontinentaler Wanderweg, Kap Finisterre bis Kap Deschnjow, 13.000 Kilometer in fünf Abschnitten. Internationale Dachorganisation, nationale Komitees, wissenschaftlicher Beirat. Gesamtbudget: 200 Millionen Euro, Laufzeit 2026–2040. Sitz: noch nicht eingerichtet. Weg: noch nicht begehbar. Erster Pilotabschnitt: noch nicht festgelegt.

QUELLEN UND DATEN

Musik

Can – Tago Mago (1971)
Ton Steine Scherben – Keine Macht für Niemand (1972)
The Clash – London Calling (1979)
Fehlfarben – Monarchie und Alltag (1980)
The Ex – Disturbing Domestic Peace (1980)
DAF – Alles ist gut (1981)
Einstürzende Neubauten – Kollaps (1981)
Abwärts – Amok Koma (1980)
Crass – Christ – The Album (1982)
Bad Brains – Bad Brains (1982)
Black Flag – Family Man (1984)
Minutemen – Double Nickels on the Dime (1984)
Fugazi – Fugazi (1988)
NoMeansNo – Wrong (1989)
Beck – Mellow Gold (1994)

Literatur

Vilém Flusser – Von der Freiheit des Migranten (1994)
Michel Foucault – Überwachen und Strafen (1975)
Jerry Rubin – Do It! (1970)
Guy Debord – Die Gesellschaft des Spektakels (1967)
Gilles Deleuze / Félix Guattari – Mille Plateaux (1980)
Bruce Chatwin – The Songlines (1987)
Werner Herzog – Vom Gehen im Eis (1978)
Peter Handke – Die Lehre der Sainte-Victoire (1980)

W.G. Sebald – Die Ausgewanderten (1992); Die Ringe des Saturn (1995)
Giorgio Agamben – Homo Sacer (1995)
Ryszard Kapuściński – Imperium (1993)
Édouard Glissant – Poétique de la Relation (1990)
Cormac McCarthy – The Crossing (1994)
Peter Handke – Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina (1996)

Pamphlete / politische Dokumente

Julen Agirre (Pseudonym: Eva Forest) – Operation Menschenfresser: Wie und warum wir Carrero Blanco hingerichtet haben (Karin Kramer Verlag / Trikont Verlag, 1976); Originaltitel Operación Ogro (1974); Tondokument-Transkript der vier ETA-Kommandos, die am 20. Dezember 1973 Francos Ministerpräsident und designierten Nachfolger Admiral Luis Carrero Blanco in Madrid ermordeten; Kommando Txikia gräbt über fünf Monate einen Tunnel unter die Calle Claudio Coello – als angebliche Studentenskulptoren getarnt; 80 kg Goma-2; die Detonation schleudert Carrero Blancos Dodge Dart 20 Meter in die Luft, über ein fünfstöckiges Jesuitengebäude, auf den Balkon der zweiten Etage; drei Tote; ETA-Rechtfertigung als »Tyrannenmord«; von der Exil-Opposition nicht verurteilt – als einzige ETA-Aktion von manchen Historikern als Beitrag zur Demokratisierung Spaniens bewertet; verfilmt von Gillo Pontecorvo (1979)

Rote Armee Fraktion – Das Konzept Stadtguerilla (1971); Strategiepapier, verfasst von Ulrike Meinhof; erste Selbstbezeichnung »Rote Armee Fraktion«; rotes Stern-Symbol mit Maschinenpistole; antiimperialistische Stadtguerilla nach Vorbild der Tupamaros

Film

Wim Wenders – Im Lauf der Zeit (1976)
Werner Herzog – Fitzcarraldo (1982)
Alexander Kluge – Die Patriotin (1979)
Andrei Tarkowski – Stalker (1979)
Chris Marker – Sans Soleil (1983)

