Die Kamera lag auf dem Tisch zwischen ihnen. Er hatte sie nicht dorthin gelegt um sie zu zeigen. Sie lag einfach da, schwarz, klein, das Objektiv blickte nach links, der Doktorand hatte sie nicht bemerkt oder tat so als ob.
M6. 35mm. Film noch drin, halb belichtet.
Was in ein Aufschreibesystem passt: das steht fest bevor man schreibt, bevor man auslöst. In den Bericht: Transformatoren, Stückzahl, Bezirk, Datum. Durchs Objektiv: Licht, Struktur, was in der Schärfentiefe liegt und was nicht. Ins Auge: alles, unkontrolliert — das rote Kleid der Frau gegenüber, der Zigarrengeruch des Kollegen Brandt, der Regen der nicht fiel — und danach hat es keinen Ort. Kein Behälter. Kein Archiv.
Das Auge ist kein Aufschreibesystem.
Das hat er nicht gewusst damals. Das weiß er jetzt, sechzig Jahre alt oder fast, und es ändert nichts.
Moriyama fotografierte Tokio in den späten Sechzigern mit einer Ricoh, billig, klein, unruhig, fiebrig, rastlos, er wollte sie nicht ruhig halten, das war das Programm oder er verweigerte das Programm, er verweigerte zu entscheiden was fotomanierlich sein darf —
Büttner hat das erst später gelesen. In einem Katalog. Die Bilder kannte er früher, hatte sie irgendwo gesehen, Anfang der Achtziger, in einer Zeitschrift, er weiß nicht mehr welcher, er weiß nur: er schaute und dachte, das ist falsch belichtet, das hätte man wiederholen müssen.
Jetzt weiß er dass das der Bericht in seinem Kopf war. Der Bericht, in dem Zahlen Platz haben und das Grobe Korn nicht.
-
März 1994.
Er spannte den Bogen ein. Durchschlagpapier, dieses Knistern, blau später die Finger. Das Fenster. Kein Regen. Er schrieb:
Transformatoren (Typ KE-4), Lagerbestand aktuell: 0 (null). Produktion fortgesetzt gemäß Plan.
Das war alles was hineinpasste.
Was nicht hineinpasste: dass er, bevor er schrieb, kurz aus dem Fenster schaute und in diesem Schauen — drei Sekunden, vier — eine Frau über den Hof ging mit einem Kind an der Hand, das Kind zog an der Hand der Frau in Richtung einer Pfütze, die Frau ließ es, im letzten Moment ließ sie es, das Kind stand in der Pfütze und schaute auf seine Schuhe —
das ist vergangen. Unwiederbringlich. In keinem Archiv.
Die Leica kann das nicht zurückbringen. Er hatte sie nicht dabei.
HIER WAR SEINE BERECHTIGUNG ZU EXISTIEREN —
er hatte das geschrieben und gedacht: Berechtigung wofür. Zu schreiben. Zum Aufschreiben. Als ob er erst wirklich war weil es ihn im Bericht gab —
Kittler hätte das verstanden. Kittler hätte gesagt: natürlich. Das Subjekt ist eine Funktion des Aufschreibesystems. Du hast nicht geschrieben, das System hat durch dich geschrieben. Du warst der Kanal —
er weiß nicht ob er das tröstlich findet.
Er weiß nicht ob er das überhaupt denkt oder ob er es erfindet weil der Doktorand da ist und weil der Doktorand jung ist und weil man für junge Leute Gedanken formt die man selbst noch nicht zu Ende gedacht hat —
Der Doktorand schaut auf das Aufnahmegerät. Kleines digitales Ding, das alles aufnimmt: Stimme, Stille, das Klirren als die Tasse kurz den Tisch berührt, Straßengeräusche durch das Fenster, den Regen, das Atmen —
alles.
Auch das ein Aufschreibesystem. Ein anderes. Mit anderen Grenzen — Abtastrate, Kompressionsformat, Speicherplatz —
im Bericht von 1994: keine Körnung. Nur die Zahl.
im Aufnahmegerät: keine Bedeutung. Nur der Schall.
durch das Objektiv der Leica: kein Schall. Nur das Licht das auf den Film fällt, Silberhalogenid, chemische Reaktion, das Licht brennt sich ein —
einbrennen. Das Wort stimmt.
