Zwölf Brücken, ein Weg

Alle Fotografien wurden mit der Leica Q2 Mono am 25. Januar 2026 aufgenommen.

Zwölf Brücken, ein Weg

Unterwegs auf dem Eschhöfer Brücken-Weg

Limburg, 2026-01-25, 3:09 h, 17,5 km

Zwölf Brücken, ein Weg

Vor Monaten fiel mir ein Faltblatt in die Hände. Vier Eschhöfer Ehepaare, die sich Schnudedunker nennen und eigentlich für ihren Wein bekannt sind, hatten die Brücken ihrer alten Gemarkung gezählt und einen Weg daraus gemacht. Zwölf Stück. Das Papier lag seither auf dem Schreibtisch.

Heute also.

Kurz nach acht, Egenolfstraße. Grau in grau der Himmel, die Wolkendecke geschlossen, als hätte jemand einen Deckel über das Lahntal gelegt. Minusgrade, aber windstill. Januar, der Monat, in dem die Landschaft sich zurückzieht, in dem die Farben verblassen zu Braun, Grau, dem matten Grün der Winterwiesen. Ein Tag für die Monochrom. Die Leica hängt um den Hals, 28 Millimeter, kein Farbsensor, nur Helligkeitswerte. An Tagen wie diesem ist die Welt ohnehin schwarzweiß.

Was eine Brücke ist, scheint klar zu sein: ein Bauwerk, das über ein Hindernis führt. Die Römer wussten das, die Ingenieure wissen es noch immer. Aber was verbindet eine Brücke eigentlich? Zwei Ufer, sagt die Vernunft. Zwei Zustände, sagt vielleicht etwas anderes – das Vorher und das Nachher, das Hier und das Dort. Wer eine Brücke betritt, ist noch nicht angekommen. Wer sie verlässt, hat etwas hinter sich gelassen.

Am höchsten Punkt, 187 Meter, eine Gedenktafel. Hier kämpften 1796 Österreicher gegen Franzosen. Das Gelände erinnert an nichts. Gras, Büsche, der Hang. Schlachtfelder werden zu Wanderwegen, Wanderwege zu Geschichten, Geschichten zu Faltblättern, die auf Schreibtischen liegen, bis jemand aufbricht.

Es gibt Brücken, unter denen man hindurchgeht. Die ICE-Trasse überspannt das Lahntal. Sekunden braucht der Zug, um drüber zu donnern. Ich brauche Minuten, um darunter hindurchzuwandern. Der Körper als Maßstab für Geschwindigkeit, für Entfernung, für Zeit. Ein Stundenstein von 1789 verkündet: zwölf Stunden bis Frankfurt. Damals zu Fuß, heute rauscht der ICE in vierzig Minuten durch. Der Stein steht noch, als Kuriosität am Wegesrand.

Am tiefsten Punkt, 110 Meter, die Lahn. Das Wasser fließt so langsam, dass es fast stillzustehen scheint. Jemand hat die Lahn einmal den friedlichsten Fluss Europas genannt – ob das stimmt, weiß ich nicht, aber hier, bei Minusgraden, unter einer geschlossenen Wolkendecke, lässt sich nichts dagegen einwenden. Die Strömung ist kaum wahrnehmbar. Die Staustufen haben dem Fluss seine Eile genommen, haben ihn zu einer Kette stiller Becken gemacht. Wer hier rudert, rudert nicht gegen etwas an. Er gleitet.

Bevor ich sie sehe, höre ich sie: Dollen, die klacken, Wasser, das von Blättern tropft. Ein Achter schiebt sich flussabwärts, die Riemen tauchen synchron ein, heben sich, tauchen ein. Dahinter ein Zweier, weiter flussaufwärts ein Einer. Bei Minusgraden. Der Atem der Ruderer steigt als Dampf auf, die Bootskörper gleiten lautlos. Wer bei diesem Wetter aufs Wasser geht, hat einen Grund, der über Sport hinausgeht. Oder gar keinen Grund, was vielleicht auf dasselbe hinausläuft.

Ich bleibe stehen, schaue zu, hebe die Kamera nicht. Manche Bilder macht man nicht, man behält sie. Die Brücke, auf der ich stehe, verbindet Eschhofen mit Dietkirchen, trägt den Namen eines ehemaligen Stadtverordnetenvorstehers. Namen haften an Orten, auch wenn die Menschen längst gegangen sind. Die Ruderer verschwinden flussabwärts, einer nach dem anderen, bis nur noch das graue Wasser bleibt und die Lubentiuskirche am anderen Ufer.

Bäche machen Geräusche, die man erst hört, wenn man aufhört zu gehen. Der Emsbach gurgelt unter einer Brücke hindurch, unbeirrt, seit Jahrhunderten. Die Schnudedunker haben Flurnamen recherchiert, die niemand mehr kennt. Entepuhl sagen die Leute zur Rheinstraße. Warum, weiß keiner. Sprache als Sediment, abgelagert in Schichten, die nur noch die Alten lesen können.

Im Feld oberhalb Eschhofens bleibe ich stehen. Der Flyer verspricht ein 360-Grad-Panorama. Ich drehe mich einmal um die eigene Achse. Die Kirchturmspitze von St. Antonius sticht in den grauen Himmel. Dort hätte die Tour beginnen sollen, dort hätte sie enden sollen. Aber ich bin in der Egenolfstraße gestartet, ich werde in der Egenolfstraße ankommen. Der Kreis schließt sich, nur eben an einer anderen Stelle.

Punkt dreizehn Uhr. Das Faltblatt kann zurück auf den Schreibtisch. Oder in die Schublade. Erledigt heißt nicht vergessen.


17,5 km · 3:09 h Gehzeit · 230 m ↑ · 224 m ↓ · 110–187 m ü. NN · Ø Puls 102 bpm

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Eschhöfer Brücken-Weg, Januar 2026. Schwarzweiß-Fotografie mit Leica Q2 Monochrom von Sascha Büttner.

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