Kunst

Land Art / Walking

Richard Long – A Line Made by Walking (1967)
Hamish Fulton – »No walk, no work«
Robert Smithson – Spiral Jetty (1970), Great Salt Lake
Walter De Maria – The Lightning Field (1977), New Mexico
James Turrell – Roden Crater (seit 1979), Arizona
Nancy Holt – Sun Tunnels (1973–76), Great Basin Desert, Utah
Michael Heizer – Double Negative (1969–70), Nevada

Performance

Marina Abramović / Ulay – The Lovers: The Great Wall Walk (1988)

Malerei / BRD

Joseph Beuys (1921–1986)
Anselm Kiefer – Margarethe (1981), Sulamith (1983)
Jörg Immendorff – Café Deutschland (1977–1984)
Gerhard Richter – 18. Oktober 1977 (1988)
Sigmar Polke – Watchtower Serie (1984–88)

Fotografie

Bernd & Hilla Becher – Industrietypologien

Netzkunst / Aktivismus

Heath Bunting – BorderXing Guide (2002–03); Tate-Kommission, irational.org; Website dokumentiert illegale Grenzüberquerungen zu Fuß quer durch Europa ohne offizielle Checkpoints; Routen bewertet nach Schwierigkeit 1–6; Zugang zur Website ursprünglich nur von autorisierten IP-Adressen möglich – wer die Seite sehen wollte, musste physisch an einen der gelisteten Orte reisen und dies nachweisen; Bunting seither mehrfach verhaftet, auf Lebenszeit mit Einreiseverbot USA belegt; Florian Schneider (Begleittext): »ein manuell mit den Füßen geschriebenes Handbuch«

documenta X / kein mensch ist illegal (1997); Kassel, Hybrid Workspace der documenta X; Netzwerk antirassistischer, migrantischer und flüchtlingssolidarischer Gruppen, gegründet im Hybrid Workspace von Florian Schneider und »cross the border«; Slogan entlehnt von Elie Wiesel (1988: »No Human Being Is Illegal«); innerhalb weniger Wochen 200 Gruppen und Tausende Einzelpersonen; Verbindung zu den Sans Papiers in Frankreich und dem No-Border-Netzwerk; Gründung als explizite Reaktion auf die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993; Schnittmenge von Kunst, Politik, Medien

deportation.class (ab 1999); Kampagne von kein mensch ist illegal; Auslöser: Tod von Aamir Ageeb am 28. Mai 1999 an Bord Lufthansa LH 558 Frankfurt–Kairo; drei Beamte des Bundesgrenzschutzes setzten dem 30-jährigen Sudanesen einen Motorradhelm auf, fesselten ihn an Händen und Füßen, drückten beim Start mit aller Kraft seinen Kopf zu den Knien; Ageeb erstickte; bei Zwischenlandung München wurde nur noch die Leiche ausgeschafft; bundesweite Öffentlichkeit blieb »vergleichsweise kalt«; Kampagne richtete sich gegen Lufthansa und die Star Alliance als Transporteure von Abschiebungen; Plakatwettbewerb 2000; Online-Demonstration 2001 gemeinsam mit Libertad!; Vorläufer: Kola Bankole, August 1994, ebenfalls Lufthansa, herzkrank, verschnürt, Strumpfknebel, Beruhigungsspritze, starb vor dem Start auf dem Rhein-Main-Flughafen

Chronologie 1975–1990

Vorgeschichte RAF (1970–1974)

14. Mai 1970: Baader-Befreiung in Berlin. Gründung der RAF. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Horst Mahler. Antiimperialistische Stadtguerilla nach Vorbild der Tupamaros. Militärtraining in einem palästinensischen Lager in Jordanien.

April 1971: Strategiepapier »Das Konzept Stadtguerilla«. Erste Selbstbezeichnung »Rote Armee Fraktion«. Rotes Stern-Symbol mit Maschinenpistole.

Mai 1972: Mai-Offensive. Bombenanschläge auf US-Hauptquartier Frankfurt (ein Toter), Springer-Hochhaus Hamburg, US-Hauptquartier Heidelberg (drei Tote).