Er hat in den Neunzigern angefangen zu fotografieren. Nach der Öffnung. Als wäre das eine Reaktion gewesen, er weiß nicht ob es eine war. Er kaufte eine gebrauchte M4, schwarzes Gehäuse, abgegriffen an den Kanten, jemand hatte sie oft benutzt, er benutzte sie auch oft, er lief durch Erfurt das sich veränderte, durch Leipzig das sich veränderte, durch Berlin das sich schneller veränderte als man schauen konnte —
er fotografierte was verschwand.
Das war das Programm ohne Programm. Die Baulücken. Die Fassaden mit den Einschusslöchern aus 1945 die jetzt endlich zugemacht wurden. Die Schaufenster in der Übergangszeit, halb leer, halb voll mit Westware, ein Regal Rotkäppchen-Sekt neben einem Regal Schweppes —
er hat die Bilder nie gezeigt. Sie liegen in Schachteln.
Auch das ein Archiv. Die Bilder liegen darin weil er keine andere Schachtel hatte, weil der Keller trocken war, es gab keinen Grund.
Moriyama sagte einmal — er hat es gelesen, in dem Katalog oder einem anderen Katalog, er ist nicht sicher — dass er nicht selektiert. Dass er läuft und auslöst. Dass das Bild entscheidet, nicht er. Dass er nur der Körper ist der die Kamera trägt durch den Raum —
er hielt das für eine Pose. Vielleicht war es das auch.
Aber er hat dreißig Jahre Berichte geschrieben und weiß: man siebt nicht aus. Man ist der Kanal. Man ist das Aufschreibesystem, man trägt es durch die Zeit und löst aus wenn es verlangt wird und was auf dem Film bleibt, auf dem Durchschlagpapier, auf dem Band des Doktoranden — das stand im System fest —
Die Tasse. Der Rand. Braun innen, unausgespült, der kleine Sprung im Henkel den nur er kennt.
Er schaut auf die Tasse und denkt: das kann kein System aufschreiben. Dieses Wissen über den Sprung. Es ist nicht in den Berichten, nicht in den Schachteln mit den Negativen, nicht auf dem Band des Doktoranden —
es existiert nur in seiner Hand.
Wenn die Hand aufhört zu existieren, hört der Sprung auf gewusst zu werden.
Er legt die Hand flach auf den Tisch.
Der Doktorand macht das Aufnahmegerät aus.
Kleine rote LED. Die aufgehört hat zu leuchten.
Jetzt ist der Raum anders. Derselbe Raum, das Fenster, der Regen, der Ast — aber der Doktorand lehnt sich zurück, das Gerät ruht still, niemand zeichnet mehr auf. Als würden die Wände einen halben Zentimeter nachgeben.
Er bemerkt das.
Er sagt nichts darüber.
Abends, der Doktorand ist längst weg, er öffnet die Schachtel, die oberste, Negative, Kontaktabzüge, Erfurt 1993, er hält einen Streifen gegen das Licht —
körnig. Zu körnig für damals, er hatte noch nicht verstanden, er hat Tri-X mit 3200 belichtet ohne Grund, nur weil er das Gefühl hatte dass mehr Körnung mehr Wahrheit ist, are bure boke ohne es zu wissen —
das Kind in der Pfütze ist nicht dabei.
Er war ohne Kamera an diesem Tag. Er hat geschrieben. Im Bericht stand: Transformatoren, Stückzahl null, Produktion fortgesetzt.
Das Kind in der Pfütze ist nirgendwo.
Außer hier.
Jetzt.
Für wie lange noch.
Er legt den Negativstreifen zurück. Macht die Schachtel zu.
Die Kamera liegt noch auf dem Tisch. Er nimmt sie, fühlt das Gewicht, das vertraute Gewicht, schaut auf das Bildzählwerk — achtzehn noch, sechzehn, er hat falsch gezählt —
er macht das Licht aus.
Schaut durch den Sucher in den dunklen Raum.
Aus dem Wortbruch / April 2026
METALABOR
Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)
Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.
