Einleitung

Was hier folgt, ist eine Anleitung zur täglichen Praxis, nicht zu einem einzelnen Vorhaben. Wer ein Buch im Sinn hat, hat das ohnehin im Sinn; die Praxis macht keinen Unterschied. Das Schreiben kommt zuerst, das Verwenden später, und beides hat miteinander, wie sich erweisen wird, weniger zu tun, als gemeinhin angenommen wird.

Es geht um kurze Stücke, sogenannte Ich-Stücke, mithin Selbstauskünfte, wobei das Ich nicht eines ist, sondern viele, die einander widersprechen, worin der Reiz der Sache besteht. Die Stücke folgen einem einzigen Verfahren, das ich der Einfachheit halber Polaroid genannt habe: ein Auslösen, ein Bild, fertig. Wer korrigiert, sei es aus Eitelkeit, sei es aus dem an sich nachvollziehbaren Bedürfnis, einen besseren Text zu produzieren, hat das Verfahren bereits verlassen, ohne es zu bemerken, worin die eigentliche Schwierigkeit liegt.

Die Anleitung ist generisch. Sie schreibt nicht vor, was zu schreiben ist, sondern wie. Den Stoff, das versteht sich, bringt jeder selber mit.

These

Diese Stücke sind heute, was ich hier behaupten will, das Wichtigste, das geschrieben werden kann, und zwar nicht als Vorform oder Nebenprodukt eines noch zu schreibenden großen Werkes, sondern als das Eigentliche. Wer noch auf das Lebenswerk wartet, das, wie es so schön heißt, alles zusammenhält, der hat sich, mit Verlaub, verschätzt. Es kommt nicht mehr, jedenfalls nicht in der Form, die er sich vorstellt, und käme es doch noch, würde es niemand mehr lesen, weil sich die Lesegewohnheiten gewandelt haben, die Aufmerksamkeit nicht etwa kürzer geworden ist, wie immer behauptet wird, sondern wählerischer.

Die hohe Kunst, wenn von einer solchen überhaupt noch zu sprechen ist, besteht nun darin, diese kurzen Stücke einem Polaroid-Verfahren zu unterwerfen. Daraus ergeben sich, im Wesentlichen, zwei Forderungen: Spontanität als technische Sache, und Einmaligkeit als die schwierigere, da sie das Subjekt selbst betrifft und alles weitere mit sich führt.

Idee

Die Idee, die der Praxis zugrunde liegt, ist die eines Inventars. Allerdings nicht eines fertigen Charakters, sondern eines Selbst, das sich ständig ändert. Was das Inventar im Grunde unmöglich macht — und nur in der Mannigfaltigkeit funktionieren läßt. Heute wird das Stück geschrieben: ich bin X. Morgen vielleicht das Gegenteil. So fortlaufend, Tag um Tag, ohne daß ein Schluß abzusehen wäre.

Es geht nicht um Wahrheit, nicht um die eine, sondern um Vielheit. Eine einzelne Wahrheit über sich selbst ist immer falsch. Hundert Wahrheiten sind ebenfalls falsch, allerdings genauer. Ein Fortschritt, wenn man so will.

Einmaligkeit

Die Forderung der Einmaligkeit, soweit man sie aussprechen will, hängt an einer Voraussetzung, die selten benannt wird: daß der Schreibende sich überhaupt als einmalig erfährt. Eine bei Lichte besehen nicht selbstverständliche Voraussetzung — die meisten empfinden sich, wenn sie ehrlich sind, eher als austauschbar und tun damit in vielerlei Hinsicht recht. Diese Einmaligkeit, wo sie sich einstellt, ist überdies nicht eine für die Ewigkeit, sondern, heikler noch, ein Momentum: ein Augenblick, in dem das Subjekt sich vom Übrigen unterscheidet, und der gleich darauf wieder vergangen ist.

Das Stück, einmal geschrieben, soll dieses Momentum festhalten. Das heißt nichts anderes, als daß niemand anderes es hätte schreiben können — und zwar in dem Augenblick, in dem es geschrieben wurde. Zu einer anderen Stunde hätte derselbe Schreibende es bereits anders verfaßt, oder gar nicht.

In dieser Einmaligkeit zeigt sich, wer man meint zu sein. Die Stücke beschreiben das Selbst nicht etwa, was als Aufgabe der Literatur sonst gilt, sondern sind dessen Behauptung — eine Behauptung, die der Augenblick ablegt und für die er einsteht.

Im Innersten der Einmaligkeit wohnt das Peinliche, was nicht ein gesonderter Anspruch ist, der neben ihr zu erfüllen wäre, sondern deren Bedingung: ein Stück, das nicht peinlich werden kann, weil der Schreibende sich verstellt, ist auch nicht einmalig, weil die Verstellung immer auf das Mitzuteilende zielt, auf die Aufmerksamkeit eines Publikums — also genau auf das, was die Einmaligkeit ausschließt. Wer das Peinliche aussortiert, sortiert die Einmaligkeit gleich mit aus. Wer überdies wartet, bis das Stück schön ist, verliert beide, das Stück und das Eigene. Hundert Stücke in derselben Tonart aber ergeben keine Sammlung von Einmaligkeiten, sondern einen Eitlen.