Juni 1972: Festnahme der gesamten ersten Generation.

1974

4. August: Bombe im Zug Italicus (Florenz–Bologna). 12 Tote, 48 Verletzte. Neofaschisten der Ordine Nuovo.

1975

20. Mai: Stammheimer Prozess beginnt gegen Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe. Eigens erbauter fensterloser Gerichtssaal neben dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim. Vier Morde, 39 Mordversuche, sechs Sprengstoffanschläge. 192 Verhandlungstage.

20. November: Tod Francos. Ende der Diktatur in Spanien. Beginn der Transición unter König Juan Carlos I.

1976

9. Mai: Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle in Stammheim. Offiziell Suizid durch Erhängen. RAF: staatlicher Auftragsmord. Ihr Gehirn wurde ohne Wissen der Angehörigen entnommen, erst 2002 beigesetzt.

1977

24. Januar 1977: Massaker in der Atocha-Straße, Madrid. Rechtsextreme erschießen fünf Arbeitsrechtsanwälte (Kommunisten) in ihrer Kanzlei. Täter: Fuerza Nueva-Umfeld.

28. April: Urteil Stammheimer Prozess. Lebenslänglich für Baader, Ensslin, Raspe.

5. September: Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch die zweite RAF-Generation. Beginn des Deutschen Herbstes.

13. Oktober: Entführung der Lufthansa-Maschine »Landshut« nach Mogadischu durch palästinensisches Kommando zur Unterstützung der RAF-Forderungen.

18. Oktober: GSG 9 befreit die Geiseln in Mogadischu. Noch in derselben Nacht: Baader, Ensslin und Raspe tot in Stammheim – Baader und Raspe durch Schusswaffen, Ensslin erhängt. Offiziell Suizid; Umstände bis heute ungeklärt.

19. Oktober: Schleyer-Leiche im Kofferraum eines grünen Audi in Mulhouse, Frankreich. Gerhard Richter malt 1988 »18. Oktober 1977« – fünfzehn Gemälde nach Polizei- und Pressefotos.

1978

16. März–9. Mai: Entführung und Ermordung Aldo Moros, Brigate Rosse. Fünf Leibwächter erschossen in der Via Fani. 55 Tage Geiselhaft, symbolischer »Volksprozess«. »Linea della fermezza«: DC und PCI verweigern Verhandlungen. Moro am 9. Mai mit elf Schüssen erschossen; Leiche im Kofferraum eines roten Renault 4, Via Caetani – zwischen DC- und PCI-Zentrale.

1979

19. Juli: Sandinistische Revolution in Nicaragua. Sturz der Somoza-Diktatur.

24. Dezember: Sowjetische Invasion in Afghanistan. Beginn eines zehnjährigen Krieges.

1980

12./13. Januar: Gründung der Grünen in Karlsruhe.

2. August: Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof Bologna. Zeitzünderbombe, klimatisierte Wartehalle. 85 Tote, über 200 Verletzte. Täter: Neofaschisten der NAR, verbunden mit P2-Loge und Gladio-Waffenlagern (identischer C-4-Sprengstoff). Gericht 2021: »Strage di Stato«. Die Bahnhofsuhr bleibt auf 10:25 stehen.

31. August: Danziger Abkommen. Gründung der Solidarność. Erste unabhängige Gewerkschaft im Ostblock. 10 Millionen Mitglieder bis September 1981. Lech Wałęsa.

12. September: Militärputsch in der Türkei. General Kenan Evren. Kriegsrecht. NATO-Manöver »Anvil Express« läuft zeitgleich. CIA-Stationschef Henze angeblich an Washington: »Our boys did it.« 650.000 Verhaftungen, Hunderte Tote. Massenflucht nach Deutschland.

19. September: Erlanger Doppelmord. Zwei Mitglieder der Deutschen Aktionsgruppen erschießen zwei vietnamesische Asylbewerber. Täter: Heinz Lembke-Netzwerk.

