Versuch einer Erschöpfung eines Limburger Zimmers

I. Inventar des Sichtbaren

Das Zimmer befindet sich im dritten Stock eines Gebäudes in der Frankfurter Straße, Limburg an der Lahn, Bundesrepublik Deutschland. Es misst 4,20 × 3,85 Meter. Die Deckenhöhe beträgt 2,94 Meter. Es gibt ein Fenster (Doppelverglasung, Baujahr vermutlich 1987), durch das man, wenn man sich in einem Winkel von ungefähr 35 Grad nach links neigt, den Dom sehen kann. Es gibt eine Tür (Weißlack, Drückergarnitur Messing, angelaufen). Es gibt einen Boden (Eiche, versiegelt, an drei Stellen abgetreten). Es gibt vier Wände.

An der nordöstlichen Wand, 1,42 Meter vom Fenster entfernt und 0,87 Meter über dem Boden, hat sich die Tapete gelöst. Die gelöste Stelle hat die Form eines ungleichmäßigen Dreiecks. Fläche: ungefähr 12 Quadratzentimeter.

Man piddelt daran. Nicht absichtlich. Daumen und Zeigefinger an der losen Kante, während man aus dem Fenster sieht, während man den Dom nicht ansieht, während man an nichts denkt. Piddeln ist eine Handlung ohne Vorsatz. Deshalb findet man etwas.

II. Schichtenverzeichnis (von außen nach innen)

Schicht 1: Raufasertapete, weiß überstrichen, Anstrich Alpinaweiß, matt. Wahrscheinlich 2004, als die Wohnung letztmalig renoviert wurde. Der Vermieter, eine Immobiliengesellschaft mit Sitz in Montabaur, hatte damals 14 Wohneinheiten gleichzeitig renovieren lassen. Kostenpunkt pro Einheit: 4.200 Euro. Die Rechnung existiert noch.

Schicht 2: Mustertapete, Blumendekor, braun auf beige. Herkunft wahrscheinlich Tapetenfabrik Gebr. Rasch, Bramsche. Katalog 1971 oder 1972. Das Muster heißt »Elise«. Es wurde 380.000 Mal verkauft, hauptsächlich an Haushalte in Mittel- und Nordhessen.

Schicht 3: Leimfarbe, grünlich, darunter Putz. Im Putz: Schrift.

Das Dreieck ist inzwischen größer geworden. Man hat nicht gemerkt, wann die Finger angefangen haben, weiterzumachen. Das ist das Gesetz des Piddelns: es gibt keinen Moment der Entscheidung. Es gibt nur vorher und nachher, und dazwischen die Finger, die machen, was sie wollen.

III. Exkurs: Zur Geschichte der Firma Yoyodyne Nachrichtentechnik GmbH, Niederlassung Limburg (1956–1971)

Am 14. März 1956 mietete die Firma Yoyodyne Nachrichtentechnik GmbH, eine Tochtergesellschaft der in San Narciso, Kalifornien, ansässigen Yoyodyne Inc., drei Büroräume im dritten Stock des Gebäudes Frankfurter Straße. Geschäftszweck laut Handelsregister: Entwicklung und Vertrieb nachrichtentechnischer Anlagen. Die Firma beschäftigte zwischen drei und sieben Mitarbeiter. Was genau sie tat, ließ sich nie vollständig klären.

Ein Ingenieur namens Weidmann, der von 1962 bis 1968 dort arbeitete, soll an einem internen Kommunikationssystem gearbeitet haben, das die Hohlräume in den Fachwerkwänden des Gebäudes nutzte. Nicht Rohrpost. Etwas anderes. Ein akustisches Verfahren, bei dem Signale durch die Resonanzen des Fachwerks selbst übertragen wurden. Die Wände als Medium. Das Gebäude als Sender.

Weidmann verschwand am 3. November 1968. Seine Personalakte besteht aus einem einzigen Blatt. Darauf steht sein Name und ein Satz: Projekt abgeschlossen.

Die Niederlassung wurde 1971 geschlossen. Kein Grund angegeben.

IV. Was die Schrift sagt

Die Schrift im Putz, mit Bleistift aufgetragen, umfasst 34 Zeichen. Es handelt sich um Buchstaben und Zahlen. Sie ergeben keinen lesbaren Satz. Möglicherweise handelt es sich um eine Codierung. Möglicherweise handelt es sich um nichts.

Die Zahlen, in Dreiergruppen gelesen, könnten Koordinaten darstellen. Die Koordinaten führen, wenn man sie auf eine Karte überträgt, an einen Punkt in der Lahn. Flussmitte. Dort befindet sich, selbstverständlich, nichts.

Die Finger haben inzwischen aufgehört. Sie liegen im Schoß. Unter den Nägeln: Putz, weiß, und etwas Braunes, das der Kleister von 1972 sein könnte oder auch nicht.

