Alle Fotografien wurden mit der Leica Q2 Mono aufgenommen.
Limburg Süd
Jahresabschlusswanderung entlang der Route Limburg Süd.
Limburg, 2025-12-30, 4:43 h, 25,6 km
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Länge | ca. 25 Kilometer (Rundweg) |
| Gehzeit | ca. 5,5 Stunden |
| Eröffnung | 19. Juni 2015 Lindenholzhausen (im Park an der Domäne Blumenrod offiziell vorgestellt) |
| Konzeption | Thorsten Renz vom Amt für Verkehrs- und Landschaftsplanung |
| Markierung | Kleine weiße Schilder mit roter Beschriftung „LM – S” |
Limburg Süd Journal
30. Dezember 2025
Limburg, 7:17 Uhr — Dämmerung.
Wenn ich diesen Ort verstehen wollte — wirklich verstehen — müsste ich ein Schild schnitzen. Umpan nennt Yunkaporta die Methode. Man schnitzt ein Muster in Holz. Nicht um es zu dekorieren. Um zu denken. Die Linien zwingen dich die Verbindungen zu sehen. Die Knoten zu ignorieren und nur die Beziehungen zwischen ihnen. Und dann — am schwersten — die Beziehungen zu ignorieren und nur das Gesamtmuster zu sehen.
Drei Linien würde ich schnitzen für dieses Becken. Die Lahn. Die A3. Die ICE-Trasse. Drei Arten zu fließen. Wasser. Asphalt. Stahl. Sie durchqueren denselben Raum aber sie berühren sich nie wirklich. Jede in ihrer eigenen Zeit.
Jetzt höre ich nur Asphalt und Stahl. A3 und ICE schlafen nie. Die Lahn fließt irgendwo darunter aber sie ist stumm geworden. Übertönt. Die Leica um den Hals. Die Uhr sagt 105 Pulse pro Minute bevor ich auch nur einen Schritt getan habe. Nervosität oder Kaffee. Wahrscheinlich beides.
Los.
7:54 — Eschhofen. Die Lahn 110 Meter über dem Meer. Ich auch. Der Weg biegt ab bevor die Holzbrücke nach Dietkirchen kommt. Die Lubentiusbasilika auf ihrem Felsen bleibt drüben am anderen Ufer. Man sieht sie. Man geht nicht hin. Manchmal ist das Sehen genug.
8:23 — Weiter die Route LM-S entlang. Puls 89. Der Körper findet seinen Rhythmus. Ein Radfahrer überholt ohne zu grüßen. So ist das in diesem Jahrhundert.
9:18 — Lindenholzhausen. Puls steigt auf 137 beim Anstieg. Die Lindenmühle am Emsbach. Seit 722 Jahren steht hier eine Mühle. Das Rad dreht sich nicht mehr. Aber das Gebäude steht und der Bach fließt. Ist es nicht immer genug dass etwas steht und etwas fließt?
Der Sauerborn. Mineralwasser aus der Erde. Kostenlos. Ich fülle die Flasche. Das Wasser schmeckt nach Eisen und Zeit. Erste Rast. Die Beine freuen sich.
Hier nehme ich A3 und ICE auf. Die drei Linien des Beckens — aber nur zwei davon hörbar. Die Lahn schweigt unter dem Asphalt und Stahl. [→ radio aporee]
10:24 — Aufstieg zum Mensfelder Kopf. Puls 133. Die Beine brennen. 314 Meter ist nicht hoch aber es fühlt sich an wie etwas. Von oben sieht man das Becken. Tektonisches Einbruchsfeld aus dem Tertiär. Löss aus der Eiszeit. Lahnmarmor aus dem Devon — 380 Millionen Jahre altes Gestein das im Empire State Building verbaut wurde.
Alles hier. Alles gleichzeitig. Schichten über Schichten.
Zweite Rast. Die Bank am höchsten Punkt. Der Wind. Die Stille die keine ist weil A3 und ICE auch hier oben zu hören sind.
Linter — Ein Dorf wie alle Dörfer. Fachwerk. Stille. Eine Katze auf einer Mauer die mich ansieht als wüsste sie etwas das ich nicht weiß.
Blumenrod — Das Paradies öffnet sich. So heißt das Tal hier wirklich. Heute findet hier nur ein Mann mit Kamera statt der müde wird.
12:42 Uhr — Limburg
Zurück am Ausgangspunkt. Die Uhr sagt: 25,56 Kilometer. 358 Meter rauf. 361 Meter runter. 5 Stunden 25 Minuten insgesamt. 4 Stunden 43 in Bewegung. Der Rest: 42 Minuten. Sauerborn. Mensfelder Kopf. Und hier und da stehen bleiben weil das Licht auf etwas fiel das gesehen werden wollte. 1643 Kalorien. Zahlen die etwas bedeuten und gleichzeitig nichts bedeuten.
Der Dom leuchtet im Mittag. Ich gehe ins Café am Fischmarkt. Kaffee. Sitze am Fenster. Sehe den Leuten beim Vorbeigehen zu. Denke an nichts Bestimmtes.
Das ist das Beste am Wandern. Man kommt an und sitzt und trinkt etwas und alles was man getan hat steht hinter einem wie eine Tatsache.
Abendnotizen — Moriyama hat einmal gesagt: Wenn ich fotografiere bin ich nicht wirklich bei Bewusstsein. Die Kamera übernimmt.
So war es auch heute.
Man geht und die Bilder kommen. Man kontrolliert nichts. Man empfängt. Die Fragmente reihen sich aneinander ohne Hierarchie. Laternen die noch brennen obwohl der Tag schon da ist. Die Lahn die nichts sagt. Drüben die Kirche mit den Knochen eines Mannes der seit 1600 Jahren tot ist. Eine Bank die mir sagt ich soll den Augenblick genießen. Ein Pferd das mich ansieht und weiterfrisst. 300 km/h die an mir vorbeidonnern. Bäume die jemand angeschrien hat mit Sprühdosen. Das Becken von oben. Mein Schatten auf dem Weg vor mir. Beton der auf einen Krieg wartet der nicht mehr kommt. Alles gleichwertig. Alles nebeneinander wie Sätze die kein Komma brauchen.
Die Ordnung die man nicht macht sondern findet. Das Muster das entsteht wenn man aufhört zu ordnen.
Wu-Wei nennen es die Chinesen. Nicht-Handeln. Aber das ist falsch übersetzt. Es bedeutet: handeln ohne zu handeln. Gehen ohne zu gehen. Fotografieren ohne zu fotografieren.
Bilder auf den Computer geladen. Fragmente eines Tages. Sie erzählen keine Geschichte. Sie sind die Geschichte. Nebeneinander. Ohne Anfang und Ende.
Das Limburger Becken war heute eine Landschaft. Morgen wird es etwas anderes sein. So ist das mit Orten. Sie bleiben und verändern sich und man kann nur sehen was man sieht in dem Moment in dem man es sieht.
Der Rest ist Schweigen. Oder Bilder. Was dasselbe ist.
— S., Limburg
