22. September: Beginn des Iran-Irak-Krieges. Dauert bis August 1988. Geschätzte 500.000–1.000.000 Tote.

26. September: Oktoberfestattentat, München. Bombe am Haupteingang. 13 Tote, 211 Verletzte. Täter: Gundolf Köhler, Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann. Größter Terroranschlag in der Geschichte der BRD bis dahin. Behörden schlossen rechtsextreme Hintermänner offiziell aus — Ermittlungen 2014 wieder aufgenommen, Einzeltäterthese heute umstritten.

1980–1981: Deutsche Aktionsgruppen unter Manfred Roeder. Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg und Nürnberg, Briefbomben.

3. Oktober: Bombenanschlag auf die Synagoge der Rue Copernic, Paris. 4 Tote, 46 Verletzte. Neonazistische Gruppe, Verbindungen zur FANE.

1981

23. Februar: Putschversuch in Spanien (23-F). Oberstleutnant Tejero stürmt mit 200 Guardia-Civil-Beamten das Parlament, Schüsse in die Decke. König Juan Carlos stellt sich in Fernsehansprache gegen die Putschisten. Scheitert nach 18 Stunden.

28. Februar: 100.000 demonstrieren gegen das AKW Brokdorf.

1. März–3. Oktober: Hungerstreik im Maze-Gefängnis, Nordirland. Bobby Sands beginnt als erster. Forderung nach politischem Gefangenenstatus. Sands während des Hungerstreiks ins britische Parlament gewählt. Thatcher: »Crime is crime is crime, it is not political.« Sands stirbt nach 66 Tagen. Neun weitere sterben bis August. Katalysator für Sinn Féins Entwicklung zur Wahlpartei.

17. März: Entdeckung der P2-Mitgliederliste. Hausdurchsuchung in Licio Gellis Villa, Arezzo. 962 Namen: alle drei Geheimdienstchefs, über 200 Militärs und Polizeioffiziere, 44 Parlamentarier, Berlusconi. Gladio: CIA/NATO-gesteuertes Stay-behind-Netzwerk in allen westeuropäischen Ländern seit Ende der 1940er Jahre. Waffenlager, Verbindungen zu Neofaschisten und Strategia della tensione. Enthüllung durch Andreotti erst 1990.

10. Mai: François Mitterrand wird Präsident Frankreichs. Erster Sozialist der Fünften Republik. Abschaffung der Todesstrafe (September 1981).

20. Juni: Demonstration gegen die Startbahn West in Wiesbaden. Ca. 120.000 Teilnehmer.

2. November: Räumung des Hüttendorfs an der Startbahn West, Frankfurt. Polizei räumt das seit Monaten besetzte Protestlager. Schwere Ausschreitungen.

13. Dezember: Kriegsrecht in Polen. Solidarność verboten. Ca. 10.000 Verhaftungen.

1982

April–Juni: Falklandkrieg. Argentinien gegen Großbritannien. 907 Tote.

16.–18. September: Massaker von Sabra und Shatila, Beirut. 800–3.500 palästinensische und libanesische Zivilisten. Phalangisten unter israelischer Kontrolle.

1983

1. September: Korean Air Lines Flug 007 von sowjetischem Abfangjäger abgeschossen. 269 Tote.

November: Stationierung Pershing-II in Mutlangen. 1,3 Millionen bei Friedensdemonstrationen in der BRD.

1985

11. März: Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der KPdSU. Glasnost, Perestroika.

10. Juli: Versenkung der Rainbow Warrior im Hafen von Auckland. Zwei Haftminen des französischen Geheimdienstes DGSE. Mitterrand hatte den Anschlag gebilligt. Fotograf Fernando Pereira stirbt. Frankreich zahlt 1987 ca. 8 Mio. US-Dollar Entschädigung.