V. Zum Problem des Nichts (Darstellung)

Es gibt, grob gesprochen, zwei Arten von Nichts.

Das erste Nichts ist ein Nichts, das einmal etwas war. Ein leerer Stuhl. Ein geräumtes Zimmer. Ein abgerissenes Haus. Die Lücke in der Zahnreihe der Fachwerkhäuser am Kornmarkt, wo 1973 ein Neubau errichtet wurde, der aussieht wie eine Beleidigung. Dieses Nichts hat eine Geschichte. Man kann es befragen.

Das zweite Nichts ist ein Nichts, das nie etwas war. Es hat keine Geschichte. Man kann es nicht befragen. Man kann es nur zukleben.

Die Tapete gehört zum zweiten Nichts. Das Piddeln gehört zu keinem von beiden. Es ist eine Handlung zwischen den Arten des Nichts. Eine Geste, die nicht fragt und nicht antwortet, sondern nur die Oberfläche abrückt, bis etwas sichtbar wird, das vielleicht nie verborgen sein wollte.

VI. Fotografie (Versuch)

Am 7. Februar, 14:32 Uhr, wurde die freigelegte Stelle mit einem Mobiltelefon fotografiert. Das Foto zeigte: Putz. Keine Schrift. Kein Muster.

Am 7. Februar, 14:33 Uhr, zweiter Versuch. Das Foto zeigte: ein Muster, das auf dem ersten Foto nicht sichtbar gewesen war. Kein Blumendekor. Etwas Geometrisches. Ein Raster. Ein Plan.

Vergrößerung: Das Raster ähnelt einem Stadtplan. Straßen ohne Namen, nummeriert. Die Nummern ergeben, nach verschiedenen Methoden addiert, stets die Summe 49.

Die Aufnahme wurde nicht gespeichert. Das Telefon speicherte stattdessen ein Foto der Zimmerdecke, das niemand gemacht hatte.

VII. Zettel unter der Tür

Am 7. Februar, gegen 15 Uhr, wurde ein Zettel unter der Wohnungstür durchgeschoben. Papier: DIN A6, liniert, aus einem Spiralblock gerissen. Handschrift: Kugelschreiber, blau, Großbuchstaben.

Text: SIE WISSEN DASS DU PIDDELST

Absender unbekannt. Im vierten Stock wohnt seit 2019 ein Mann namens Stanhope. Er arbeitet, laut eigener Auskunft, für eine Beratungsfirma. Welche Firma, hat er nie gesagt. Man hat auch nie gefragt. In Limburg fragt man nicht.

Die Frage ist, woher sie es wissen. Piddeln ist lautlos. Piddeln hinterlässt keine Spuren, die man durch eine Decke oder eine Wand hindurch lesen könnte. Oder doch. Vielleicht überträgt das Fachwerk alles. Vielleicht ist Weidmanns System nie abgeschaltet worden. Vielleicht funktionieren die Wände noch, als Medium, als Sender, und jedes Kratzen an der Oberfläche geht durch das ganze Gebäude wie ein Puls. Unter den Nägeln der Kleister. Die Krümel auf dem Boden. Die Stelle an der Wand, die jetzt so groß ist wie zwei Hände, ganz unmerklich. Und im vierten Stock jemand, der es spürt.

VIII. Zustand am folgenden Morgen

Am 8. Februar, 7:14 Uhr: Die Tapete war wieder geschlossen. Keine Nahtstelle. Kein Dreieck. Die Oberfläche: glatt.

Das Blumenmuster allerdings war ein anderes. Nicht »Elise«. Etwas, das an den Rasch-Katalog von 1968 erinnerte, der nie veröffentlicht wurde, weil die gesamte Auflage — so die offizielle Erklärung — bei einem Lagerbrand in Bramsche vernichtet worden war.

Draußen, unterhalb des Doms, die Lahn. Sie floss in die falsche Richtung. Aber das tut sie manchmal, sagten die Leute in der Bäckerei am Neumarkt, das liegt am Regen, das liegt am Stau, das liegt an Limburg.

IX. Nachtrag

1.442 Tapetenrollen wurden zwischen 1951 und 2003 in dem Gebäude Frankfurter Straße verbraucht. 23 Mieter bewohnten in diesem Zeitraum die Wohnung 3R. Keiner von ihnen hat je etwas Ungewöhnliches gemeldet. Einer von ihnen, ein Ingenieur, verschwand.

Einer von ihnen sitzt auf dem Boden und piddelt.

Es ist keine Absicht. Es war nie eine Absicht. Die Finger machen es einfach, wie sie es immer gemacht haben, an Aufklebern, Etiketten, losen Rändern, an allem, was sich löst. Und alles löst sich, irgendwann. Das ist kein Gesetz. Das ist Physik. Oder Limburg. Was in diesem Fall dasselbe ist.