Es gibt einen Satz der Anthropologin Anna Tsing, der nicht mehr loslässt. Er steht fast am Ende ihres Buches über Matsutake-Pilze, über Ruinen und darüber, was nach dem Fortschritt kommt: Im politischen Sinne zuzuhören heißt, Anzeichen noch nicht artikulierter gemeinsamer Themen aufzuspüren.

Den Satz hat Tsing aus der Praxis einer Frau namens Beverly Brown destilliert. Brown war Aktivistin in den Wäldern Oregons und tat in den Neunzigern etwas Unerhörtes: Sie brachte Menschen an einen Tisch, die füreinander unsichtbar waren. Mien-Flüchtlinge aus Laos. Kambodschanische Überlebende. Weiße Vietnam-Veteranen. Lateinamerikanische Saisonarbeiter. Alle sammelten Pilze in denselben verwüsteten Industrieforsten. Keiner wusste vom anderen. Brown organisierte Treffen mit simultaner Übersetzung in vier Sprachen und hörte zu — auf das, was sich zwischen den Anwesenden andeutete, ohne dass es schon einen Namen hatte.

Tsing nennt das, was Brown dabei fand: latente Allmenden. Verflechtungen, die zu einer gemeinsamen Sache mobilisiert werden könnten. Könnten. Nicht: werden. Nicht: sollen. Könnten.

Was Brown tat, lässt sich in drei Praktiken fassen, die Tsing beschreibt.

Political Listening — Politisches Zuhören. Browns Praxis. In einer Versammlung hinhören, was an gemeinsamen Anliegen keimhaft da ist, statt fertige Kategorien mitzubringen. Browns Einsicht: Jede Versammlung enthält zahlreiche unausgereifte politische Visionen für die Zukunft. Die politische Arbeit besteht darin, die eine oder andere wahr werden zu lassen. Unbestimmtheit ist der Knotenpunkt, an dem viele Anfänge in Wartestellung liegen.

Arts of Noticing — Künste des Wahrnehmens. Tsings größerer Rahmen dafür. Fortschritt erzeugt einen einheitlichen Takt, dem sich alles unterordnen muss. Was ihm nicht folgt, wird unsichtbar. Wahrnehmen heißt: diesen Takt aufgeben. Multiple Rhythmen gleichzeitig hören. Tsing spricht von Polyphonie — autonome Stimmen, die sich verflechten, gelegentlich harmonieren, häufiger dissonieren.

Latente Allmenden — das, was die beiden Praktiken aufspüren. Latent in doppeltem Sinn: Wir nehmen sie kaum wahr, weil sie omnipräsent sind. Und sie sind nicht entwickelt. Sie sprudeln vor nicht verwirklichten Möglichkeiten; sie sind schwer zu fassen. Tsing öffnet den Allmendebegriff für nicht-menschliche Wesen — und damit verschiebt sich alles: Wenn wir Schädlinge und Krankheiten einbeziehen, können wir nicht mehr auf Harmonie hoffen. Latente Allmenden können uns nicht erlösen. Sie lassen sich schlecht institutionalisieren. Sie sind nicht für alle gut. Sie bewegen sich in den Zwischenräumen des Rechts, angetrieben durch Regelverstöße, Ansteckung, Unaufmerksamkeit und Wilderei. Die Hinweise, die wir aufspüren, sind — so Tsing — unterentwickelt, dünn, lückenhaft und instabil. Bestenfalls ein äußerst flüchtiger Schimmer. Aber im Leben mit der Unbestimmtheit sind diese Schimmer das Politische.

Das metalabor XI denkt diese drei Praktiken mit. Und fragt sich, ob es selbst — die 48 Stunden im Lahntal — so etwas wie eine latente Allmende ist. Unterentwickelt im besten Sinne, schlecht institutionalisierbar, angetrieben durch Regelverstöße gegen die Disziplinen und Kontamination zwischen den Teilnehmenden. Möglicherweise tut es das schon lange, ohne es so genannt zu haben.

Beverly Brown starb 2005. Ihr Nachlass — Manuskripte, Videoaufnahmen aus Pilzcamps, viersprachige Publikationen — liegt in den Special Collections der University of Oregon. Anna Tsing widmete ihr eine der letzten Passagen ihres Buches. Adam Tooze brachte es auf eine Formel: Listening, noticing — that is the procedure.

Wir können noch die überwachsenen Ränder unserer verwüsteten Landschaften erkunden, schreibt Tsing zum Schluss. Wir können noch den Duft der latenten Allmenden auffangen. Und das flüchtige Herbstaroma.

Quellen

Anna Lowenhaupt Tsing: *Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus.* Aus dem Englischen von Dirk Höfer. Matthes & Seitz Berlin, 2018.

Anna Lowenhaupt Tsing: *The Mushroom at the End of the World. On the Possibility of Life in Capitalist Ruins.* Princeton University Press, 2015.

Beverly A. Brown: *In Timber Country. Working People’s Stories of Environmental Conflict and Urban Flight.* Temple University Press, 1995.

Beverly Brown Papers, 1951–2005. Special Collections, University of Oregon Libraries.

Jefferson Center for Education and Research Records. Special Collections, University of Oregon Libraries.

metalabor — experimenteller thinktank seit 2016. metalabor XI: Wildes Denken und Nachtfahrten, 2026.