28. September: Günter Sare, Frankfurt-Gallus. Von Polizei-Wasserwerfer überrollt bei Anti-NPD-Protest. Stirbt auf dem Transport ins Krankenhaus. Die NPD tagt im Haus Gallus – demselben Ort, an dem 1963–1965 die Auschwitzprozesse stattfanden. Tagelange Straßenschlachten in Frankfurt und anderen Städten. Demonstrationsverbot durch OB Wallmann.

1986

1. Januar: Beitritt Portugals und Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft.

26. April: Reaktorkatastrophe Tschernobyl.

Pfingsten: Pfingstschlacht an der WAA Wackersdorf. 40.000 Demonstranten. Erster Einsatz von CS-Gas gegen Demonstranten in der BRD. Über 100 Polizisten quittieren danach den Dienst.

16. September: Mainzer Kessel. Polizei kesselt Demonstranten gegen Tagung der Atlantischen Gesellschaft ein. Keine Festnahmen, kein Ausweg.

1987

2. November: Zwei Polizisten an der Startbahn West erschossen. Tatwaffe: die ein Jahr zuvor in Hanau einem Zivilpolizisten entwendete SIG Sauer P6.

8. Dezember: INF-Vertrag. Reagan und Gorbatschow unterzeichnen Abkommen über Abzug nuklearer Mittelstreckenraketen aus Europa.

9. Dezember: Beginn der Ersten Intifada in den besetzten palästinensischen Gebieten.

1988

20. August: Waffenstillstand Iran-Irak-Krieg.

21. Dezember: Lockerbie. Bombe zerstört Pan Am Flug 103 über Schottland. 270 Tote.

1989

15. Februar: Sowjetischer Abzug aus Afghanistan abgeschlossen.

4. Juni: Tiananmen, Peking. Armee erschießt Demonstranten auf dem Platz. Hunderte bis tausende Tote.

4. Juni: Teilweise freie Wahlen in Polen. Solidarność gewinnt 99 von 100 Senatssitzen.

9. November: Fall der Berliner Mauer.

17. November: Tod von Conny Wessmann in Göttingen. Antifaschistin, 24 Jahre, auf der Flucht vor Polizei von Auto erfasst. Polizeifunkspruch »plattmachen« wird bekannt. 15.000–20.000 bei Gedenkdemonstration. Gründung der Autonomen Antifa (M).

16.–25. Dezember: Rumänische Revolution. Hinrichtung von Nicolae und Elena Ceaușescu am 25. Dezember.

1990

11. Februar: Freilassung Nelson Mandelas nach 27 Jahren Haft. Robben Island.

3. August: Andreotti bestätigt vor dem italienischen Senat die Existenz von Gladio. Domino-Effekt: Belgien, Niederlande, Griechenland, Frankreich, Deutschland bestätigen eigene Stay-behind-Netzwerke. Europäisches Parlament verurteilt am 22. November die »klandestine Schaffung manipulativer und operativer Netzwerke«. Senatskommission 2000: »Diese Massaker […] wurden organisiert oder gefördert von Männern innerhalb italienischer Staatsinstitutionen und von Männern mit Verbindungen zu Strukturen des US-Geheimdienstes.«

3. Oktober: Deutsche Wiedervereinigung.

1998

20. April: RAF-Auflösungserklärung. Acht Seiten, per Fax an Reuters. Unterschrieben mit dem roten Stern. »Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.« 28 Jahre, drei Generationen, 34 Morde, über 200 Verletzte.


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
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Notizen 2024 – 2025

Wortanhäufungen und Satzfragmente. Poesien des Alltags, gesammelt zwischen Morgengrauen und Mitternacht. Notizen 2024-2025 versammelt, was sich nicht einordnen lässt: Beobachtungen, Stilübungen, Dialoge mit der KI, Romanfragmente, Bewusstseinsströme. Ein Ideensteinbruch. Tagebuch ohne Bekenntnis. Meditation ohne Ergebnis. Aufzeichnungen eines Lebens im Schreiben.

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