Vom 4. April her, sage ich, ich meine vom Lichtansatz her: dieses Schrägwerden, dieses Fast-Sturzkippen der Sonne in die Mittagsfenster, dieses Aufgeschlagene der Tage, daß man morgens schon zur Tür hinausgeworfen wird und nicht weiß wohin mit den Händen. Im Hof die Forsythie noch, schon, abblühend, das Gelb kippt um in Blattgrün, ein sich selbst verzehrender Strauch, dachte ich, eine Pflanze die ihre eigene Erinnerung auffrißt. (E. telefoniert, ich höre ihre Stimme durch die halboffene Tür, „so ein Wetter”, sagt sie, „so ein Wetter” – als wäre Wetter ein Möbelstück das man in den falschen Raum getragen hat.)

Magnolien gegen den nassen Beton, die rosa angelaufenen Lippen der Bäume, ein Saugmund-Geblühe, sage ich. Drei Tage später schon das Gestürze: Blütenflocken am Bordstein, Konfetti einer Feier zu der man nicht eingeladen war. Der Asphalt frißt das Rosa weg innerhalb von Stunden u.zw. mit aller Gleichgültigkeit der Mineralien.

Vogelgeknatter im Hinterhof, die Amseln aufdringlich wie Nachbarn, ich notiere mir „ASTERISKEN/ASTGEFLECHT”, weiß im Moment des Notierens schon nicht mehr was ich gemeint habe. Das Gehirn April-durchlöchert, denke ich, durchsickert von Pollen und Halbgedanken und der ständigen Mühe, sich an die eigene Adresse zu erinnern.

Am 22. April: Regenwand. Stundenlang. Das Atelier kleinrauschend hinter den Scheiben, Linsen aus Wasser, die Magnolie längst ein Skelett mit grünen Fingerchen, und ich, mit Tee, mit Heidegger, mit einer halbgegessenen Birne, dieses Birnenbiß-Gefühl in der Hand, dieses Was-noch-übrig-ist. Mein Tisch zugepflastert mit Sätzen die ich morgens aufschreibe und nachmittags nicht mehr lesen kann, eine Schichtkunde, jeden Abend eine andere Geologie.

Walpurgisabend: Rauchgeruch durch die Dachluke, irgendwo brennt ein Feuer, irgendwo wird gefeiert, irgendwo trommelt jemand auf einen umgedrehten Eimer. E. sagt: „Hörst du das?” Ich höre es nicht, ich höre etwas anderes, ein Innengeräusch, ein Eigenrauschen, das Maiklopfen vielleicht, das man im Brustkorb hat wenn der Winter sich endlich entscheidet, abzutreten.

Anfang Mai: Flieder im Aufgehen, ein Lila-Geflüster, das in die Wäschestücke einzieht, in die Hemdenkragen, in die zum Lüften herausgehängten Jacken. Auf dem Fensterbrett – Kirschblütenüberreste, Pollenbatzen, ein Insektenflügel den ich nicht zuordnen kann. Das Jahr kippt jetzt, sage ich, ich meine: das Jahr hat seinen Schwerpunkt verlagert, hängt schief in der Luft wie eine schlecht gehängte Lampe.

Ich gehe hinunter in den Hof, ich gehe immer wieder hinunter, ich kann nicht aufhören die Bäume in ihrem Stundentakt anzuschauen, dieses Fast-Schon-Voll-Belaubtsein, dieses Beinahe-Sommer, beinahe, beinahe – „beinahe” ist das Wort des Mai, denke ich, das Maiwort schlechthin, ein Vorwort zum Sommer, ein Hinausstehen und Noch-Nicht-Wissen. E. ruft aus dem Fenster, irgendetwas wegen Brot, wegen Einkauf, wegen Vergessenem, ich höre es halb, ich gehe weiter, ich gehe einmal um den Block (Aprilrundgang, Mairundgang, Übergangsrundgang) und komme zurück mit nichts in den Händen außer dem Geruch der Stadt, der jetzt anders ist, frischwarmer, etwas asphaltsüßer, durchrascht mit Lindenstaub —

und schon stehe ich wieder am Schreibtisch, schon notiere ich, schon vergißt sich etwas während ich es notiere, ein Durchwischen, ein Verrutschen, das Notat schon halb durchscheinend, halb fortgewischt von dem was nachkommt.


Weiter, weiter


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