Die Lüge, die keine ist
Aus dem Innenleben eines Zombie-Diskurses
Die Lüge, die keine ist
Lügt Fotografie? Nein. Apparate lügen nicht, Menschen lügen. Eine Fotografie ist ein Artefakt ohne Absicht – die Lüge entsteht erst durch Bewertung, Kontext und Verwendung.
I.
Es gibt Fragen, die nicht sterben. Sie tauchen auf, werden beantwortet, widerlegt, vergessen, und kehren zurück. Zombies des Diskurses. Die Frage, ob Fotografie lügt, gehört dazu. Sie schleppt sich durch Feuilletons, Podiumsdiskussionen, Fotoforen, durch Einleitungen akademischer Arbeiten und die Kommentarspalten unter manipulierten Pressebildern. Jede Generation beantwortet sie neu. Keine Antwort ist von Dauer.
Schon der Satzbau verrät die Schieflage. Lügt Fotografie? Subjekt, Prädikat. Als hätte das Medium eine Absicht. Als könnte ein chemischer Prozess, eine Lichtrechnung auf einem Sensor, ein Algorithmus moralisch handeln. Die Grammatik macht das Bild zum Täter. Das ist bequem.
II.
Apparate lügen nicht. Technik lügt nicht. Das Kapital lügt nicht. Die Wirtschaft lügt nicht. Es sind Menschen, die lügen. Das gilt für Druckerpressen, Buchhaltungssoftware, Statistiken. Und es gilt für Kameras.
Eine Fotografie kann nicht lügen, weil Lüge Intention voraussetzt. Den Willen zur Täuschung. Das Wissen um die Wahrheit und die Entscheidung, sie zu verbergen. Kein Apparat verfügt über diesen Willen. Der Verschluss öffnet sich, Licht fällt auf den Sensor, Daten werden geschrieben. Was dabei entsteht, ist ein Ergebnis technischer Prozesse. Kein Urteil. Keine Aussage. Kein Betrug.
Es ist der Fotograf, der lügt. Oder der Bildredakteur. Oder der Algorithmus-Designer. Oder die Leute in den Konzernzentralen, die das Bild in einen Kontext stellen, der Bedeutung produziert. Die Lüge liegt nie im Bild. Sie liegt in der Verwendung.
III.
Aber diese Unterscheidung – so offensichtlich sie ist – wird selten getroffen. Stattdessen hat sich ein Diskurs gebildet, dicht und selbstreferentiell, der sich um die Frage legt wie ein Kokon. Die Fotografie lügt, sagen die einen. Nein, sie zeigt die Wahrheit, sagen die anderen. Beide Positionen teilen denselben Irrtum: Sie behandeln das Bild wie ein Subjekt.
Dieser Diskurs hat eine Funktion. Er verschleiert die Verantwortung. Solange die Fotografie lügt, muss niemand fragen, wer gelogen hat. Solange das Medium unter Generalverdacht steht, bleiben die Akteure unsichtbar. Der Kokon schützt nicht das Bild. Er schützt diejenigen, die es benutzen.
Flusser hat das gesehen. Der Apparat, schrieb er, produziert nicht Abbilder der Welt, sondern Begriffe in Erscheinungsform. Technische Bilder übersetzen Programme in Oberflächen. Was wir sehen, wenn wir eine Fotografie betrachten, ist nicht die Welt. Es ist das Ergebnis einer Übersetzungskette, in der jede Stufe – Optik, Sensor, Software, Bildschirm – Entscheidungen trifft, die im Apparat eingeschrieben sind. Der Apparat lügt nicht. Aber er ist auch nicht neutral.
IV.
Im buddhistischen Denken gibt es für das, was eine Fotografie ist, ein präziseres Wort als Lüge: Illusion. Māyā. Der Schleier, der sich über die Dinge legt und sie als etwas erscheinen lässt, das sie nicht sind.
Eine Fotografie ist eine Illusion. Mehr nicht. Weniger auch nicht.
Sie zeigt eine Fläche, auf der Licht und Schatten so angeordnet sind, dass unser Gehirn Tiefe, Raum, Gegenstände, Gesichter erkennt. Wir sehen eine Landschaft, obwohl vor uns nur Pigmente auf Papier liegen oder Pixel auf einem Display leuchten. Die Illusion ist perfekt. Sie muss es sein, denn darauf ist der Apparat programmiert.
Mittels dieser Illusion werden Reaktionen erzeugt. Empörung, Begeisterung, Fassungslosigkeit, Trauer, Wut, Begehren. Wir betrachten das Bild und fühlen. Wir tragen das Gefühlte in andere Zusammenhänge. Wir diskutieren, streiten, verurteilen, bewundern. Wir bauen auf der Illusion Argumente auf, fällen Urteile, starten Kampagnen, führen Kriege. Und bevor wir es bemerken, sind wir dort angekommen, wovor der Buddhismus warnt: im Leiden. Dukkha. Die Verstrickung in das, was nicht beständig ist, nicht greifbar, nicht wahr im letzten Sinne.
Der buddhistische Weg führt nicht dazu, Illusionen zu zerstören. Er führt dazu, sie als Illusionen zu erkennen. Nicht weniger zu fühlen, sondern zu durchschauen, was das Fühlen auslöst.
V.
Was ist eine Fotografie, wenn man sie ihrer Bedeutungszuschreibungen entkleidet?
