7:41, Sonntag, die Jacke war für ein Gebirge gedacht, dünner Stoff gegen einen Wind den es nicht gibt, ich gehe los, grüß gott sage ich zur ersten Hausecke, niemand, hallo zum Mülltonnenwinkel, niemand, die Straße liegt da als hätte man sie über Nacht weggeräumt, (die Stadt eingeklappt, zusammengelegt wie Wäsche und in einen Schrank den keiner findet), parkende Autos schlafend, kein Atem hinter den Scheiben.

die Q2 Mono am Riemen schwer, ich hebe sie, klack, der Verschluss ein einziges trockenes Wort, dann das pfump, taghell mitten in den Morgen geschossen, überirdisch das, außerirdisch, ein Lichtloch in den Sonntag gestanzt wo keiner ist der zusammenzuckt. Grußloch denke ich und gleich daneben Blitzloch, das Wort fällt mir ein und fällt sofort hinein, grüß gott in ein Grußloch, pfump in das andere.

8:02. ein Vorhang bewegt sich, oder, ich entscheide mich für: nicht. Asphalt mit Tau, die Linde tropft auf eine Motorhaube, tipp, tipp, das einzige Gespräch das hier geführt wird, bis ich es unterbreche, klack, pfump, der Blitz heller als der Tag den es schon gibt, Straßenfotografie ohne Straße, ohne Leute, die Geste im Leeren vollzogen, das Heben, das Anlegen, das Drücken, eine Liturgie für niemanden im Großstadtdickicht das hier ein Reihenhausdickicht ist, Hecke an Hecke, Carport an Carport.

die Geste sitzt, der Inhalt fehlt. ich fotografiere den Tau, die Motorhaube, das Tippen das ich gerade weggeblitzt habe. hallo sage ich noch einmal, zur Übung, hallo, und höre die eigene Stimme von der Garageneinfahrt zurückkommen, leicht verschoben, jünger, fremder, eine die ich nicht gegrüßt hätte und schon gar nicht geblitzt.

ich gehe weiter, sonntagsbrach das ganze Viertel, die Funktionskleidung an mir für nichts ausgelegt, die Kamera für niemanden scharfgestellt, der Spaziergang eine Prüfung die keiner abnimmt. Allein die Schritte zählen leise mit. irgendwo ein Rollladen, hochgezogen, dann das Klacken, dann wieder die Brache, dann ich, der hier herumläuft und etwas grüßt und etwas blitzt und beides verfehlt, taghell, überirdisch, in den menschenleeren Sonntag hinein.

und dann, und dann, eine Bank am Wegrand, sonnenfeucht, ich setze mich, lege mich fast, ermattet auf die Himmelsliege, die Jacke endlich für etwas gut, ein Polster, der Riemen lockert, die Q2 Mono ruht auf dem Bauch wie ein schlafendes Tier, und der Tag steigt, das Licht wird weicher, wird gut, und dann, hinter der Hecke, ein Schritt, ein wirklicher, und ein Gesicht, ein freundliches, das über die Hecke kommt langsam wie eine zweite Sonne, grüß gott sagt es, grüß gott, zu mir, in mich hinein, kein Grußloch mehr, das Wort fällt und wird gefangen, gehalten, zurückgegeben, hallo sage ich und meine es, hallo, und das Gesicht lacht, taghell, überirdisch, das einzige Licht heute das ich nicht selbst gemacht habe, und ich hebe nicht die Kamera, ich hebe gar nichts, ich liege auf der Himmelsliege und werde gegrüßt und grüße zurück und das ist es, das ist genug, der ganze leere Sonntag jetzt voll von diesem einen Gesicht.


Service

  • Jenny Odell, Zeit finden

  • Paul Lafargue, das Recht auf Faulheit

  • Sascha Büttner, magazin für alles – Ausgaben 1-5


METALABOR

Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa1, Villmar (Lahn)

Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.


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Eine Person, mir bekannt und sehr geschätzt, sagt: das Grand Hotel Europa, das gibt es nicht, nur in meinem Kopf, nirgends sonst. nachgesehen habe sie, im Internet, im Ansagedienst Google Maps, nichts, kein Hotel, nicht auffindbar. eine Jugendherberge vielleicht, sagt die Person, oder schäbiger, eine Absteige, ja, eine Absteige muss es sein. (Unfug natürlich, gewiß, gewiß.) das metalabor aber, das sei hier versichert, einmal, deutlich: existiert. heuer zum 11. Mal, seit 2016, jedes Jahr, wieder.