Urteilen, ob die Behauptung zutrifft, tun zuletzt die Lesenden. Was die Stücke wert sind, hat nicht der Schreibende zu entscheiden. Das ist eine Erleichterung und eine Last zugleich: eine Erleichterung, weil ihm das Urteil abgenommen wird, eine Last, weil er es eben nicht in der Hand hat.

Anspruch

Polaroid, im Wortsinn genommen: ein Auslösen, ein Bild, mehr ist es nicht. Eben dies ist, technisch genommen, die geforderte Spontanität: keine Vorbereitung, keine Nacharbeit. Wer das Bild dann übermalt, hat kein Polaroid produziert, sondern ein Aquarell, das, das sei zugegeben, durchaus seine Berechtigung hat, allerdings nicht in dieser Anleitung, denn die beiden Verfahren sind nicht zu verwechseln.

Daraus ergibt sich, daß ein zweiter Wurf am gleichen Stück ausgeschlossen ist. Mißlingt das Stück, wird es verworfen, ohne weitere Diskussion. Das Misslingen ist nicht etwa ein Fehler des Verfahrens, sondern dessen wesentlicher Bestandteil, und wer alles gelingen läßt, hat das Stück gefälscht, womit das Verfahren ad absurdum geführt wäre.

Es wäre ein Verkennen der Sache, anzunehmen, ein Polaroid in Textform müsse kurz sein, gleichsam ein Haiku, wie ihn Durs Grünbein so meisterlich praktiziert. Es spricht nichts dagegen, aber auch nichts gegen längere Formen. Auch die längeren Stücke gelten dabei als ein einziger Wurf, nicht als zwei: wer in zwei Atemzügen schreibt, schreibt zwei Stücke, kein längeres.

Worauf es ankommt, ist die Fläche, auf der das Polaroid eine unendliche Vielheit zeigt — und deren klare Begrenzung das eigentliche Geheimnis ist. Sie auf einen Schlag zu erfassen, darin liegt das Meisterliche, vergleichbar dem Fotografen, der das Bildformat in seiner ganzen Ausdehnung auszuschöpfen weiß.

Was das Polaroid über das Technische hinaus verlangt, ist ein Bei-sich-Sein im Augenblick der Aufnahme. Eine Bedingung, die sich für viele als unerfüllbar erweist, weil sie sich an dieser Stelle gar nicht antreffen — und ohne die auch die Einmaligkeit unzugänglich bleibt.

Das Bei-sich-Sein ist nicht mit Authentizität zu verwechseln. Authentizität ist eine Anforderung an den Schreibenden, eine Knechtung allemal: sie verpflichtet ihn auf ein Selbst, das er nie findet. Das Bei-sich-Sein hingegen ist kein Postulat, sondern ein Zustand: er stellt sich ein oder nicht, und keine Anstrengung holt ihn herbei.

Praxis

Geschrieben wird täglich, oder wann es kommt; für einen, der die Sache als Praxis ernst nimmt, ist das, ich gebe es zu, im Wesentlichen dasselbe. Die Stücke entstehen, weil das Schreiben sie verlangt. Sie sind selbst die Sache, kein Schritt zu etwas anderem.

Was im ersten Wurf gelingt, bleibt. Mehr ist über die Praxis nicht zu sagen, oder genauer: alles weitere wäre Selbstgespräch des Schreibenden.

Ob die Stücke später in einem Buch zusammenkommen, in einem Newsletter erscheinen, in einem Roman eingestreut werden oder in einem Schreibtischfach verbleiben, hat die Praxis nicht zu interessieren. Sie produziert; das Verwenden ist eine andere Tätigkeit, die andere Regeln hat.

Format-Repertoire

Welche Formate die Praxis bedient, ist letztlich gleichgültig, vorausgesetzt, sie findet jeweils die passende. Darin liegt das Heikle der Sache: nicht in der Vielfalt selbst, sondern darin, jedem Stück die Form zu geben, die seinem Moment und seiner Stimmung gemäß ist. Sehen Sie sich in der eigenen Lektüre um. Es gibt Formate, die seit Jahrhunderten bekannt sind, und solche, die täglich entstehen, ohne bisher einen Namen zu haben.

Was nicht zur Verfügung steht, ist eine vorgegebene Liste. Wer eine solche aufstellt und sie befolgt, hat die Praxis in ein Programm verwandelt, womit das Verfahren bereits ein anderes wäre. Bauanleitungen für die einzelnen Formate sind, wer sie braucht, in jeder seriösen Anthologie zu finden; die Praxis besteht nicht im Befolgen, sondern im freien Tun.

Hundertmal derselbe Mechanismus ergibt keine hundert Polaroids, sondern hundertmal dasselbe — und zeigt, daß der Schreibende nicht jedem Stück seine Form gegeben hat, sondern jedem Stück dieselbe.


Eine Anleitung kann den, der schreibt, nicht ersetzen. Sie kann ihm nur sagen, was er nicht tun soll.


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.

Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)

Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.