Ein Artefakt. Ein Gegenstand. In seiner materiellsten Form: Silberhalogenidkristalle, durch Licht geschwärzt, fixiert in Gelatine, aufgebracht auf Papier. Oder ein Diafilm, eingespannt in einen Projektor, geworfen auf eine weiße Wand. Oder – und das ist heute der Regelfall – ein Raster hinterleuchteter Punkte auf einem Display, gesteuert von Signalen, die ein Prozessor aus komprimierten Daten errechnet.
Einen Fotoabzug kann man in die Hand nehmen, an die Wand hängen, in einen Rahmen stecken. Man kann ihn umdrehen und auf die Rückseite schreiben. Man kann ihn betrachten. Er ist ein Objekt. Er existiert in der Welt wie ein Stein, ein Blatt, ein Stück Holz. Er hat Gewicht, Ausdehnung, eine Oberfläche. Er altert. Er vergilbt.
Das Objekt lügt nicht. Es liegt da.
VI.
Die Illusion beginnt nicht im Bild. Sie beginnt im Betrachter.
Sie beginnt in dem Moment, in dem wir bewerten. In dem wir sagen: Das ist schön. Das ist grausam. Das ist wahr. Das ist gestellt. In dem wir dem Artefakt eine Aussage zuschreiben, die es nicht enthält. Das Bild zeigt Licht auf einer Fläche. Alles andere fügen wir hinzu.
Wir sagen: Dieses Foto zeigt den Krieg. Nein. Es zeigt eine Anordnung von Tonwerten, die wir als Trümmer, Rauch, einen menschlichen Körper lesen. Die Lesart ist kulturell codiert, historisch bedingt, emotional aufgeladen. Sie ist nicht falsch. Aber sie ist auch nicht im Bild. Sie ist in uns.
Barthes hat das berührt, als er vom Studium sprach – der kulturellen Lesart, die uns das Bild einordnen lässt – und vom Punctum, dem Detail, das uns anspringt und verletzt, unkontrolliert und uncodierbar. Das Studium lügt nicht, es interpretiert. Das Punctum lügt nicht, es trifft. Keines von beiden hat mit Wahrheit im propositionalen Sinne zu tun.
Keines von beiden hat mit Wahrheit im propositionalen Sinne zu tun. Die Frage, ob Fotografie lügt, operiert aber genau auf dieser Ebene – als gäbe es ein Wahr und Falsch der Bilder, über das sich urteilen ließe.
VII.
Die Moral der Frage stört. Sie moralisiert, wo Analyse nötig wäre.
Wer fragt, ob Fotografie lügt, will ein Urteil. Schuldig oder unschuldig. Vertrauenswürdig oder nicht. Die Frage zieht eine Trennlinie zwischen guten Bildern (die die Wahrheit zeigen) und schlechten Bildern (die täuschen). Diese Trennlinie gibt es nicht. Jedes Bild ist Konstruktion. Jeder Ausschnitt eine Entscheidung. Jeder Moment, in dem der Verschluss sich öffnet, das Ergebnis einer Wahl – bewusst oder unbewusst –, die tausend andere Momente ausschließt.
Die ehrlichere Frage wäre: Wer benutzt dieses Bild, und wozu?
Aber diese Frage ist unbequem. Sie verlangt, Machtverhältnisse zu benennen. Interessen offenzulegen. Die Kette vom Fotografen über den Redakteur zum Verleger zum Plattformbetreiber zum Algorithmus nachzuverfolgen. Das ist mühsam. Einfacher ist es, dem Bild die Schuld zu geben.
VIII.
Es gibt ein Foto von mir, aufgenommen irgendwann auf einer der morgendlichen Runden durch Limburg. Der Dom im Nebel. Die Lahn darunter, kaum zu sehen. Das Bild ist körnig, kontrastreich, die Ränder laufen ins Schwarz. Jemand könnte sagen: So sieht Limburg aus. Jemand anderes könnte sagen: So sieht Limburg nicht aus. Beide hätten recht. Beide hätten unrecht.
Das Bild zeigt, was der Apparat registriert hat, verarbeitet durch Entscheidungen, die teils in der Kamera, teils in der Postproduktion, teils in der Auswahl getroffen wurden. Es zeigt eine Möglichkeit. Eine von Millionen. Es lügt nicht, denn es behauptet nichts. Es liegt da und wartet darauf, dass jemand es anschaut und anfängt zu urteilen.
Die Illusion beginnt in dem Moment, in dem ich glaube, dieses Bild sage etwas über Limburg. Es sagt etwas über mich.
IX.
Ein Fotograf wählt das Bild, das er ist. Das gilt in beide Richtungen. Er wählt den Ausschnitt, der seinem inneren Bild entspricht. Und der Betrachter liest im Bild, was sein inneres Bild bestätigt. Zwei Illusionen treffen sich auf einer Oberfläche.
Die Frage, ob Fotografie lügt, ist selbst eine Illusion. Sie tut so, als gäbe es eine Wahrheit, die das Bild entweder abbilden oder verfälschen kann. Diese Wahrheit gibt es nicht. Es gibt Licht, das auf Oberflächen trifft. Es gibt Apparate, die dieses Licht verarbeiten. Es gibt Menschen, die das Ergebnis betrachten und darin etwas erkennen, das sie bewegt, bestätigt, erschüttert, langweilt.
Das Bild liegt da. Still. Ohne Absicht.
Alles Weitere ist unsere Sache.


